Das große Tauen

Wenn die Gletscher in Tibet weiter schrumpfen, drohen stromabwärts Dürren und Ernteausfälle

Der Regenwald gilt als die Lunge des Planeten, das Plateau von Tibet könnte man sein Wasserwerk nennen. In den Bergen der tibetischen Hochebene entspringen nicht nur die sechs wichtigsten Flüsse Asiens. Die rund 40000 Gletscher machen die Region für Klimaforscher auch zum »dritten Pol der Erde«.
Doch ewig ist das Eis hier nicht mehr. Ähnlich wie in der Antarktis und Arktis verändert sich das Klima auf dem tibetischen Pla teau gerade rasant. Um 18 Prozent sind die Gletscher Chinas in den vergangenen 50 Jahren geschrumpft, ergab eine umfangreiche Vermessung des chinesischen Labors für Kryo sphä ren forschung. Die Befunde werden von zahlreichen weiteren Studien gestützt. In Teilen der Region beträgt der Verlust der letzten Jahrzehnte sogar bis zu 40 Prozent, und jedes Jahr gehen in Westchina weitere 200 Quadratkilometer Eis verloren. Klima forscher haben errechnet, dass die Temperaturen auf dem Dach der Welt besonders schnell steigen, was die Gletscher unter Druck setzt. Die chinesische Akademie der Wissenschaften warnt, beim derzeitigen Tempo werde ein weiteres Drittel des Eises bis 2050 verschwinden. Bis Ende des Jahrhunderts könnten zwei Drittel weg sein.

Das Eis geht zurück

Das Eis geht zurück © Le Monde diplomatique

Im Himalaja sind Glaziologen überdies dem Phänomen des »schwarzen Schnees« auf der Spur. Große Flächen Eis und Schneedecke haben sich mittlerweile schwarz verfärbt. DerGletscher forscher Shishang Kang hat ermittelt, dass Feinstaubfür die Verfärbung verantwortlich ist; die Rußpartikel stammenhaupt sächlich aus Metropolen Indiens und Chinas und setzensich im Hochgebirge ab. Das Fatale ist, dass dunkles Eis mehrSonnenlicht absorbiert und sich dadurch schneller aufheizt. DieLuft ver schmut zung beschleunigt also noch die Gletscherschmelze.
Das große Tauen hat Auswirkungen weit über Chinas Grenzen hinaus. Die Flüsse, die im Hochland von Tibet ihren Anfang nehmen, sind die Lebensadern von etwa 1,3 Milliarden Menschen. Der Indus fließt weiter nach Pakistan, Ganges und Brahmaputra strömen nach Indien und Bangladesch, der Irrawaddy und der Saluen ergießen sich nach Myanmar, der Mekong mäandert nach Thailand, Laos, Vietnam, Kambodscha. Auch durch China selbst fließen einige der mächtigen Ströme weiter, wie der Gelbe Fluss oder der Yangtse. Das Wohl der Anrainer, sind sie auch tausende Kilometer entfernt, ist unweigerlich mit dem der Gletscher verknüpft, denn diese sorgen für einen gleichmäßigen Strom der Flüsse. Verzögert sich etwa der Monsunregen im Frühjahr, so kann die Gletscherschmelze zur selben Zeit den Mangel an Niederschlag ausgleichen. Doch wenn die Gletscher insgesamt mehr Wasser verlieren, als sie neu bilden, geht diese Puffer funktion langfristig verloren – und stromabwärts drohen Dürren und Ernteausfälle.
Erst allmählich begreift man die gravierenden Umweltveränderungen, die sich auf dem tibetischen Hochplateau abspielen. Und nicht nur der globale Klimawandel greift in den Wasserhaushalt der Region ein, sondern zunehmend auch der Mensch vor Ort. Nahezu an allen großen Flüssen werden gerade neue Staudämme geplant oder bereits gebaut. Die einst wilden Flüsse werden gezähmt, ihre rohe Gewalt wird in Elektrizität verwandelt. Das könnte die Verteilung des Wassers langfristig verändern. Hydro logen befürchten, vereinfacht gesagt, dass die Dämme die saisonalen Extreme verstärken: In der Trockenzeit könnte an den Unterläufen weniger Wasser ankommen, weil die Stauseen es zurückhalten. In der Regenzeit könnte hingegen zu viel Wasser fließen, mit schweren Überschwemmungen als Ergebnis. Außerdem halten die Bauwerke fruchtbare Sedimente zurück, für die Landwirtschaft eine lebenswichtige Ressource.
Erderwärmung und Ausbau der Wasserkraft addieren sich zu gewaltigen geopolitischen Spannungen, in deren Zentrum China steht. Praktisch alle wichtigen Flüsse der Region entspringen auf chinesischem Staatsgebiet, und vor allem in Tibet wird derzeit ein Staudamm nach dem anderen hochgezogen. Über 330 Gigawatt Wasserkraft verfügt China heute bereits, das ist etwa so viel, wie 300 Atomreaktoren liefern. Kein Land setzt derart stark auf Staudämme. Und die Menge soll nach dem derzeitigen Fünfjahresplan noch kräftig wachsen, um die Ziele für erneuerbare Energie zu erreichen und die Abhängigkeit von der Kohle zu brechen.
Rund 12 Gigawatt kommen daher jedes Jahr in der Volks repu blik hinzu, so viel wie nirgends sonst auf der Welt. Bis 2050 sollen es gar 500 Gigawatt aus Wasserkraft sein. Die neuen Staudämme sollen Strom liefern für Chinas wachsende Mittelschicht in den Metropolen an der Küste, zunehmend aber auch für den Auf schwung in Chinas entlegenem Westen selbst. Dort entstehen gerade neue Autobahnen und Hochgeschwindigkeitszug ver bin dungen bis nach Tibet, Bauern und Nomaden geben ihr traditionelles Leben auf und ziehen in die Städte – die Urbanisierung lässt den Energiebedarf wachsen.
Allein am Oberlauf des Brahmaputra plant Peking derzeit zwei neue große Staudämme, zwei weitere werden schon gebaut, sehr zum Unmut der Nachbarländer. Im Jahr 2000 brach ein Damm am Yarlung Zangbo, wie der Fluss in China genannt wird, die Flut welle tötete 30 Menschen im indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh. Das Territorium ist zwischen Indien und China umstritten, Peking erhebt Ansprüche auf Teile davon. Neu-Delhi befürchtet, dass sich derartige Unfälle wiederholen – oder dass China die Kontrolle über das Wasser bei einer Eskalation des Konflikts sogar als Waffe gebrauchen könnte. Als chinesische Ingenieure für die Bauarbeiten an einem Staudamm einen Zufluss des Brahmaputra kurzfristig abriegelten, reagierten indische Medien wutentbrannt. Es sei verständlich, dass Indien gegenüber der Wassernutzung am Brahmaputra sensibel reagiere, versuchte das chinesische Staatsmedium Global Times zu beschwichtigen. Dennoch gebe es keinen Grund, auf solche Projekte überzureagieren. Das Reservoir des Staudamms sei im Vergleich zu den Wassermassen des BrahDasmaputra sehr gering. Außerdem sei es unwahrscheinlich, dass China das Wasser des Flusses als potenzielle Waffe nutze. Eine solche Politik würde schließlich auch Panik unter den Staaten Südostasiens auslösen, so die Global Times.

Lebensadern für 1,3 Milliarden Menschen

Lebensadern für 1,3 Milliarden Menschen © Le Monde diplomatique

China setzt auf Hydropower

China setzt auf Hydropower © Le Monde diplomatique

Chinas enorme Macht über das Wasser

Fest steht: China hat allein durch seine geografische Lage enorme Macht über das Wasser. Tibets strategische Lage und sein reicher Wasservorrat werden sogar als ein Hauptgrund gesehen, warum Chinas Revolutionsführer Mao Tse-tung nach der Grün dung der Volksrepublik seine Truppen dort 1950 einmarschieren ließ und das vormals unabhängige Tibet annektierte. Für die Volksrepublik ist Wasser von großer geostrategischer Bedeutung. Insbesondere der Norden Chinas bekommt wenig Regen ab, Peking gilt mittlerweile sogar als trockenste Hauptstadt der Welt. Um die Wasserknappheit zu bekämpfen, hat China seit Anfang des Jahrtausends ein tausende Kilometer langes Kanalsystem angelegt, um Wasser aus dem Süden in den Norden umzuleiten. Auch eine Abzweigung des Brahmaputra in die trockenen nörd lichen Regionen wird im Staatsapparat diskutiert, ist allerdings von einer Realisierung weit entfernt.
Jedoch scheint die Staatsführung durchaus bereit, Wasser als politisches Druckmittel zu nutzen: Auf dem entlegenen Doklam-Plateau standen sich 2017 indische und chinesische Grenztruppen feindselig gegenüber, beide Seiten warfen sich Grenzverletzungen vor. In der Folge berichtete die indische Regierung, die Chinesen hätten aufgehört, hydrologische Daten vom Oberlauf des Brahmaputra mitzuteilen. Diese Daten sind vor allem in der Monsunzeit wichtig, um die genauen Wassermengen zu kennen, die weiter unten ankommen. Zu dem Datenaustausch an nur wenigen Tagen im Jahr hatten sich die Mächte mühsam durchringen müssen. Von chinesischer Seite war zu hören, dass der Stopp der Kooperation mit dem Grenzkonflikt in Verbindung stehen könnte. Wenn Indien seine Truppen nicht aus Doklam zurückziehe, könne China eben keine hydrologischen Daten mehr herausgeben.
Abgesehen von solch fragilen Arrangements gibt es bislang in der Region kaum internationale Zusammenarbeit beim Wasser, geschweige denn bindende Abkommen. Eine Ausnahme ist das Vertragswerk zum Mekong, die Mekong River Commission, auf das sich Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam geeinigt haben. Chinas Unterschrift allerdings fehlt und damit der Staat mit dem wohl größten Einfluss auf den Strom. Mehr interna tionale Vereinbarungen wären nach Ansicht vieler Beobachter wichtig, um künftige Konflikte zu entschärfen. Denn fast überall an den großen Flüssen wird gerade geklotzt.
Auch Indien werkelt an neuen Staudämmen auf seinem Abschnitt des Brahmaputra, was wiederum Bangladesch verärgert, wo der Fluss ins Meer mündet. Pakistan möchte fünf Dämme am Indus bauen, und an den mittleren und unteren Läufen des Mekong sind laut einer Studie im Fachmagazin Science elf neue Riesenstaudämme in Planung. In dem Bericht rufen die Wissen schaftler eindringlich dazu auf, viele der Projekte sorgfältiger zu prüfen – andernfalls drohe ein unumkehrbarer Verlust an Fischgründen, Artenreichtum und Lebensräumen. Große Staudämme erschwerten es Fischarten, die Flüsse auf der Suche nach Nahrung zu durchwandern. Viele Fische nehmen Wege von hunderten Kilometern auf sich, um zu laichen oder auf regionale Überflutungen zu reagieren. Mit den Dämmen als Barriere sinke die Produktivität der Ökosysteme zwangsläufig. Auch der Transport von Nährstoffen über die Sedimente werde blockiert. Die Forscher äußerten sich skeptisch, ob der Nutzen von Energieerzeugung und neuen Arbeitsplätzen die Kosten des Verlusts von Fischerei, Landwirtschaft und Besitz übersteige.
Die Staaten befinden sich in einem Dilemma: Einerseits gelten Staudämme als vergleichsweise saubere Energiequelle, für China sind sie wohl unabdingbar, will das Land seine Klimaziele auch nur annähernd erreichen. Andererseits gefährdet die Technik etliche Ökosysteme – und könnte neue politische Spannungen erzeugen.
Die Zeit drängt, denn langfristig müssen sich alle Anrainer auf eine veränderte Umwelt einstellen. Die Erderwärmung bewirkt neben dem Schmelzen der Gletscher vermutlich auch mehr Niederschläge auf dem tibetischen Plateau. Was zunächst positiv klingt, könnte mehr Extremwetter bedeuten: zu viel Wasser und damit einhergehende Überschwemmungen in der Regenzeit, zu wenig Wasser in der Trockenzeit und weniger Gletscher, die diesen Verlust ausgleichen. Ähnliche Prozesse werden auch im nördlicher gelegenen zentralasiatischen Tianshan-Gebirge beobachtet. Dort zumindest haben die Behörden der Provinz Xinjiang reagiert – und den boomenden Gletschertourismus eingeschränkt, der den Eispanzern noch mehr zusetzt. Doch ist diese Sensibilität noch nicht überall angekommen. In Tibet hat sich eine Mineralwasserindustrie entwickelt, die Wasser teilweise direkt von den Gle tscher zungen abzapft, mehr als 5000 Meter über dem Meeresspiegel, und das Wasser teuer in China vermarktet. Die von Peking kon trollierte Lokalregierung will die junge Wasserflaschenindustrie fördern, die als äußerst energiehungrig gilt: Etwa ein Viertelliter Öl und drei Liter Wasser sind nötig, um eine 1-Liter-Flasche Mineralwasser zu produzieren. Die in Tibet abgezapfte Wasser menge soll bis 2025 auf 10 Milliarden Liter pro Jahr steigen – das wäre das 60-Fache dessen, was 2017 abgefüllt wurde.

Gerangel auf dem Dach der Welt

Gerangel auf dem Dach der Welt © Le Monde diplomatique

Autor: Christoph von Eichhorn ist Wissenschaftsjournalist. Seit 2017 leitet er das Onlineteam des Wissensressorts der Süddeutschen Zeitung.

Mehr Informationen zum Thema:

Weltweiter Kommunalverband für nachhaltige Entwicklung

Zeitschrift des UN-Umweltprogramms

Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Beratung zur Nutzung von erneuerbaren Energien: Klimaschutzagentur Wiesbaden

Naturefund e. V.
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65183 Wiesbaden

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