Krieg den Tüten

Als erste indische Metropole versucht Mumbai die Flut an Plastikmüll in den Griff zu bekommen

Seit dem 23. Juni 2018 ist im indischen Bundesstaat Maharashtra der Verkauf und Gebrauch von Plastiktüten verboten. Die neue Vorschrift betrifft dünne Tüten, aber auch, Mini-Getränkeflaschen, Einweggeschirr und Deko-Styropor. Erlaubt sind nur noch Plastiktüten, die dicker als 0,05 Millimeter sind. Zudem müssen sie aus mindestens 20 Prozent recyceltem Material bestehen und mit einem entsprechenden Stempel zertifiziert sein.
Das Verbot zeigt Wirkung. Selbst die Gläubigen tragen mittlerweile ihre Opfergaben in einer Schale, die sie beim Verlassen des Mumbaier Elefantengott-Tempels wieder abgeben. Alles, was dort nicht zu Ehren der Götter verweilt, kommt am Ende in eine Tüte, die aus Zeitungspapier gefaltet und an den Seiten getackert ist. Jeden Monat besuchen mehr als 1 Million Menschen die Gebetsstätte in Mumbai, Indiens größter Stadt mit über 20 Millionen Einwohnern. Auch auf den Straßen, entlang der Bahngleise, in den Gebüschen und am Strand wird der Kunststoffmüll langsam weniger. Die Küstenstadt ist darum bemüht, die Tütenflut in Schach zu halten, die in der Regenzeit die Abflussrinnen verstopft.
Das hatte früher oft verheerende Auswirkungen: Am 26. Juli 2005 stand Mumbai unter Wasser. Der Monsunregen war so heftig, dass er die Stadt lähmte. Innerhalb von 24 Stunden fielen 994 Millimeter Niederschlag. Doch wegen verstopfter Abflüsse, so sagen Umweltschützer und Stadtplaner, konnten die Wassermassen nicht richtig abfließen. Viele Menschen verloren an diesem Tag ihre Häuser. Über 500 ertranken bei den Überschwemmungen. Nach der Katastrophe beschloss der Staat Maharashtra, den Verkauf und die Verwendung dünner Plastiktüten einzuschränken. Das im darauffolgenden Jahr beschlossene Gesetz war aber kaum wirk sam. Der Staat verbot diese Tüten zwar, doch das Verbot wurde nie konsequent durchgesetzt.

Verpackungswahn

Verpackungswahn
Foto: © Le Monde diplomatique

Neue Verbot von Einwegplastik

Abhilfe schaffen soll das neue Verbot von Einwegplastik. Wer ertappt wird, muss umgerechnet 62 Euro bezahlen, viel Geld für die allermeisten Inder. Wiederholungstätern droht sogar bis zu drei Monaten Haft. Von Ende Juni 2018 bis Ende März 2019 haben die Behörden von Mumbai über 52 Tonnen Plastik konfisziert und Strafen in Höhe von 360000 Euro verhängt. Obwohl zum Beispiel Fischverkäufer ihre Ware weiterhin in Plastiktüten abgeben, wenn die Kunden das wünschen, findet das Verbot Anklang: Das Postamt nimmt keine Plastikpäckchen mehr an, in den Supermärkten gibt es nur noch Papier- oder Stofftaschen, und die Lieferservice-Unternehmen verpacken ihre Waren in braune Papiertüten. Um die Verwendung von billigen und leicht erhältlichen Plastiktüten zu verhindern, hat die Regierung eine 0,05 Millimeter starke Plastiktüte eingeführt. Sie kostet im Durchschnitt 20 Prozent mehr. Die Behörden hoffen, dass die dann seltener kostenlos ausgegeben wird. Auch die großen Fastfoodketten haben nach ersten Bußgeld zahlungen nachgezogen und sind inzwischen auf Papiertüten und kompostierbare Strohhalme umgestiegen. Im Gegensatz zu den Straßenhändlern oder Kioskbesitzern, für die das Bußgeld schon mal einen halben Monatslohn ausmachen kann, haben die Strafen für McDonald’s oder Starbucks zwar eher eine symbolische Bedeutung, doch die Signalwirkung ist da: Die Regelung betrifft alle.

Nur ein Bruchteil wird recycelt

Nur ein Bruchteil wird recycelt
Foto: © Le Monde diplomatique

Müllhalde Meer

Müllhalde Meer © Le Monde diplomatique

Noch ist der Preis von PET-Plastik für Flaschensammler hoch genug, dass sie die zahlreichen Wasser- wie Softdrinkverpackungen von der Straße auflesen. Doch es gibt Pläne, auch hier die Regelungen weiter zu verschärfen. Jeden Tag fallen in Mumbai immer noch 500 Kubikmeter Plastikmüll an, auch wenn die Stadtverwaltung den täglichen Abfall von 2015 bis 2018 von 9500 auf 7200 Tonnen reduzieren konnte.
Vieles von dem, was von den unzähligen Kiosken in kleinen und kleinsten Päckchen für Salz, Gewürze bis zu Chips verkauft wird, graben Strandschützer wieder aus. Auch sie haben dem Plastik den Kampf angesagt. Teams aus Freiwilligen und spontanen Helfer*innen sammeln an den zahlreichen Stränden Mumbais in Dadar, Juhu oder Cuffe Parade angespülte Plastikteile. Die Säu berung des Versova-Strands etwa dauerte drei Jahre; laut den Vereinten Nationen gilt sie als »größte Strandaufräumaktion, die jemals stattgefunden« hat.
Nach Schätzungen ist seit der Einführung des Plastikverbots der Müll zwar um 5 bis 10 Prozent zurückgegangen, doch das reicht nicht. Der Kunststoff verstopft nicht nur Abwasserrohre, sondern löst sich in den Böden und im Wasser in winzige Partikel auf – und gelangt so in den biologischen Kreislauf. Da hilft es auch nicht viel, dass in Indien im globalen Vergleich relativ wenig Kunststoff verbraucht wird: durchschnittlich 11 Kilogramm pro Kopf und Jahr. In den USA sind es dagegen 109 und in Deutschland 144 Kilogramm. Hinzu kommt, dass Industrienationen ihre Kunststoffabfälle in Indien entsorgen. 2018 kamen 70000 Tonnen allein aus Deutschland.
Während die Behörden in den Großstädten des Bundesstaats Maharashtra die Ausgabe von Plastiktragetaschen ahnden, werden die Händler fern der Metropolen kaum kontrolliert. In die kleine Küstenstadt Murud, 160 Kilometer von Mumbai entfernt, kommen indische Touristen zum Beispiel gern zum Baden, denn dort ist es sauberer als in der Landeshauptstadt. Von der Regierung genehmigte Tüten und Strohhalme kann man dort jedoch nicht kaufen, die gibt es nur in Mumbai, sechs Autostunden entfernt. In Mumbai selbst sind 250 Kontrolleure unterwegs, viel zu wenig für eine Megacity. Auch in Neu-Delhi gab es in der Vergangenheit mehr mals den Versuch, Kunststoff etwa durch ein Verbot von dünnen Plastiktüten einzuschränken, doch es wurde kaum umgesetzt. Plastiktüten gehören hier immer noch zum Alltagsbild.
Derweil wachsen die Müllberge. Überall im Land, nicht nur in Mumbai oder Delhi, türmen sich an den Rändern der Siedlungs gebiete riesige Deponien – auf denen Menschen leben und arbeiten. Manch eine Halde sieht schon aus wie ein Dorf. Heute sind in ganz Indien mehr als 10000 Hektar Stadtgebiet von Deponien belegt. Delhis Müllberge in Ghazipur (69 Meter hoch), Okhla (55 Meter) und Bhalswa (56 Meter) liegen alle weit über der zulässigen Höchstgrenze von bis zu 20 Metern. Offiziell dienen sie der Energieerzeugung, doch inoffiziell wird viel Abfall verbrannt – auch weil der Müll, so wie er zusammengesetzt ist, keinen allzu hohen Energiewert hat. In Delhi fallen täglich über 10000 Tonnen Müll an, davon allein 700 bis 800 Tonnen Plastik.
Laut einer Studie von 2015 weist Indien weltweit die größte Misswirtschaft mit Plastikmüll auf. Zwar gibt es in 17 indischen Bundesstaaten auf dem Papier bereits Plastikverbote, doch das Ziel der Regierung, Einwegplastik bis 2022 zu verbieten, wurde auf 2025 verschoben. Nach Meinung von Aktivisten ist die Politik viel zu zögerlich.

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