Afrika in Bewegung

Als Koch nach Lagos, als Managerin nach Cotonou – an der Westküste ist die Mobilität am höchsten

Im Westen Afrikas gilt die Westafrikanische Wirtschaftsgemein schaft (Ecowas) als ein abstraktes Gebilde, in dem die 15 Staatschefs gelegentlich zusammenkommen und sich zumeist über Krisen beraten. Das geschieht abseits der Öffentlichkeit und wird selten wahrgenommen. Dabei hat die Regionalorganisation bereits 1979 etwas Entscheidendes beschlossen: das Free Movement of Persons. Das Protokoll besagt, dass Ecowas-Bürger innerhalb der Staatengemeinschaft reisen, ihren Wohnsitz frei wählen und Geschäfte und Unternehmen aufbauen dürfen. Es trägt der Tatsache Rechnung, dass die aktuellen Grenzen in Westafrika, die 1884/85 während der Kongo-Konferenz in Berlin von den Kolonialmächten gezogen wurden, nie zu einer Region passten, deren Bevölkerung immer in Bewegung war und ist.

Das belegt der Weltmigrationsbericht 2018 der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Zwar lag die Abwanderung in Richtung USA, Asien und vor allem Europa auf einem Rekordhoch. Doch innerhalb Afrikas gibt es noch mehr Migranten. Dieser Trend besteht seit Beginn der 1990er Jahre. Im Westen des Kontinents ist die Mobilität am größten. Länder, in denen die Wirtschaft wächst und die somit Jobperspektiven eröffnen, werden zu attraktiven Zielen. Laut dem »Afrobarometer«, das seit 1999 Umfragen zu Demokratie, Regierungsführung und Wirtschaftsbedingungen durchführt, steht die Suche nach Arbeit für 43 Prozent der Migranten an erster Stelle, wenn sie ihr Heimatland verlassen. Dazu kommen über Jahrzehnte und Jahrhunderte gewachsene Strukturen und Traditionen. In der Region Kayes im Nordwesten Malis etwa sind ganze Dörfer aus den Rücküberweisungen der Migranten entstanden. Deshalb versuchen Familien vor allem ihre Söhne für einige Zeit nach Europa zu schicken, wo sie bereits auf ein bestehendes Netzwerk und Kontakte zurückgreifen können.

Einwanderung nach Herkunftsregion

Einwanderung nach Herkunftsregion © Le monde diplomatique

Benin

Das westafrikanische Benin (11 Millionen Einwohner) etwa gilt als politisch stabil. Auf dem Index der menschlichen Entwicklung (HDI) der Vereinten Nationen belegt es zwar nur Platz 163, unter den 15 Ecowas-Ländern aber liegt es an vierter Stelle. Dennoch ist Emigration Normalität. Es wird geschätzt, dass 3 bis 4 Millionen Beniner im Ausland leben. Fast 40 Prozent der Erwachsenen denken »oft« oder zumindest »manchmal« an Auswanderung. Für Menschen mit Abitur und Hochschulabschluss ist die Elfenbeinküste, wo mehr als 54000 Beniner leben, ein attraktives Ziel. Das Land hat mehr als doppelt so viele Einwohner (24,2 Millionen) und ist die größte Volkswirtschaft im frankofonen Westafrika. Wer im Niedriglohnsektor Arbeit sucht, den zieht es hingegen nach Nigeria (190 Millionen) sowie Gabun (1,7 Millionen) in Zentralafrika, wo Einwanderer laut IOM 13,91 Prozent der Bevölkerung ausmachen, darunter mehr als 35000 Beniner. In beiden Ländern ist das Einkommensniveau höher als in Benin. Gesucht werden vor allem Arbeitskräfte für einfache Tätigkeiten. In Nigeria, Afrikas größter Volkswirtschaft, arbeiten Beniner etwa als Köche oder Hausangestellte.

Benin seinerseits zieht nigerianische Geschäftsleute an. Zwischen den beiden Hafenstädten Lagos und Cotonou liegen zwar nur 120 Kilometer, Cotonou hat jedoch den Vorteil, dass eine konstante Stromversorgung gewährleistet ist und die Mieten wesentlich günstiger sind als in der nigerianischen Megacity. Weil auch die politische Lage stabil ist, siedeln gutverdienende Nigerianer häufig mit der ganzen Familie über. Bereits 1982 wurde in Cotonou die Nigerianische Internationale Schule (NIS) gegründet. An verschiedenen privaten Universitäten wird auf Englisch unterrichtet.

Laut einer von der IOM und vom Internationalen Zentrum zur Entwicklung von Migrationspolitik (ICMPD) 2015 veröffentlichten Untersuchung zur Migrationspolitik in Westafrika ist in Benin jeder vierte Einwanderer Nigerianer. Das liegt auch daran, dass entlang der Grenze sowohl Nigerianer als auch Beniner der ethnischen Gruppe der Yoruba angehören und dieselbe Sprache sprechen.
Die meisten Immigranten in Benin stammen mit 34,8 Prozent allerdings aus dem Niger. Das Land war 2018 Schlusslicht auf der Liste des Human Development Index, gleichzeitig hat es weltweit die höchste Geburtenrate – laut dem World Factbook lag sie 2017 bei 6,49 Kindern pro Frau. In Benin arbeiten Nigrer meistens in Wach- und Sicherheitsdiensten oder als Gärtner. In der Gastro nomie indes sind häufig Togoer anzutreffen. Das gilt auch für andere westafrikanische Länder.

Südafrika

Auch wenn innerafrikanische Migration schon lange Normalität ist, bleiben fremdenfeindliche Übergriffe nicht aus. In Südafrika, bis 2014 die stärkste Volkswirtschaft und bis heute das größte Einwanderungsland des Kontinents, kam es mehrfach zu Unruhen. Schon während der Apartheid zog es Arbeitskräfte aus den Nachbarländern Simbabwe, Mosambik, Lesotho, Malawi und Swasi land an. Von den 4 Millionen Einwanderern haben bis heute viele keinen Aufenthaltstitel und somit kaum Rechte und Schutz. Als zum Beispiel in den 1990er Jahren in Simbabwe unter Präsident Robert Mugabe die Repressionen zunahmen und sich die Wirtschaftslage verschlechterte, verließen viele Simbabwer ihr Heimatland. Im Mai 2008 sahen vor allem sie sich schweren Übergriffen ausgesetzt. Auch in den Jahren danach kam es immer wieder zu Gewalt gegenüber Einwanderern.

Die Elfenbeinküste

Südafrika ist keine Ausnahme. In der Elfenbeinküste– größter Kakaoproduzent weltweit – verstärkten sich ab den 1990er Jahren ebenfalls fremdenfeindliche Tendenzen. Damals führte Präsident Henri Konan Bédié das Konzept der Ivorité ein. Um für politische Ämter nominiert zu werden, mussten Anwärter ihre Herkunft offenlegen. Dem 2010 gewählten Präsident Alassane Ouattara etwa wurde auf dieser Grundlage 1995 die Kandidatur zur Präsidentschaftswahl verweigert. Seine Eltern kämen aus Burkina Faso, hieß es damals. Laut einem Zensus von 1998 stammte jeder vierte Einwohner nicht aus der Elfenbeinküste. Daten zu allen Ländern variieren stark, da es sich oft um Schätzungen handelt, die nicht auf einem aktuellen Melderegister beruhen. Viele Migranten lassen sich auch gar nicht registrieren. Alle Erhebungen stimmen jedoch damit überein, dass die Elfenbeinküste den höchsten Anteil an Ausländern hat.

Die größte Gruppe bilden die gut 1,3 Millionen Burkiner. Mit unter werden die Elfenbeinküste und Burkina Faso als »Quasizwillinge« bezeichnet, die trotz des unterschiedlichen Entwicklungsstands durch ihre Geschichte untrennbar miteinander verbunden sind. Die Burkiner kamen bereits in den 1930er Jahren als Arbeitskräfte und arbeiteten vor allem im Kakaoanbau. Heute stellen 360000 Malier die zweitgrößte Migrantengruppe.

In keinem anderen Land Afrikas aber leben aktuell so viele Migranten aus verschiedenen Nationen wie in Libyen, Tendenz steigend. Insgesamt machten sie laut IOM 2017 knapp eine halbe Million Personen – 7,7 Prozent der Bevölkerung – aus. Nur wenige Monate später, im Februar 2018, ging die Organisation bereits von über 700000 aus.

Libyen

Libyen galt über Jahre als das Tor nach Europa. Eine weitere Route führte vor allem in den 1990er und frühen 2000er Jahren vom Senegal auf die Kanarischen Inseln. Aufgrund der scharfen Kontrollen sitzen heute jedoch viele Menschen in Libyen fest. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) erreichten im September 20189542 Menschen über den See- und Landweg Europa. Drei Jahre zuvor – im Oktober 2015, dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung aus Syrien – waren es 222454. Im kriegsgebeutelten Libyen werden Migranten verhaftet, eingesperrt und mitunter sogar als Sklaven verkauft. Auch werden sie entführt, um so von Familienangehörigen Geld zu erpressen. Internationale Proteste sind wieder abgeebbt und haben an der Situation bisher kaum etwas geändert.

Dabei waren Libyen wie auch Algerien und in geringerem Maße Tunesien und Marokko jahrzehntelang für afrikanische Migranten attraktiv. Die Jobperspektiven galten als besser, und das Lohn niveau war höher als in zahlreichen Ländern südlich der Sahara. Nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef lebten bereits 1990 insgesamt 457482 Migranten im Land. Arbeit gefunden haben sie vor allem im Dienstleistungsbereich als Gärtner und Reinigungskräfte oder auf dem Bau. Einige – verlässliche Zahlen gibt es nicht – haben Unternehmen aufgebaut, Familien gegründet oder ihre Familie nachgeholt. Weil in Libyen aber der Staat zerfällt und Europa starken Druck ausübt, ist diese Perspektive nicht mehr vorhanden

Migration 2017

Migration 2017 © Le monde diplomatique

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