· Süddeutsche Zeitung

Klimaziele doch noch in Reichweite?

Foto: Bill Oxford, Unsplash

Würden alle Staaten ihre langfristigen Klimaschutz-Zusagen umsetzen, wären bis 2100 rund 2,1 Grad Erwärmung zu erwarten.

von Marlene Weiß

Die Aussichten der Welt, bis zum Jahr 2100 die schlimmsten Klimaschäden abzuwenden, haben sich deutlich verbessert. Zu diesem Ergebnis kommt die Initiative "Climate Action Tracker", die von den Think Tanks Climate Analytics und New Climate Institute getragen wird und die globalen Klimaschutz-Zusagen verfolgt. Laut einer am Dienstag veröffentlichten Auswertung dürfte die Erwärmung zum Ende des Jahrhunderts rund 2,1 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter betragen, falls alle Staaten ihre bisherigen Zusagen einhalten. Damit wäre das in Paris vereinbarte Ziel, deutlich unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben, zumindest in Reichweite.

Gründe für die veränderten Prognosen

Auf der Basis der bereits umgesetzten Politikinstrumente waren die Experten noch im September auf 2,9 Grad Celsius Erwärmung gekommen, daran hat sich auch nichts geändert. Berücksichtigt man aber auch die aktuellen Klimaversprechen, gibt es eine deutliche Korrektur nach unten, von 2,6 auf 2,1 Grad. Das hat vor allem zwei Gründe: Die Ankündigung von Chinas Parteichef Xi Jinping, das Land bis 2060 CO₂-neutral zu machen, sowie die Wahl von Joe Biden zum neuen US-Präsidenten. Biden hat vor, die Stromversorgung bis 2035 auf Erneuerbare umzustellen und will dafür sorgen, dass die USA bis 2050 Klimaneutralität erreichen können.

63 Prozent der Emissionen entfallen auf Staaten, die ihre Emissionen auf null bringen wollen
Allein die Ankündigung Chinas dürfte, wenn sie umgesetzt wird, die Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts um 0,2 bis 0,3 Grad verringern. Die USA würden ein weiteres Zehntelgrad bringen. Hinzu kommen Länder wie Südafrika, Japan, Südkorea und Kanada, die ebenfalls kürzlich angekündigt haben, ihre Emissionen auf null zu bringen. Die EU hat schon länger erklärt, bis 2050 treibhausgasneutral sein zu wollen. Insgesamt, so der Climate Action Tracker, haben somit 127 Staaten, die gemeinsam 63 Prozent der Emissionen verantworten, Netto-null-Ziele verabschiedet oder erwägen sie.

Ohne Handeln kein Erfolg

Die Berechnung setzt allerdings voraus, dass all die schönen Ziele auch erreicht werden, das ist längst nicht gesichert. "In diesen Wein muss man etwas Wasser schütten", sagt Ottmar Edenhofer, Direktor und Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. "Ich glaube Politikern Netto-null-Ziele erst dann, wenn sie auch einen langfristig steigenden CO₂-Preispfad ankündigen. Das sehen Investoren schließlich auch nicht anders."

Vorbildfunktion bringt Domino-Effekt?

Dass das betrachtete Szenario optimistisch ist, räumt Niklas Höhne vom New Climate Institute ein. Wichtig sei aber: "Es gibt jetzt eine kritische Masse von Ländern, die Netto-null-Ziele haben. Das entfaltet eine Sogwirkung", sagt er.

So ein Sog könnte letztlich auch bei der Umsetzung helfen. Da hapert es noch gewaltig, das geben auch die Macher des Climate Action Trackers zu. Schließlich sind die Emissionen bis zum Beginn der Pandemie weiter gestiegen, und die meisten Konjunkturpakete lassen befürchten, dass der gegenwärtige Einbruch nicht von Dauer sein wird. Auch die kurzfristigen Klimaziele der Staaten sind aus Sicht von Experten noch nicht annähernd ausreichend, um den Weg zur versprochenen Klimaneutralität einzuleiten.

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