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Blog aus Bolivien 4: Ein Nadelöhr

Kakaoanbau im dyamischen Agroforst. Foto: Naturefund

Reise ins tropische Tiefland. Besuch verschiedener Agroforst-Parzellen. Eine zentrale Frage: Wie kann das Wissen vom dynamischen Agroforst erhalten und verbreitet werden?

Unbekannte Vielfalt Boliviens

Wer an Bolivien denkt, denkt an die Anden. Doch das Land neigt sich im Osten dem Amazonasbecken zu und Zweidrittel der Landesfläche sind Tiefland, darunter große dünnbesiedelte Gebiete mit tropischem Regenwald. Das Land ist arm und reich zugleich. Reich an Bodenschätzen und unterschiedlichsten Landschaften. Arm an Einkommen. Neben Haiti und Nicaragua gehört Bolivien zu den ärmsten Ländern des amerikanischen Kontinents.

Wir sind für zwei Tage nach Rurrenabaque ins tropische Tiefland gereist, um PRISA Bolivia zu besuchen. Sie helfen seit fast 20 Jahren Bauern, ihr Land mit Agroforst zu bewirtschaften, am besten mit dynamischem Agroforst. Insbesondere im Kakaoanbau bewährt sich dynamischer Agroforst. Wir besuchen eine Kakaoparzelle und Senora Geyza Chuqui zeigt uns Wildkakao und Hybridkakao.

Wildkakao ist aromatischer, aber auch kleiner. Hybridkakao erzielt mehr Ertrag, ist jedoch anfälliger für Krankheiten. Dynamischer Agroforst schützt vor Krankheiten und – das ist ein sehr wichtiger Aspekt – erzeugt auf derselben Parzelle Nahrungsmittel und andere Produkte zum Verkauf für die Bauern.
 

Was ist dynamischer Agroforst?

Und hier beginnen meine Gedanken zu kreisen, suche ich immer wieder nach Lösungen, ohne eine endgültige Antwort gefunden zu haben. Zum Verständnis: Als Agroforst kann jede Landwirtschaft bezeichnet werden, die mit Bäumen arbeiten, wie z. B. eine Streuobstwiese mit Obstbäumen. Auch dynamischer Agroforst arbeitet mit Bäumen und doch unterscheidet sich diese Methode von fast allen, die ich bisher gesehen haben. Hier die zentralen Aspekte:
 

  • Es werden keine Reihen von Bäume gepflanzt, sondern Pflanzensysteme aufgebaut.
  • Der Zustand ist nicht statisch – also ich pflanze einen Baum und beernte ihn dann – sondern es wird ein Pflanzenkonsortium gepflanzt, dass sich ständig verändert, daher der Begriff “dynamisch”.
  • Das Schneiden von Pflanzen ist ein wichtiger Aspekt, weil das System damit gezielt im Status der “Jugend” gehalten wird, denn auch bei den Pflanzen erfolgt der größte Wachstumsschub in der Jugend. Durch das Schneiden wird die Pflanze animiert, immer wieder auszutreiben, wodurch im System die Produktivität und der Aufbau an Biomasse wie auch an Früchten gesteigert wird.
  • Alte Individuen werden gekappt, damit sie wieder jugendlich wachsen, oder sie werden ganz gefällt, um Platz für die Jungen zu schaffen.
  • Das Schneiden der Pflanzen führt dem Boden ständig Biomasse zu und baut damit Humus auf.
  • Vielfalt im System wird gefördert und die natürliche Sukzession meist zugelassen. Das schafft ein gesundes System mit einem intakten Boden und wenigen Krankheiten.
  • Das dynamische Pflanzensystem, was sehr oft einem Naturwald ähnelt, wird ständig beobachtet und es wird permanent gelernt. Wie reagieren die Pflanzen, warum wächst die eine gut und die andere nicht ...?

Kurzum, die Grundprinzipien sind einfach: Beim Anbau von Produkten für den Menschen werden Vielfalt und natürliche Dynamik gefördert und es wird regelmäßig geschnitten. In der Summe erhält der Bauer genauso viel, in vielen Fällen sogar mehr Ertrag, wie von konventionell bewirtschafteten Flächen. Langfristig hat er weniger Arbeit und er hat ein gesundes System geschaffen, das keinen Dünger und keine Pestizide benötigt. Für all das sind allerdings Wissen und Erfahrungen nötig, um die optimale Kombination an Pflanzen einzusetzen, welche den meisten Ertrag bringen, und ebenso das Wissen, wann und wie geschnitten werden muss.
 

Das Nadelöhr sind drei Orte in Bolivien

Und hier ist das Nadelöhr. Das Wissen für diese Methode wurde den indigenen Völkern Lateinamerikas abgeschaut und in den 1990er-Jahren in Bolivien mit Unterstützung des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) weiter ausgebaut. Doch wie das dann so mit manchen guten Methoden ist, sie wurde nicht systematisch weiterentwickelt und vor allen Dingen nicht effektiv verbreitet.

Heute sind es insbesondere drei Orte in Bolivien, wo dieses Wissen angewendet wird: In Rurrenabaque und in Sapecho im Tiefland sowie im Hochland auf dem Forschungsbetrieb Mollesnejta bei Cochabamba. Nahe Sapecho wird auf der Finca Sara Ana seit Jahren diese Methode wissenschaftlich erforscht mit besonderen Fokus auf den Anbau von Kakao. Doch Sapecho ist ein kleines Dorf im Dschungel ohne Flughafen. Dorthin gelangt man nur über die gefährlichste Straße der Welt, die von La Paz über die Anden ins Tiefland führt und an der seit zwei Jahren gebaut wird. Zudem haben Regenfälle im März 2014 die Straße nach Sara Ana fortgespült. Jetzt kommt man nur noch auf dem Fluss mit dem Einbaum dahin. Kein Ort für Massentourismus. Eher einer für Abenteurer und Doktoranden, denn zahlreiche Doktorarbeiten entstanden auf dieser Kakaofinca. Viele Arbeiten untersuchten, ob und wie sich Agroforst, inbesondere der dynamische, auf den Anbau von Kakao auswirkt.

Auch in Combuyo wird geforscht. Hier sind mittlerweile 36 unterschiedliche Agroforst-Parzellen angelegt worden, doch anders als in den Tropen, wachsen die Pflanzen aufgrund von Trockenheit und der Höhe von 2.800 m über NN nur langsam. Die ersten Ergebnisse lassen sich zwar schon sehen, doch es braucht noch mehr Zeit.
 

Eine Lösung für die Menschheit?

Dabei kann diese Methode eine Lösung für die Menschheit sein vor allem in Zeiten des Klimawandels ... darf ich so vermessen denken? Doch ich sehe und erlebe seit drei Jahren in den verschiedenen Naturefund-Projekten, dass dynamischer Agroforst funktioniert.

Vielleicht ist es gut, dass wir jetzt in Bolivien ein Aufforstungsprojekt beginnen und dabei zusammen mit AGRESCOL Andes, ECO-SAF und Mollesnejta in zwei Dörfern im Nationalpark Tunari 20 Familien bei der Einführung von dynamischen Agroforst auf ihrem Land unterstützen. Vielleicht klappt das Projekt und wir können im nächsten Jahr in weiteren Dörfern die Einführung von dynamischen Agroforst fördern. Und dann darüber berichten, über die Methode, über die positiven Effekte für Mensch und Natur...? Es ist ein Anfang.

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