Streit um den Blauen Nil

Äthiopiens neuer Megastaudamm gefährdet die Wasserversorgung im Sudan und in Ägypten

Im Nordosten Afrikas treffen drei kritische globale Trends auf einander: Bevölkerungswachstum, Wassermangel und Klimawandel. Äthiopien, der Sudan und Ägypten, die zusammengenommen rund 240 Millionen Einwohner zählen, teilen sich das Wasser des größten afrikanischen Flusses, der überwiegend vom Blauen Nil gespeist wird. Dieser entspringt, ebenso wie der Nil-Nebenfluss Atbara, im äthiopischen Hochland. Während Äthiopien in wahrsten Sinne des Wortes an der Quelle sitzt, sind Ägypten und Sudan von dem Zufluss aus dem Oberlauf abhängig, denn auf ihrem Territorium fallen so gut wie keine landwirtschaftlich nutzbaren Regenmengen. Der Weiße Nil, der seinen Ursprung in den Bergen von Ruanda, Burundi und Tansania hat und sich in der sudane sischen Hauptstadt Khartum mit dem Blauen Nil vereinigt, trägt vergleichsweise wenig zum Gesamtfluss bei.
Alle drei Länder benötigen das Wasser für die Landwirtschaft und zur Stromerzeugung aus Wasserkraft, beides lebensnot wendige Bereiche. In Ägypten, einem Land, das größtenteils aus Wüste besteht, können die Landwirte seit Jahrtausenden Ackerbau praktisch nur mit künstlicher Bewässerung betreiben. Kultiviertes Land findet sich vor allem auf einem wenige Kilometer breiten Streifen entlang des Nils. Bereits 1997 ist Ägypten unter den Wert von 1000 Kubikmeter Wasser pro Person und Jahr gefallen, bei dem Wasserknappheit in Wassermangel umschlägt. Bis 2030 steht aufgrund des Bevölkerungswachstums zu befürchten, dass weniger als 500 Kubikmeter für jeden Einwohner zur Verfügung stehen – das entspräche der Definition eines Wassernotstands. Kein einwohnerstarkes Land der Welt ist so abhängig von Wasser, das aus dem Ausland zuströmt, wie Ägypten.
 

Durchflussmenge des Blauen Nils bei Khartum (Sudan)

Durchflussmenge des Blauen Nils bei Khartum (Sudan) © Le monde diplomatique

Starkes Bevölkerungswachstum

Bis 2050 dürfte sich die Bevölkerung der drei Länder nahezu verdoppeln, wobei der Sudan das stärkste Wachstum aufweist. Dort wird sich auch der Wassermangel am deutlichsten verschärfen. Die Länder gehören flächenmäßig zwar zu den größten Afrikas und die Bevölkerungsdichte ist relativ gering, doch weil weite Teile der Länder aus kaum nutzbaren Wüsten bestehen, sind die bewohnten Gebiete oft sehr dicht besiedelt: In Ägypten etwa ist die Bevölkerungsdichte entlang des Nils und im Nildelta, wo 95 Prozent der Bewohner siedeln, dreimal so hoch wie in den Niederlanden.
Für Äthiopien sind bis 2050 fast 200 Millionen Einwohner zu erwarten, etwa so viele, wie heute in Deutschland, Frankreich und Spanien leben. Um diese Menschen mit Nahrung zu versorgen, ist eine massive Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft nötig, was nur mit künstlicher Bewässerung möglich ist. Das zu erwartende Wirtschaftswachstum dürfte ebenfalls zu einer deut lichen Erhöhung des Pro-Kopf-Wasserverbrauchs führen. Unter anderem deshalb baut Äthiopien gewaltige Staudämme. Der afrikaweit größte ist der Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD), ein 5-Milliarden-Dollar-Projekt, das 2022 fertiggestellt sein soll. Mit einer geplanten Leistung von 6400 Megawatt würde er die Stromerzeugungskapazität des Landes mehr als verdoppeln. Damit wäre nicht nur die Elektrizitätsversorgung Äthiopiens gesichert – überwiegend regenerativ –, sondern es ließe sich auch Strom in die Nachbarländer exportieren, wovon jährliche Einnahmen von rund 1 Milliarde Dollar zu erwarten wären.
 

Wassermangel

Doch das Wasser, das Äthiopien für seine Landwirtschaft ver braucht, und das, was aus dem großflächigen Stausee verdunstet, steht für den Sudan und Ägypten nicht mehr zur Verfügung. Vor allem in den ersten 5 bis 15 Jahren, wenn sich der Damm erstmals füllt, dürfte der Blaue Nil bis zu einem Viertel seines Flussvolumens verlieren. Wenn dies schnell geschieht, innerhalb von 6 Jahren, würde das Ägypten einer Studie zufolge 17 Prozent seiner Ackerflächen kosten.
Der Klimawandel wird diesen Mangel weiter verschärfen. Klimasimulationen für die Region lassen vermuten, dass sich die Unterschiede zwischen trockenen und feuchten Jahren erhöhen werden. Die jährliche Durchflussmenge des Nils könnte deshalb im 21. Jahrhundert um 50 Prozent stärker variieren als im Jahr hundert zuvor. Generell dürften sich die Niederschlagsmengen in den drei Ländern eher verringern als erhöhen. Steigende Temperaturen bedeuten zudem höhere Verdunstungsraten auf bewässerten Feldern und die Gefahr einer Bodenversalzung. Ein steigender Meeresspiegel bedroht darüber hinaus das dicht besiedelte Nildelta, das schon heute unter Erosion und Unter spülung sowie einer Versalzung des Grundwassers durch eindringendes Meerwasser leidet.
Schon seit 1929 existiert ein zwischenstaatlicher Vertrag, der die Verteilung des Nilwassers auf die drei Anrainerstaaten regeln soll. Er berücksichtigt, dass die Länder am Unterlauf des Nils viel stärker von dem lebenswichtigen Gut abhängen als Äthiopien, wo die Niederschläge deutlich höher sind und es zudem viele verschiedene Flüsse gibt, die eine Versorgung der Bevölkerung sicherstellen können. Der Vertrag wurde 1959 überarbeitet und sichert Ägypten das Recht auf etwa zwei Drittel des Wassers – jährlich 55,5 Milliarden Kubikkilometer, was etwa dem zwölf fachen Volumen des Bodensees entspricht. Dem Sudan stehen 18,5 Milliarden Kubikkilometer zu. Vor allem wegen des hohen Bevölkerungswachstums drängen beide Länder auf größere Mengen. 2015 unterzeichneten die drei Länder in der sudane si schen Hauptstadt Khartum nach langem Streit ein neues, vor läufiges Abkommen, in dem sie sich einigten, die Interessen der jeweils anderen Staaten zu achten und den Betrieb des Damms nach den Erkenntnissen einer unabhängigen, internationalen Studie auszurichten. Weil nicht klar ist, welche langfristigen Auswirkungen das Megaprojekt haben wird, schwelt der zwischenstaatliche Konflikt weiter. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat das Nilwasser zu einer Frage von Leben und Tod erklärt und ähnlich wie seine Vorgänger dem Nachbarn Äthiopien wiederholt mit Krieg gedroht, wenn das Land am Oberlauf den Hahn weiter zudreht.

Wasserknappheit

Wasserknappheit © Le monde diplomatique

Autor: Reiner Klingholz ist geschäftsführender Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Mehr Informationen zum Thema:

Weltweiter Kommunalverband für nachhaltige Entwicklung

Zeitschrift des UN-Umweltprogramms

Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Beratung zur Nutzung von erneuerbaren Energien: Klimaschutzagentur Wiesbaden

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