Migration und Geschlecht

Frauen leisten im Ausland oft Care-Arbeit, Männer schuften auf dem Bau, diskriminiert werden beide

Frauen verlassen ihr Heimatland aus anderen Gründen als Männer. In Südkorea zum Beispiel erben traditionell nur Männer Land, was eine regelrechte Landflucht von Frauen zur Folge hat. Weil deshalb wiederum viele koreanische Männer auf dem Land keine Partnerin finden, hat sich eine Heiratsmigration von Frauen aus Vietnam, Kambodscha und den Philippinen entwickelt. Anderswo gibt es Versuche, speziell Frauen am Auswandern zu hindern: Die nepalesische Regierung etwa hat die Migration von Haus angestellten in bestimmte Staaten des Nahen Ostens verboten.

„Feminisierung" der Migration

Von »Geschlecht« wird in Bezug auf Migration häufig nur gesprochen, wenn es um Frauen geht, gerade so, als seien Männer geschlechts- und körperlose Wesen. Auch lassen sich weder alle Migrant*innen in ein binäres Geschlechtsmodell einordnen noch sind alle Migrant*innen heterosexuell. Sexualität und Geschlechts identität sind dabei nicht selten Gründe für die Migration und beeinflussen, wie und wohin sich Menschen auf den Weg machen.
Seit einiger Zeit spricht man in der Migrationsforschung von einer »Feminisierung« der Migration, aber natürlich sind Frauen schon immer migriert. In den letzten fünfzig Jahren ist der Anteil von Migrantinnen weltweit nur leicht gestiegen, von 46,6 Prozent im Jahr 1960 auf 48,4 Prozent 2017. Die entscheidende Veränderung besteht darin, dass die Wanderungsbewegungen von Frauen, sei es als Arbeitnehmerinnen, Flüchtlinge oder Familienangehörige, nun explizit thematisiert werden. Was »feminisiert« wurde, ist also nicht die Migration, sondern die Debatte über Migration.

Rollenverteilung

Die Arbeitsmärkte weltweit sind geschlechtsspezifisch organisiert. In welche Branchen und Berufe Frauen und Männer geschleust werden, hängt von den lokalen und nationalen Bedingungen ab. So machen Migrant*innen in vielen Weltregionen einen beträchtlichen Teil der Arbeitskräfte im Baugewerbe aus. Während aber in Thailand rund 40 Prozent der Beschäftigten in dieser Branche weiblich sind, arbeiten auf australischen Bau stellen zu 98 Prozent Männer.
Männer wandern eher in den Nahen Osten aus (weltweit 17,9 Pro zent der männlichen Gesamtmigration im Vergleich zu 4 Prozent der weiblichen Migration), Frauen gehen häufiger nach Europa und Nordamerika (52,9 Prozent der Frauen im Vergleich zu 45,1 Prozent der Männer). Einer der wichtigsten Bereiche weiblicher Erwerbstätigkeit ist Care-Arbeit in Privathaushalten, darunter fallen zum Beispiel Hausarbeit, Altenpflege oder Kinderbetreuung. Von den schätzungsweise 11,5 Millionen ausländischen Hausangestellten weltweit sind 8,5 Millionen Frauen. Die Branche ist fast überall auf der Welt von Diskriminierung gekennzeichnet, häufig greifen selbst die grundlegendsten Arbeitsrechte nicht.

Risiken

In Malaysia beispielsweise haben Hausangestellte, egal ob aus dem Ausland oder aus dem Inland, weder Anspruch auf den gesetzlich festgeschriebenen wöchentlichen Ruhetag noch auf den Mindestlohn. Die gesetzliche Arbeitszeit pro Tag beträgt 8 Stunden, aber nicht wenige Hausangestellte arbeiten mehr als 15 Stunden am Tag. Weil es an staatlicher Regulierung und Kontrolle fehlt und Angestellte in Privathaushalten häufig isoliert und in persönlicher Abhängigkeit von ihren Arbeitgebern leben, sind sie besonders gefährdet, Opfer von Missbrauch und Ausbeutung zu werden.
Dies gilt vor allem für Migrant*innen. Isolation und Abhängigkeit erhöhen sich, wenn ihre Aufenthaltsgenehmigung an die Beschäftigung gebunden ist oder sie gar keine gültigen Papiere besitzen. Wenn auch noch die Unterkunft an den Job geknüpft ist – wie bei Tätigkeiten im Haushalt und in der Landwirtschaft häufig der Fall –, verschärft sich die Lage zusätzlich.
Trotz aller Risiken und schlechter Erfahrungen kann die Arbeitsmigration vielen Frauen aber auch Chancen eröffnen. Überall auf der Welt gibt es Bemühungen von Care-Arbeit leistenden Migrant*innen, sich gewerkschaftlich zu organisieren; so etwa in den Debatten, die 2011 zur Verabschiedung des Übereinkommens 189 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) über menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte mündete. Für die Aktivist*innen von damals bedeutet dieser Erfolg auch eine persönliche Emanzipation. Eine ehemals illegale Hausangestellte in London formuliert es so: »Ich habe Selbstvertrauen gewonnen. Anders als früher, als ich die ganze Zeit Angst hatte, als ich meinen Mund halten musste, kann ich jetzt reden. Seit ich meine Rechte kenne, habe ich gelernt, meinen Arbeitgebern zu widersprechen. Ich muss nicht mehr nur putzen, sondern kann auch andere Jobs machen.«

Durchschnittseinkommen von migrantischen Beschäftigten

Durchschnittseinkommen von migrantischen Beschäftigten © Le monde diplomatique

Soziale Hintergründe

Im Rentenalter zieht es weniger Frauen als Männer in ihr Her kunfts land zurück – nicht nur weil sie in der Nähe ihrer Kinder und Enkel bleiben wollen, sondern auch weil sie die Rückkehr in ein konservativeres Gesellschaftsmodell abschreckt. Männer hingegen werden nicht selten durch die Erfahrung von Diskriminierung und Statusverlust zur Rückkehr motiviert.

Wenn von spezifisch »weiblicher« Migration gesprochen werden kann, lassen sich auch für die »männlichen« Migrationen geschlechtsspezifische Faktoren finden, die entscheidenden Ein fluss auf Form und Ausmaß von Wanderungsbewegungen haben. So stieg beispielsweise die Zahl männlicher Migranten in Asien zwischen 2000 und 2017 um rund 73 Prozent – ein Zuwachs, der auf die Nachfrage nach männlichen Arbeitskräften in der Ölindustrie im westlichen Asien, inklusive des Nahen Ostens, zurückzuführen ist. In manchen Regionen kann die Migration für Männer auch einen wichtigen Schritt beim Übergang zum Erwachsenenalter bedeuten; manchmal spielen dabei auch traditionelle Vor stellungen von Mobilität hinein. »Wenn ein junger Mensch erwachsen wird, muss er auf Reisen gehen«, lautet ein Sprichwort in der westafrikanischen Pulaar-Sprache. Durch die Migration wird eine zu lange Junggesellenzeit zu Hause vermieden, außerdem kann die Männlichkeit unter Beweis gestellt und die Rolle als Familienversorger und produktives Mitglied der lokalen Wirtschaft bekräftigt werden.

Der soziale Abstieg, der zunächst oft mit der Migration einhergeht, betrifft sowohl Frauen als auch Männer, wird allerdings sehr unterschiedlich erlebt. Männer nehmen es zum Beispiel sehr viel deutlicher als Statusverlust wahr, wenn sie ihre Familien nicht angemessen versorgen können. Häufig wird außerdem übersehen, dass auch Männer Opfer missbräuchlicher Arbeitgeber werden. Auch ist die Wahrscheinlichkeit für Männer höher, inhaftiert und abgeschoben zu werden. Nach Geschlecht aufgeschlüsselte Angaben zu Abschiebungen sind überraschend schwer zu finden, aber eine Untersuchung der Syracuse University im US-Bundesstaat New York hat ergeben, dass bei 368644 Abschiebungen aus den USA im Haushaltsjahr 2013 zu 97 Prozent Männer betroffen waren.

Migration 2017

Migration 2017 © Le monde diplomatique

Geringqualifizierte vs. hochqaulifizierte Migrant*innen

Sowohl die Forschung als auch der öffentliche Diskurs über Migration konzentrierten sich bisweilen auf die sogenannten geringqualifizierten Migrant*innen. Sie werden als Problem betrachtet, während die Hochqualifizierten heiß umworben sind – oft gelten sie nicht mal als Migranten. Ein US-amerikanischer Vermögensberater in Sydney beispielsweise wird eher als »im Ausland lebend« oder »Expat« bezeichnet denn als »Migrant« oder »Einwanderer«. Zugleich spielt Geschlecht im internationalen Wettlauf um Talente eine entscheidende Rolle. In den Einwanderungsgesetzen wird oft das Einkommen als Maß für die Qualifikation genommen. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Bezahlung führen dazu, dass es für Frauen schwieriger ist als für Männer, eine Einreise- und Arbeitserlaubnis zu erhalten – am ehesten klappt das noch im Gesundheits- und Bildungssektor. So wandern zwar gut ausgebildete Frauen häufiger aus als ihre männlichen Pendants, gelangen jedoch seltener dank ihrer beruflichen Qualifikation ins jeweilige Zielland.
Durch die in der Asyl- und Migrationspolitik dominante Unterscheidung zwischen »Flüchtlingen« einerseits und »Arbeitsmigranten« andererseits ist eine dritte Kategorie aus dem Sichtfeld geraten, die der »Familienangehörigen«. Darunter verstand man bis vor Kurzem nur die mitreisende Ehefrau. Inzwischen gibt es Bemühungen, diese Definition zu erweitern. Einige Staaten erkennen für die Familienzusammenführung bereits gleichgeschlechtliche Partnerschaften und eheähnliche Gemeinschaften an.
Diese Öffnung ist jedoch mit Vorsicht zu genießen: Die Kriterien für Asylverfahren und den Familiennachzug sind im Hinblick auf das Geschlecht zwar großzügiger geworden, zugleich ist die Zahl der bewilligten Anträge aber geschrumpft. So verlangen viele Einwanderungsländer vom bürgenden Ehegatten oder Partner den Nachweis eines bestimmten Einkommens – in Großbritannien zum Beispiel 18600 Pfund im Jahr (21700 Euro). Für viele Migrant*innen ist das an sich schon eine hohe Hürde – aufgrund des Gender Pay Gap ist sie für Frauen allerdings noch höher.

Autor: Bridget Anderson ist Professorin für Migration, Mobilität und Staatsbürgerschaft an der Universität Bristol. Von 2003 bis 2017 war sie Forschungsdirektorin am Centre on Migration, Policy and Society der Universität von Oxford.

Mehr Informationen zum Thema:

Weltweiter Kommunalverband für nachhaltige Entwicklung

Zeitschrift des UN-Umweltprogramms

Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Beratung zur Nutzung von erneuerbaren Energien: Klimaschutzagentur Wiesbaden

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