Es bleibt kompliziert

Den wohl spektakulärsten Auftritt auf der Weltbühne der vergangenen Jahrzehnte hat China hingelegt. Mit enormen Wachstumsschüben ist das Land zur größten Wirtschaftsnation neben den USA aufgestiegen. Diese Entwicklung mag sich einreihen in die große Verschiebung der kapitalistischen Wirtschaftsdynamik von Europa und Amerika nach Asien – die Wucht bleibt dennoch atemberaubend.

Binnen zehn Jahren ist China zum führenden Handelspartner von über 100 Ländern der Welt geworden, einschließlich der USA und Australiens. Ob damit ein pazifisches Zeitalter oder gar ein chinesisches Jahrhundert eingeläutet wurde, ist ungewiss.

Unter Xi Jinping, seit 2012 Generalsekretär der Kommunistischen Partei und seit 2013 Staatspräsident, erfindet sich die chinesische Diktatur neu. Leise Hoffnungen, mit der kapitalis tischen Öffnung werde auch eine Liberalisierung einhergehen, werden brutal erstickt. Die Partei strebt nach totaler Kontrolle. Absoluter Machtwille und neueste Technologie kommen zusammen, die Überwachung der eigenen Bürgerinnen und Bürger setzt auf Big Data und künstliche Intelligenz.

Allein schon deshalb hält sich die globale Ausstrahlungskraft des chinesischen Modells in Grenzen. Eine Vision, ähnlich dem Versprechen individueller Freiheit, wie es die Bill of Rights der US-Verfassung artikulieren, hat die Kommunistische Partei nicht zu bieten. Da helfen auch hunderte Konfuzius-Institute in aller Welt nicht. Zwar wird auf mittlere Sicht die »Große Gemeinschaft« (Datong) angestrebt, aber Chinas Kommunisten scheinen den eigenen Parolen nicht zu trauen, wenn sie die heimische Bevölkerung mittels einer »Great Firewall« gegen die »schädlichen westlichen Ideen« abschotten.

Auch Google, Facebook und Co. träumen von der totalen Kontrolle. Um unser künftiges (Kauf-)Verhalten berechnen oder gar manipulieren zu können, dringen die Agenten des Überwachungskapitalismus, wie ihn seine Kritiker*innen nennen, immer tiefer in unser Leben ein. Möglich gemacht hat das eine Erfindung des 21. Jahrhunderts – das Smartphone. Kein Wunder, dass Google sein Betriebssystem Android allen Smartphone-Produzenten gratis anbietet: Die kleinen Wunderwerke der Technik sind allgegenwärtige mobile Versorgungsapparate, die es dem Unternehmen erlauben, immer neue Daten zu gewinnen. Mehr als 2,5 Milliarden Menschen weltweit nutzen heute ein internetfähiges Mobiltelefon.

Smartphones sind globale Produkte, entwickelt in den USA, in Südkorea und inzwischen auch in China. Die Rohstoffe werden meist in Entwicklungsländern gewonnen. Kobalt zum Beispiel, ein unersetzliches Metall in den Lithium-Ionen-Akkus aller Mobilgeräte, stammt aus Minen in der Demokratischen Republik Kongo, wo Arbeiter für einen Dollar pro Tag schuften. Zusammengebaut werden die Geräte von Auftragsherstellern, die Fabriken vor allem in China unterhalten. In Zhengzhou in Zentralchina betreibt der taiwanesische Elektronikkonzern Foxconn eine riesige Fabrik, in der bis zu 350 000 Menschen iPhones zusammenschrauben. Verschickt in alle Welt werden die smarten Telefone dann per Container – die globale Frachtschifffahrt emittiert übrigens mittlerweile mehr Treibhausgase als die Bundesrepublik Deutschland. Wenn die Smartphones nach durchschnittlich weniger als fünf Jahren ausrangiert werden, landen viele von ihnen über illegale Exporte in Agbogbloshie: Die riesige Deponie für Elektroschrott in Ghanas Hauptstadt Accra ist laut der Umweltorganisation Blacksmith Institute einer der zehn giftigsten Orte der Welt.

Während sich Technik, Wissenschaft und und Massenkultur nach globalen Standards über den Erdball verbreiten, bleibt die politische Welt weiterhin in Nationalstaaten organisiert. Politische Institutionen, die globale Prozesse wirksam steuern, gibt es nicht. Die bestehenden internationalen Organisationen existieren nur mit der Erlaubnis der einzelnen Staaten, die sich vorbehalten, nach eigenem Ermessen Steuern zu erheben, soziale Standards festzulegen oder Einwanderung zu kontrollieren.

Für manche Staaten ist es ein lukratives Geschäftsmodell, Steueroase zu sein. Als in den 2010er Jahren durch Enthüllungen wie LuxLeaks oder die Panama Papers ans Licht kam, mit welchen Tricks Großkonzerne, Spitzenpolitiker, Stars aus Sport und Showbusiness in großem Maßstab »Steuervermeidung« betreiben, fütterte das die Wut der gewöhnlichen Steuerzahler auf die Eliten und ihre Handlanger. Da mutet es wie ein Witz der Geschichte an, dass viele, die sich als Verlierer der Globalisierung empfinden, ausgerechnet den Milliardär Donald Trump zum Präsidenten des mächtigsten Landes der Erde gewählt haben. Der hat inzwischen mithilfe der neuen sozialen Medien und Fake News die Vereinigten Staaten derart polarisiert, dass sie kaum wiederzuerkennen sind.

Dramatische Entwicklungen, wohin man schaut: US-Banken wie JPMorgan machen Gewinne, als hätte es die Finanzkrise von 2008 nicht gegeben, die USA zetteln einen Handelskrieg gegen China an, Venezuela leidet unter einer Hyperinflation, die Türkei wird anderen Staaten des Nahen Ostens immer ähnlicher, und die Sahelzone erlebt eine Spirale der Gewalt.

Die Welt ist in Bewegung – und es bleibt kompliziert. Die größte, wahrhaft globale Herausforderung haben die Staaten der Erde mit dem Pariser Klimaabkommen angenommen, zumindest auf dem Papier. Trotzdem geht die Erderwärmung nicht nur weiter, sie beschleunigt sich sogar. Die ins Meer stürzenden Eisberge liefern die Bilder dazu. Die schwedische Schülerin und Klimaaktivistin Greta Thunberg und die Bewegung »Fridays for Future« fordern die Politik auf, endlich zu handeln, radikal. Der Protest der Schülerinnen und Schüler zwingt uns dazu, die Welt mit den Augen unserer Kinder und Enkelkinder zu betrachten – damit unser Planet auch in 80 Jahren noch bewohnbar ist.

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