Die Zulassung von Pestiziden

Pestizide werden oftmals unzureichend getestet.
Foto: Pixabay

Die überwiegende Mehrheit der verwendeten Chemikalien wird vor der Zulassung nicht auf seine Folgen für die Gesundheit und Umwelt geprüft.

Fragwürdige Zulassung

In den USA sind beispielsweise nur wenige hundert der mehr als 80.000 verwendeten Chemikalien bezüglich seiner Nebenwirkungen geprüft - Und das obwohl der Mensch Schätzungen zu Folge im Laufe seines Lebens mit bis zu 70.000 unterschiedlichen chemischen Produkten in Berührung kommt.

Des Weiteren wurde die gesetzlichen Rückstandsmenge der Pestizide für Nahrungsmittel in den letzten Jahrzehnten zum Teil um das Hundertfache angehoben. Der Grund hierfür ist nicht etwa, dass eine geringere Gesundheitsgefährdung von den Pestiziden ausgeht, sondern weil die heutigen Produktionsmethoden, wie beispielsweise die Reifespritzung kurz vor der Ernte, es nicht mehr ermöglichen, die niedrigeren Grenzwerte beizubehalten.

Interessenskonflikte

Bereits bei der Zulassung von Pestiziden kommt es zum Interessenskonflikt: Alle Informationen bezüglich der Wirksamkeit, der toxikologischen, ökotoxikologischen und physikochemischen Eigenschaften eines Wirkstoffes muss der Antragsteller selbst liefern. Das Problem ist außerdem, dass oftmals viele verschiedene Pestizide gleichzeitig eingesetzt werden. Die Kreuzwirkungen dieser werden in den Risikobewertungsverfahren allerdings nicht routinemäßig berücksichtigt. Generell werden Pestizid-Formulierungen nur dann untersucht, wenn die Toxizität des Stoffes nicht allein auf Basis der aktiven Substanz festgestellt werden kann.

Die Überprüfung allein von aktiven Substanzen sagt jedoch nichts über die Wirkung des verwendeten Produkts aus. So haben die Beistoffe oftmals schwerwiegende Nebenwirkungen, wie den Einfluss auf die menschliche Reproduktion oder negative Auswirkungen auf das Nervensystem. In mehreren Studien wurde nachgewiesen, dass Pestizid-Formulierungen, also Wirkstoffe und Beistoffe, wesentlich toxischer sind als die reinen aktiven Substanzen selbst: Manche Pestizidprodukte zeigten eine bis zu tausendfach höhere Toxizität bei menschlichen Zelllinien als aktive Substanzen.

Langzeittests finden nur selten statt

Für Vögel, Säugetiere und Fische sind Langzeittests nur dann vorgesehen, wenn Kurzzeittests eine höhere akute Toxizität zeigen. Chronische Effekte werden so systematisch nicht betrachtet. Gesetzlich ist es außerdem ausreichend, die aktive Substanz des Pestizids an der empfindlichsten Art zu untersuchen. So wird für aquatisch wirbellose Tiere beispielsweise der große Wasserfloh für Tests herangezogen - Diese Art ist allerdings nicht die empfindlichste Art für alle Pestizidklassen.

Langzeittests werden außerdem nur für die Honigbiene, eine Milbenart, eine Lausart und für Regenwürmer durchgeführt. Langzeiteffekte auf alle anderen Arten, wie beispielsweise Käfer, Insekten und Spinnen, werden nicht regelmäßig getestet.

Verbindungen offengelegt

Um das Herbizid Glyphosat ist in den letzten Jahren ein medienwirksamer Streit entbrannt, nachdem es durch die Weltgesundheitsorganisation WHO als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen eingestuft wurde. Diese Einstufung wurde durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) - welche für die Zulassung von Pestiziden zuständig ist - und dem deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nicht akzeptiert. Laut BfR bestehen keinerlei gesundheitliche Bedenken gegenüber Glyphosat, obwohl mehrere unabhängige Studien das Gegenteil beweisen.

Zu wundern braucht einen diese Einschätzung nicht, denn eine Studie der Organisation Corporate Europe Observatory zeigte, dass über die Hälfte der 209 für die EFSA tätigen Wissenschaftler direkte oder indirekte Verbindungen zu Industriezweigen hatten, die sie eigentlich kontrollieren sollten. Dem BfR wurde mittlerweile von einem wissenschaftlichen Plagiatsprüfer nachgewiesen, für die Risikobewertung von Glyphosat den Antrag des Herstellers über mehrere Seiten wortwörtlich abgeschrieben zu haben.

Vor einem Gericht im US-Bundesstaat Kalifornien wurden außerdem die sogenannten Monsanto Papers freigegeben, welche deutlich machen, dass der von der US-Umweltbehörde zuständige Mitarbeiter für die Krebsbewertung von Glyphosat auf der Seite von Monsanto stand. Interne Mails zeigten außerdem, dass Monsanto Wissenschaftler anheuerte, um vorgefertigte Texte als unabhängige Studie zu publizieren. Die Studien sollten dabei helfen, die Einstufung von Glyphosat durch die WHO als möglicherweise krebserregend zu widerlegen.

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Studien

Autor D. Gibbons et al. (2014)   Zeitschrift Environmental Science and Pollution Research

A review of the direct and indirect effects of neonicotinoids and fipronil on vertebrate wildlife

Given that neonicotinoids have become the fastest-growing class of insecticides globally, the paper reviews 150 studies of their direct (toxic) and indirect (e.g. food chain) effects on vertebrate wildlife-mammals, birds, fish, amphibians and reptiles. The focus lies on two neonicotinoids, imidacloprid and clothianidin, and a third insecticide, fipronil, which also acts in the same systemic manner.

Autor
D. Gibbons et al.
Veröffentlicht
2014
Zeitschrift
Environmental Science and Pollution Research
Seiten
103-118
Studie
http://bit.ly/2Q4Lhr3
Autor J.L.C.M. Dorne (2009)   Zeitschrift Toxicology

Metabolism, variability and risk assessment

For non-genotoxic carcinogens Acceptable/Tolerable Daily Intakes represent a level of exposure “without appreciable health risk” when consumed everyday or weekly for a lifetime and are derived by applying an uncertainty factor of a 100-fold to a no-observed-adverse-effectlevels or to a benchmark dose. This UF allows for interspecies differences and human variability and has been subdivided to take into account toxicokinetics and toxicodynamics with even values of 100.5 for the human aspect.

Autor
J.L.C.M. Dorne
Veröffentlicht
2009
Zeitschrift
Toxicology
Seiten
156–164
Studie
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0300483X09005800
Autor C. A. Laetz, et al. (2009)   Zeitschrift Environmental Health Perspectives

The Synergistic Toxicity of Pesticide Mixtures: Implications for Risk Assessment and the Conservation of Endangered Pacific Salmon

Mixtures of organophosphate and carbamate pesticides are commonly detected in freshwater habitats that support threatened and endangered species of Pacific salmon (Oncorhynchus sp.). These pesticides inhibit the activity of acetylcholinesterase (AChE) and thus have potential to interfere with behaviors that may be essential for salmon survival.

Autor
C. A. Laetz, et al.
Veröffentlicht
2009
Zeitschrift
Environmental Health Perspectives
Seiten
348-353
Studie
http://bit.ly/2Q5OS7W
Autor Junhee Seoka et al. (2013)   Zeitschrift PNAS

Genomic responses in mouse models poorly mimic human inflammatory diseases

The study shows that, although acute inflammatory stresses from different etiologies result in highly similar genomic responses in humans, the responses in corresponding mouse models correlate poorly with the human conditions and also, one another. Among genes changed significantly in humans, the murine orthologs are close to random in matching their human counterparts.

Autor
Junhee Seoka et al.
Veröffentlicht
2013
Zeitschrift
PNAS
Seiten
3507–3512
Studie
https://www.pnas.org/content/110/9/3507
Autor Zhiwei Hu et al. (2015)   Zeitschrift Carcinogenesis

Assessing the carcinogenic potential of low-dose exposures to chemical mixtures in the environment: Focus on the cancer hallmark of tumor angiogenesis

This review summarizes the evidence of the role of environmental chemical bioactivity and exposure in tumor angiogenesis and carcinogenesis. It identifies a number of ubiquitous (prototypical) chemicals with disruptive potential that may warrant further investigation given their selectivity for high-throughput screening assay targets associated with proangiogenic pathways.

Autor
Zhiwei Hu et al.
Veröffentlicht
2015
Zeitschrift
Carcinogenesis
Seiten
184–202
Studie
http://bit.ly/2Q6vQ1t

Unser täglich Gift

Die aufgeführten Daten und Fakten stützen sich auf das Buch "Unser täglich Gift" von Johann G. Zaller, Ökologe an der Wiener Universität für Bodenkultur sowie Experte der Österreichischen Biodiversitätskommission.

"Unser täglich Gift"

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