Klimakiller Internet

Das Netz wächst zu einem der größten Energiefresser heran

Das Internet stinkt. Es riecht nach einer Substanz, die für all das steht, was das digitale, elektronische Zeitalter eigentlich abschaffen wollte: nach Diesel. Mit nichts hätte man in einer Serverfarm, einem der großen Rechenzentren vor der Stadt, weniger gerechnet als mit Verbrennungsmotoren – was auch daran liegt, dass man sich das Internet als etwas eher Immaterielles und daher auch nicht Umweltschädliches vorstellt, wo Bilder und Daten aus einer luftigen »Cloud« auf die User herabregnen.

Hungrige Serverfarmen

Hungrige Serverfarmen
Foto: © Le Monde diplomatique

Doch diese Cloud hat einen ziemlich großen Auspuff, denn all die Onlineüberweisungen, Instagram-Fotos, Facebook-Einträge und Google-Suchen brauchen enorme Mengen Speicherplatz, und Daten speicher brauchen viel Energie. Der Bedarf nach Orten, an denen die Datenmengen gespeichert und verarbeitet werden können, wächst dramatisch und lässt vor der Stadt die größten Bauten der Gegenwart entstehen: festungsartige Data Center. Damit die Daten im Fall eines Stromausfalls immer noch abrufbar sind, brauchen sie Notstromaggregate – meistens Dieselmotoren von der Größe einer Dampflokomotive. Weil die in regelmäßigen Abständen zu Probeläufen gestartet werden müssen, riecht es im Herzen der Internetkultur wie auf einem nächtlichen Autobahnparkplatz, wo die Trucks mit laufenden Motoren parken. Allein das Rechenzentrum von E-Shelter in Frankfurt hat einen Tank für hunderttausende Liter Diesel.
Die Serverfarm ist der Ort, an dem das Internet zu einer physikalischen Realität und die Cloud zur Abgaswolke wird. Mehr als eine Milliarde Menschen googeln jeden Tag etwas, laden etwas auf Facebook hoch und hinterlassen, wie der Internetkonzern kürzlich mitteilte, 5,8 Milliarden Like-Rückmeldungen. Wie viel Energie jede von ihnen verbraucht, wurde vorsichtshalber nicht erwähnt; man will den Usern kein schlechtes Gewissen machen. Doch das Internet wächst zu einem der größten Energiefresser der Welt heran.
Eine einzige Überweisung der virtuellen Kryptowährung Bitcoin verbrauchte so viel Strom wie ein US-Amerikaner in einer Woche, weil aus Sicherheitsgründen jede dieser Überweisungen über tausende von Computern gleichzeitig mit Verschlüsselungs algo rithmen abgesichert wird; der jährliche Stromkonsum von Bitcoin konnte zwischenzeitlich nur noch in zweistelligen Terawatt stunden berechnet werden. Bitcoin benötigte in einem Jahr mehr Energie als ganz Dänemark.
Bitcoin ist jedoch nicht der einzige Energiefresser: je größer die Datenmengen, die für Big Data, Cloud-Computing und künstliche Intelligenz benötigt werden, desto gigantischer der Energie bedarf. Immer mehr kleine und mittlere Unternehmen lagern ihre Daten aus. Nach Analysen der Credit Suisse wird der Markt für Cloud-Computing 2020 über 200 Milliarden Dollar umfassen; bei Amazon trägt das Cloud-Geschäft maßgeblich zum Betriebs gewinn bei. Dazu kommen Milliarden von privaten Internet nutzern, deren Aktivitäten ebenfalls gigantische Energiemengen fressen. Dass es an Problembewusstsein für Online-Umwelt ver schmutzung fehlt, ist nur psychologisch zu erklären – niemand, der jemandem via WhatsApp ein Foto schickt, denkt daran, dass diese Aktion weltweit Rechner anspringen und Kraftwerke rußen lässt.
Im Netz kursieren schon die schrillsten Endzeitvisionen: Werden sich die Milliarden von Facebook-Usern buchstäblich in den Erstickungstod liken, sind die Zigmillionen Bilder von Salaten und Katzen und Sonnenuntergängen auf Instagram in ihren ökologischen Folgen für die Umwelt schlimmer als saurer Regen – und die sozialen Medien für die Internet-Age-Zivilisation am Ende das, was die Moai-Köpfe für die Bewohner der Osterinseln waren, nämlich ihr sicheres Ende? Schon jetzt weiß niemand, wo sauberer Strom für die Millionen Elektroautos herkommen soll, die bald die in Ungnade gefallenen Verbrenner ersetzen sollen.

Der digitale Graben

Der digitale Graben
Foto: © Le Monde diplomatique

Zwei konkurrierende Lösungsansätze

Wie bei allen ökologischen Herausforderungen, mit denen sich der Mensch im Zeitalter des Klimawandels herumschlägt, gibt es zwei konkurrierende Lösungsansätze: Verzicht oder Technologie, Permakultur oder Technofuturismus. Wenn man aber den Leuten ihre Handys nicht wegnehmen will und wenn man keine UmweltKlimakiller zonen einrichten kann, aus denen nicht nur Dieselautos, sondern auch Googler und Facebookinisten ausgesperrt werden, dann gibt es nur eine Lösung: Die Rechenzentren müssen effizienter und ökologischer werden.
Doch bisher tauchen sie im öffentlichen Bewusstsein selten auf, obwohl sie allein von der Baumasse jedes spektakuläre Hochhaus übertreffen. Das »Bumblehive«, umsummter Bienenstock, genannte Rechenzentrum der NSA in Utah ist hunderttausend Quadratmeter groß; das zurzeit größte Rechenzentrum der Welt, betrieben von China Telecom, breitet sich auf 100 Hektar nahe der Hauptstadt der Inneren Mongolei aus – eine milliardenteure Anlage mit hunderttausend Racks und Platz für bis zu 1,2 Millionen Server.

Nicht einmal jeder zweite Mensch ist online

Nicht einmal jeder zweite Mensch ist online © Le Monde diplomatique

Änderungen mit der Zeit

Würde man die liegenden, bis zu einem Kilometer langen Megabauten senkrecht hinstellen, sähen auch die neuesten Hochhäuser winzig aus. Aber anders als diese stehen sie nicht in den Städten, und während das Hochhausdesign um immer spektakulärere Effekte bemüht ist, ging es beim Design von Serverfarmen schon aus Sicherheitsgründen lange vor allem darum, unsichtbar zu werden – deshalb die generische Schachtelarchitektur. Daten schützer sehen darin auch eine Strategie, das Internet und die Orte unsichtbar zu machen, an denen nicht nur Daten gespeichert, sondern von denen aus auch Handeln vorausberechnet und manipuliert wird: Das Gehirn der Stadt, die Steuerzentrale des kollektiven Bewusstseins, versteckt sich im Niemandsland in unsichtbaren Kisten.
Doch in letzter Zeit ändert sich das. Aus den unsichtbaren Riesenschuppen werden selbstbewusst auftretende Festungsarchitekturen mit Versatzstücken aus dem mittelalterlichen Burgenbau. Schon ihre Namen sind vielsagend: Das in Nevada gelegene, mit einer Fläche von 670000 Quadratmetern größte Rechenzentrum der USA heißt »The Citadel«. In Biere bei Magdeburg ist das Telekom-Data-Center nur durch eine Art Brücke zu betreten, vor Portugals größter Serverfarm verläuft der Zufahrtsweg geschlängelt, um Angriffe mit Lastwagen zu erschweren, und das Rechenzentrum ist durch eine Art Burggraben geschützt.
Verteidigt werden die Daten in diesen Forts nicht nur gegen physische Attacken und Hacker, sondern auch gegen die Neugierde anderer Staaten. Microsoft etwa parkt Daten der Nutzer seiner Cloud-Dienste Azure, Office 365 und Skype for Business in zwei Rechenzentren bei Magdeburg und Frankfurt, weil die Datenschutzregelungen in Deutschland ungleich strenger sind als in den USA.
An der ökologischen Verträglichkeit der Megabauten wird bereits gearbeitet: »The Citadel« wird ausschließlich mit erneuerbaren Energien versorgt, Amazon will in North Carolina einen Windenergiepark errichten, der jährlich rund 670000 Megawattstunden Strom liefern soll, und auch Apple baut inzwischen eigene Solarparks und betreibt seine Rechenzentren mit Öko strom. In Stockholm speist die Firma Interxion die Abwärme seiner Server schon jetzt ins Fernwärmenetz ein, und die Wärme pumpen unter den Serverräumen können theoretisch bis zu zehntausend Apartments heizen. Könnte die Welt der Datenparks auch einen neuen extraurbanen Städtebau befeuern? Könnte die enorme Hitze, die durch die Kühlung entsteht, nicht auch für Gewächshäuser, Schwimmbäder und zur Heizung tropischer, immergrüner Siedlungen unter großen Glaskuppeln verwendet werden, wie sie Buckminster Fuller erträumte?
Aber sind die von Großkonzernen betriebenen Megabauten überhaupt die Zukunft der Datenversorgung? Die Netzwerkentwickler von Cisco prognostizieren, dass nach der Cloud der »Fog« kommen könnte, eine dezentralere Lagerung der Daten in der Nähe des Endkunden. Und falls Politik und Industrie die flächendeckende Einführung weitgehend autonomer Autos erzwingen sollten, werden diese gigantische Datenmengen produzieren, die erst recht lokal verteilt und nicht in Datenzentren auf der grünen Wiese gespeichert werden müssen.
Bisher reizte die Architekten die Bauaufgabe Serverfarm wenig, und wenn große Rechenzentren einmal in die Hände von Bau künstlern gerieten, wurden sie ästhetisch vergeheimnist, wie in Portugal, wo Carrilho da Graça das Data Center der Portugal Telecom in Covilhã als schimmernden schwarzen Kubus wie eine mystische Kaaba der Vernetzungsreligion inszenierte. Vielleicht wäre es aber nötig, gerade an den Hochschulen die Aufmerksamkeit von Ingenieuren und Architekten auf die Riesenkisten mit ihren gelegentlich losbrummenden Dieselaggregaten zu lenken und ihr Design nicht auf künstlerische Ummantelungen zu beschränken, wenn man nicht will, dass einem die sogenannte Cloud irgendwann als unschöne Rußwolke entgegenkommt.
Seit den 1960er Jahren wird im Sun Belt fast genauso strom linienförmig gebaut wie in Pennsylvania oder In dia na: direkt auf den Boden installierte Fertighäuschen mit schmalen Fenstern, moderne Glaskästen mit zentraler Klimaanlage und Wolkenkratzer, deren Fenster sich nicht öffnen lassen. Wegen der günstigen Grundstückspreise sind die Städte extrem in die Breite gewachsen, weshalb man im Süden noch mehr auf das Auto angewiesen ist als im Norden. Die »Amerikanisierung des Südens« nennt der Historiker Raymond Arse neault diese Nivellierung der re gio nalen Unterschiede durch die Klimatisierung des Alltags.
Aus Sicht der meisten Amerikaner gehören Klimaanlagen einfach immer und überall dazu. Selbst in Alaska sind fast ein Viertel der Hotels klimatisiert. Die Hitzetoleranz ist so stark gesunken, dass sich viele Amerikaner mittlerweile bei Innentemperaturen wohlfühlen, die die meisten Touristen als zu niedrig empfinden.
Die Klimatisierung stößt damals wie heute jedoch nicht nur auf Begeisterung. In den ersten Jahren bekamen Kino- und Laden besitzer bitterböse Beschwerdebriefe wegen der Kälte. Und manche Südstaatler verschmähten die Technologie als Import aus dem Norden, wo die Leute zu verweichlicht seien und deshalb keine Hitze aushielten. Selbst Präsident Roosevelt (1882–1945) hasste das von seinem Vorgänger installierte Klimagerät.
Heute beklagen Umweltschützer die ökologischen Schäden der Klimatisierung, und Wissenschaftler machen sie für die Fettleibigkeit verantwortlich. Ihr Argument: Die Menschen essen bei niedrigen Temperaturen mehr, bleiben eher zu Hause, wo sie vor allem sitzende Tätigkeiten verrichten, und der Körper muss keine Kalorien verbrennen, um sich aufzuheizen oder abzukühlen. Und Feministinnen verweisen auf den Gendergap: Die Temperaturen in den Büros richteten sich nur nach Männern im Anzug, während Frauen in Sommerkleidern und Sandalen fröstelten.
Die Klimatechnik hatte von Anfang an sehr einflussreiche Unterstützer: die US-Regierung, die ab den 1960er Jahren Privathaushalte mit einer Prämie bei der Anschaffung einer Klima anlage unterstützte; Kreditanstalten, die von Gewerbetreibenden höhere Zinsen für Kredite verlangten, wenn deren Geschäfte nicht klimatisiert waren; Bauträger, die in ihren Plänen den Einbau von Klimageräten automatisch inte grier ten; und last but not least Energiegiganten wie General Electric.
Die Klimatisierung sorgte aber nicht nur für mehr Produktivität, Komfort und Umweltprobleme. Sie trug auch zur Entseuchung der Südstaaten bei, in denen damals noch tropische Krankheiten wie Gelbfieber oder Malaria grassierten. Und die sommerliche Sterberate ging tatsächlich zurück: Zwischen 1979 und 1992, als viele arme Amerikaner noch keine Klimaanlage hatten, kamen bei Hitzewellen mehr als 5000 Menschen ums Leben. Im Sommer 1995 gab es allein in Chicago 500 Todesopfer. Mittlerweile sind die Todeszahlen bei extremer Hitze glücklicherweise nicht mehr so hoch. Klimaanlagen sind in Krankenhäusern und Operations sälen genauso unverzichtbar wie für die Herstellung von Medika menten, die eine kontrollierte Umgebungstemperatur brauchen. Und auch das Internet würde ohne die Kühlanlagen für Rechenzentren nicht funktionieren.
Als nach dem Reaktorunfall in Fuku shima die Japaner ihren Stromverbrauch und damit auch die Klimatisierung drastisch reduzieren mussten, rief das auch gleich wieder die Tayloristen auf den Plan: Ein Professor der Tokioter Waseda-Universität ließ messen, wie stark die Produktivität von Büroangestellten bei höherer Raumtemperatur sank. Er kam zu dem Ergebnis, dass der Verlust 30 Minuten Arbeitszeit pro Tag entsprach.

Autor: Niklas Maak leitet das Kunst- und Architekturressort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und unterrichtet Architekturtheorie in Harvard.

Mehr Informationen zum Thema:

Weltweiter Kommunalverband für nachhaltige Entwicklung

Zeitschrift des UN-Umweltprogramms

Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Beratung zur Nutzung von erneuerbaren Energien: Klimaschutzagentur Wiesbaden

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