Die positive Wirkung von Rindern auf Ökosysteme
Wie bitte? Rinder sollen gut für Ökosysteme sein? Sie stoßen doch große Mengen Methan aus und belasten damit das Klima!
So zumindest die weitverbreitete Vorstellung. Und tatsächlich wirft die intensive Rinderhaltung viele ökologische Fragen auf: Futter, das über weite Strecken transportiert wird, große Mengen Gülle und Tiere, die einen Großteil ihres Lebens in Ställen verbringen.
Doch liegt das Problem bei den Rindern selbst – oder vielmehr darin, wie wir sie halten?
In der Natur ziehen große Herden von Gnus und Büffeln über weite Landschaften. Sie grasen, düngen und ziehen weiter. Durch dieses Zusammenspiel können sie die Entwicklung von Graslandschaften maßgeblich beeinflussen.
Was würde geschehen, wenn wir unsere Rinder nach diesem Vorbild halten?
Das wollten wir herausfinden. Ende 2020 schafften wir eine kleine Herde Murnau-Werdenfelser Rinder an und begannen, die natürlichen Bewegungsmuster großer Weidetiere nachzuahmen.
Gar nicht so einfach! Denn rund um Wiesbaden gibt es kaum große, zusammenhängende Weidelandschaften. Stattdessen viele kleine Wiesen und Streuobstflächen. Also bauten wir Zäune auf, bauten sie wieder ab und zogen mit unseren Rindern von einer Wiese zur nächsten. Mancher Landwirt betrachtete unser Treiben durchaus skeptisch.
Doch wir wollten nicht nur ausprobieren, sondern auch verstehen. Deshalb untersuchten wir Jahr für Jahr, wie sich die beweideten Flächen veränderten.
Und die Ergebnisse bringen uns selbst zum Staunen!
2026 liegen uns Auswertungen von 15 Flächen vor, die seit vier bis sechs Jahren ganzheitlich beweidet werden. Im Durchschnitt verbesserten sich die untersuchten ökologischen Indikatoren um 520 %. Die Artenvielfalt nahm deutlich zu, die Bodenbedeckung verbesserte sich und der Anteil offenen Bodens ging um 80 bis 100 % zurück.
Auch die Produktivität der Wiesen stieg. Auf derselben Fläche können wir heute doppelt, teilweise sogar dreimal so viele Tiere ernähren wie zu Beginn. Und unsere Rinder sind gesund, die Kälber wachsen prächtig.
Was für eine Entdeckung!
Rinder können weit mehr sein als reine Nutztiere. Richtig geführt, können sie dazu beitragen, geschädigte Graslandschaften zu regenerieren, die Artenvielfalt zu fördern und Böden wieder fruchtbarer zu machen.
Wir stehen mit unserer Entdeckungsreise noch lange nicht am Ende. Doch eines haben uns die vergangenen sechs Jahre eindrucksvoll gezeigt: Wenn wir die Natur als Vorbild nehmen, eröffnen sich erstaunliche Möglichkeiten.