· changeX, Winfried Kretschmer

Menschen im Aufbruch

Der Regenbogen als Symbol für den Übergang in eine neue Zeit des Denkens<br>Foto: Naturefund

Viele Dampfplauderer in Politik und Medien reden von Wandel und Veränderung. Doch Land und Leute fühlen sich wie im Schraubstock. Kein Vor und Zurück. Nicht überall. In den Nischen und Zwischenräumen, im Verborgenen und abseits des tumben Mainstreams kommt frischer Wind auf.

Nicht mit den Wölfen heulen!

Liebe Leserin, lieber Leser,

changeX-Autoren haben sich auf die Suche nach Menschen gemacht, deren Verständnis von Wirtschaft und Arbeit konstruktiv anders ist. Die Alternativen vorleben und nicht mit den Wölfen heulen. Heute: Katja Wiese kauft Land, um es zu schützen. Mit dem Geld sponsorwilliger Menschen. Eine Umweltschützerin mit Marketingköpfchen! Ihre Vision: In jedem Land der Erde sollen zehn Prozent der Fläche unter Naturschutz stehen. Als Rückzugsräume für die Natur.

Der VW-Käfer ruckelt über den schmalen Feldweg auf ein Waldstück zu. "Das ist der Wald", sagt Katja Wiese und lenkt das Fahrzeug auf einen Weg, der am Rande des Wäldchens entlang führt. Nach wenigen hundert Metern hält sie an und parkt ihren Wagen auf dem schmalen Wiesenstreifen rechts des Weges. Auf der linken Seite trennt ein schmaler Bachlauf den Waldrain von dem Fahrweg. Ein großer Schritt nur, und man steht am Rand des Erlenwäldchens. Einige Jahrzehnte mögen die Bäume alt sein, ein schmaler, kaum erkennbarer Weg führt in das Wäldchen hinein. Doch Katja Wiese verlässt den Pfad und bahnt sich ihren eigenen Weg durch das fette Kraut, das den Boden überwuchert. "Die Biologen sagen, dass ausgetretene Wege die Leute anziehen", erklärt sie. Und weil Menschen an diesem Ort eher unerwünscht sind, bahnen wir uns den Weg durch das Unterholz, bis wir am Rande einer kleinen Lichtung stehen. Es ist ein feuchtes Stück Land mit scharfblättrigen Gräsern und Schilfwedeln, die kreuz und quer durcheinander ragen - eine wilde, undurchdringlich erscheinende Pflanzendecke, unter der sich das eine oder andere sumpfige Loch verbergen mag. Die tief stehende Herbstsonne taucht die Sumpfwiese in hartes Gegenlicht, das die Gräser in sattem Grün erstrahlen lässt. Es ist einer jener geschenkten Tage im Herbst, bevor Nebel und Regen den nahenden Winter ankündigen.

Naturschützerin ohne Parka und Gummistiefel

Die Lichtung ist nicht groß, nur 20, 30 Meter im Durchmesser vielleicht. Während diesseits der Feuchtwiese Erlen und ein paar Eichen ein lichtes Blätterdach bilden, fügen sich gegenüber eng gepflanzte Fichten zu einer dichten, undurchdringlich scheinenden Front. Es sind sterbende Bäume. Die Fichten am Rand sind bereits dürr. Wie Weihnachtsbäume vier Wochen nach dem Fest spreizen sie ihre vertrockneten Äste von sich. "Die Fichten wurden gepflanzt, nachdem die Mauer das Gebiet hier durchtrennt hatte", erläutert Katja Wiese. Das Wäldchen liegt im Grenzgebiet zwischen Hessen und Thüringen zwischen den Städten Bad Hersfeld und Eisenach.
Im Kalten Krieg verlief hier der Todesstreifen zwischen beiden deutschen Staaten. Heute sieht man davon nichts mehr. Man könnte diesen Ort für ein Naturidyll ansehen, wären da nicht die Fichten, die auf der Feuchtwiese ertrinken. Es waren die falschen Bäume für diesen Ort. Doch nun ist Katja Wiese gekommen, um der Natur wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. "Wir wollen dieses Stück Land kaufen, um es der Natur zurückzugeben", sagt sie. Dieses Stück Land umfasst acht Hektar. Neben dem Sumpfwald gehören einige feuchte Wiesen mit einem Teich und eine Graureiherkolonie dazu. "Dieser sumpfige Wald hat für die Forstwirtschaft keinen Wert mehr - wohl aber für den Naturschutz", betont Katja Wiese, die in ihrem leuchtend roten Pullover gar nicht dem Bild einer gestandenen Naturschützerin entsprechen mag.

Keine Gummistiefel, kein Parka. Eher wirkt sie wie eine Fremdenführerin in einer großen Stadt. Hier, auf dieser feuchten Lichtung, die in einem Zwischenzustand zwischen Fichtenmonokultur und Feuchtbiotop verharrt, auf diesem Stück Land, das noch immer wie ein Niemandsland zwischen zwei Welten erscheint, wirkt sie irgendwie irreal. Doch wenn Katja Wiese auf dieser Lichtung steht und von Feuchtbiotopen, Fichten und Graureihern erzählt, dann scheint es so, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht.

Katja Wiese ist eine Naturschützerin, die ökologisches Sendungsbewusstsein gegen eine klare Marketingorientierung eingetauscht hat. Sie trägt nicht Kröten über die Schnellstraße, sondern sucht nach ihrer Positionierung auf dem Markt für Umweltbewusstsein - allein und auf eigene Faust. Sie ist Selbstunternehmerin in Sachen Naturschutz und verwirklicht damit ihren Mädchentraum. Und dieses Wäldchen zwischen Biotop und Wirtschaftswald ist das erste Stück Land, das sie mit harten Euros erlösen will, damit es in Zukunft sich selbst überlassen bleibt, nicht mehr gestört von Menschen. Und deshalb schlägt sie auch Haken auf dem Weg durch das Wäldchen, damit ihre Spuren keine Neugierigen in das künftige Naturrefugium locken. Katja Wiese ist Gründerin und Motor des Vereins Naturefund, der sich zum Ziel gesetzt hat, Land zu schützen.

Gefühl und Identifikation als Produkt

Erstmals begegnet sind wir uns vor einem Jahr, damals in Frankfurt im noblen Frankfurter Hof, wo sich in dem hektischen Buchmessen-Trubel gerade noch ein ruhiger Tisch für ein Interview finden ließ. Katja Wiese arbeitete an einem Projekt, das vielerlei vereinte: Existenzgründung, Naturschutz-Marketing, gesellschaftliches Engagement, das Internet. Ihre Idee verband zwei bislang gegensätzliche Pole: Die Idee, Land zu kaufen, um es zu schützen, auf der einen und modernes Marketing, das mit Werbung und Kundenbindung operiert, auf der anderen Seite. Naturschutz war bislang eine Angelegenheit von Weltanschauung und Idealismus, von Überzeugung und hehren Zielen - und Katja Wiese wollte dieses Feld nun mit den Mitteln des Marketings beackern.

Für sie bedeutete das zugleich, sich von den traditionellen Naturschutzorganisationen abzuheben. Denn die seien in den 80er Jahren stehen geblieben und dächten noch immer in dem Freund-Feind-Schema von damals. Aber die Welt hat sich geändert, betont Katja Wiese. "Das klingt arrogant", gesteht sie ein, "aber man kann viel mehr erreichen, wenn man mit den Leuten mitgeht." Die Menschen wollen etwas tun, ist sie sicher, man müsse nur Möglichkeiten bieten. Für sie heißt das: Angebote schaffen, Identifikation herstellen. Eine Marketingaufgabe also, von der Kundenakquisition bis zum "after sales support". Naturefund begreift sie als Scharnier zwischen den Naturschutzorganisationen, die sich nur wenig um Marketing kümmern, und der Öffentlichkeit, die Angebote und Andockmöglichkeiten erwartet. Dass es dabei nicht nur um hehre Ziele, sondern auch um Emotionen geht, ist ihr bewusst. "Das Produkt für unsere Kunden ist nicht so sehr das Stück Land, sondern es ist ein gutes Gefühl und die Identifikation mit einer Community."

Ein Traum aus Jungmädchentagen

Katja Wieses Lebensweg war alles andere als ein geradliniger Karrierepfad. Nach ihrem Studium ist sie viel gereist und in der Welt herumgekommen. Sie hat als Redaktionsassistentin beim NDR gearbeitet und zur Zeit der Expo 2000 am Weltausstellungsauftritt einer großen Umweltschutzorganisation mitgestrickt. In der Hochphase des Internet-Hypes war sie dann Content-Managerin in einer Online-Firma, danach Beraterin für Kommunikation und Medien in einer Unternehmensberatung. Doch damit war nach zwei Jahren Schluss. Anfang des vergangenen Jahres wurde sie krisenbedingt freigesetzt. Was tun? Es gab da noch einen Traum aus Jungmädchentagen: Land kaufen, um es zu schützen. Mit zehn, elf Jahren hatte sie im Sommerurlaub auf Husum diesen Entschluss gefasst. Und nun, ein Vierteljahrhundert später, beschloss sie, diesen Traum Realität werden zu lassen. Ihre Abfindung plus ein wenig angespartes Geld sollten reichen, um die erste Zeit über die Runden zu kommen. Das Ziel indes war Hauptamtlichkeit: Das Projekt sollte zunächst ihre eigene Stelle, später dann vielleicht sogar ein kleines Projektteam tragen. In Freunden, Bekannten und früheren Kollegen fand sie Mitstreiter, die sie bei ihrem Vorhaben unterstützten. Ihre Idee: Eine Plattform zu schaffen, die Patenschaften für schützenswertes Land vermittelt - einfach und kundenah online via Internet.
"Wenn man Flächen in Ruhe lässt, dann regeneriert sich die Natur unheimlich schnell."

Doch in Deutschland gebe es viel zu wenig Rückzugsräume, wo die Natur machen kann, was sie will, kritisiert Wiese. Weniger als ein Prozent der Fläche hierzulande ist Wildnis. Ihre Vision? "Ich möchte sehr viel Land kaufen, um Ruheräume für die Natur zu schaffen. Meine Vision ist, dass in jedem Land der Erde zehn Prozent der Fläche unter Naturschutz stehen", sagt sie ganz unbescheiden. Und fügt hinzu: "Klar frage ich mich manchmal, ob ich vermessen bin."

Patenschaft per Mausklick

Anfang April 2003 wurde der Verein Naturefund gegründet. In den folgenden Monaten widmete sich Katja Wiese der Website und führte Gespräche mit möglichen Partnern. Im Herbst war dann das neue Logo fertig, das erste Gewinnspiel startete und die ersten Spenden trudelten ein. Doch dann wurde es ruhig um das Projekt. Es dauerte noch bis zum Mai diesen Jahres, bis die interaktive Karte online ging. Sie zeigt das Gebiet, das geschützt werden soll, und bietet Fotos und Informationen zu dem Projekt. Das Gebiet ist in 2.500 Parzellen unterteilt, von denen jede 30 € kostet. "Das ist 1 € für einen Quadratmeter zu schützendes Land", betont Katja Wiese. Zehn Prozent der Summe dienen zur Finanzierung der Organisation. Wer eine Patenschaft übernehmen will, füllt ein Online-Formular aus und kann dabei entscheiden, wo "seine" Parzelle liegen soll: im Sumpfwald, in der Graureiherkolonie oder im Bereich "Teich mit Wiese". Sofern gewünscht, erscheint der Name des Paten in einer Patenliste, die man ebenfalls auf der Website einsehen kann. Ein monatlicher E-Mail-Newsletter informiert über Neuigkeiten. Nach mehr als einem Jahr Vorbereitung war das Projekt angelaufen.

Beinahe auf den Tag genau ein Jahr nach unserem ersten Treffen führt Katja Wiese an diesem sonnigen Oktobertag stolz durch das Stück Land, das nun schon mehr als 500 Paten hat. 692 Parzellen mit gut 20.000 Quadratmetern Grund sind vergeben. 25.000 € hat Naturefund eingenommen. "In vier Monaten haben wir 20.000 Quadratmeter geschützt - das ist gut für den Anfang", gibt sich Wiese zufrieden. Bis Weihnachten will man nun mehr Gas geben. "Mehr Leute ansprechen und mehr Paten akquirieren", lautet die Devise der Macherin, die ungebrochenen Optimismus ausstrahlt.

Sie will die Projekte beschleunigen, den Umsatz erhöhen, wie sie sagt, während sie durch die Umgebung führt. In Sichtweite des zu schützenden Landstücks befindet sich ein größeres Naturschutzgebiet, unmittelbar angrenzend liegen einige größere Fischteiche, auf denen sich zahlreiche Wasservögel tummeln. Insgesamt ein idyllischer Flecken Erde abseits des Zivilisationsgetöses - wenn man von der Kalihalde absieht, die in einigen Kilometern Entfernung den bewaldeten Höhenzug abrupt abschließt. Menschen sind hier ungebetene Gäste. Während Katja Wiese von ihren Plänen erzählt, kommen wir den Wasservögeln zu nahe, die vor dem breiten Schilfgürtel am anderen Ufer des Sees ihren Aufenthaltsort haben. Ein Schwarm von Kormoranen fühlt sich gestört, vielleicht 30, 40 Tiere fliegen auf und kreisen lange über dem See. Erst als wir uns weit genug entfernt haben, ziehen sie ihre Kreise tiefer und landen schließlich dort, wo sie aufgeflogen waren. Durch das Fernrohr, das in einem Informationspavillon am Rande des Feuchtgebietes installiert ist, lässt sich beobachten, wie die Vögel mit gestreckten Beinen auf der Wasseroberfläche landen. In der Oktobersonne auf den Holzbänken des Infopavillons spinnt Katja Wiese Zukunftspläne.

Emissionshandel als zweites Standbein

Zu ihrem "Herzensprojekt" ist mittlerweile ein zweites Aktionsfeld hinzu getreten. Katja Wiese engagiert sich im Emissionshandel und versucht sich in diesem vollkommen neuen Geschäftsfeld ein zweites Standbein aufzubauen. Im kommenden Jahr startet das europäische Handelssystem mit Emissionszertifikaten, das den Einstieg in ein marktorientiertes System zur Minderung klimaschädlicher Emissionen bringt. Unternehmen, die ihre zugeteilten Emissionsgrenzen überschreiten, können Emissionsrechte in Form freier Zertifikate hinzukaufen. Umgekehrt können Unternehmen, die ihre Grenzwerte unterschreiten, ihre nicht genutzten Emissionsrechte verkaufen.

Ihre Idee ist es, Firmen, die Lösungen zur Minderung klimaschädlicher Emissionen anbieten, mit Unternehmen zusammenzubringen, die freie Zertifikate erwerben wollen, zum Beispiel weil sie ihre Produktion erhöhen wollen. "Das ist ein vollkommen neuer Markt und ein sehr spannendes Feld", sagt sie. Derzeit ist Wiese mit mehreren Unternehmen im Gespräch, darunter einige Energieversorger. In ihrem Emissionsreduktionsportfolio hat sie mehrere Projekte, zum Beispiel ein Ingenieurunternehmen, das in Drittweltländern Müllkippen saniert und dabei das austretende Methangas zur Energieerzeugung nutzt. Methan ist ein Klimakiller. Die Verwertung des Deponiegases reduziert klimaschädliche Emissionen - mehr als mit den gleichen Mitteln hierzulande möglich wäre, wo der hohe technische Stand nur noch graduelle Fortschritte erlaubt. So gesehen ist Emissionshandel globalisierter Umweltschutz.

Für Katja Wiese ist er eine Möglichkeit, Gelder in ökologisch sinnvolle Projekte zu lenken. Auch hier hat sie ihre Vision schon parat. Wenn 2012 auch die so genannten Senken, also die Bindung von Kohlendioxid durch Pflanzen, in den Emissionshandel einbezogen werden, erschließt sich auch die Wiederaufforstung dem globalen Tauschgeschäft. Katja Wiese schwebt vor, Gelder aus dem Emissionshandel in ökologisch orientierte Wiederaufforstungsprojekte in Südamerika und Südostasien zu lenken. Das könnte sich als zukunftsträchtige Idee erweisen. Mit dem Emissionshandel hatte Wiese jedenfalls den richtigen Riecher. Mehrere Projekte laufen bereits. Soeben ist ihre "Agentur für CO2-Handel" eine Kooperation mit einem Handelshaus eingegangen, das sich um den finanztechnischen Teil der Transaktionen kümmern wird. Nach eineinhalb Jahren, in denen sie von ihren eigenen Ersparnissen lebte, kann Katja Wiese nun sagen: "Mein eigener finanzieller Rahmen ist gesichert."

Ihr neues Standbein ist für sie nur eine Variation desselben Musters. Ihre Tätigkeit als Maklerin entspreche ziemlich genau dem, was sie auch bei Naturefund mache, betont sie: "Ich vermittle und ich kommuniziere. Ich bin eine Art Scharnier: Bei Naturefund vermittle ich zwischen den Schutzprojekten und der Öffentlichkeit, beim Emissionshandel zwischen Projekten, die Emissionen reduzieren, und den Firmen, die CO2-Zertifikate brauchen."

Und irgendwann an diesem Nachmittag, als die Oktobersonne schon recht tief über dem Horizont steht und die Teiche und den angrenzenden Wald in mildes Licht taucht, fällt irgendwann ein Satz, der reichlich abgeklärt daher kommt, nichtsdestotrotz den Kern der Sache trifft: die Haltung zur Welt. "Es kommen immer neue Prozesse der Veränderung. Und es geht nicht darum, sich dagegen zu wehren", sagt Katja Wiese. "Die Frage ist: Wie kann ich mich geschmeidig durch sie hindurch bewegen? Und wie kann ich sie nutzen, um für mich neues Potential zu gewinnen?" Auf diesem Weg scheint sie bereits ein gutes Stück vorangekommen zu sein.

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