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"Das Elend ist größer als je zuvor", Richard David Precht über Fleischkonsum und Tierhaltung

"Wir bräuchten eine grundsätzliche Grenze, um den Fleischkonsum zu rechtfertigen", sagt Richard David Precht. Foto: © Philippe Matsas

Unsere Haustiere bringen wir zum Yoga, während die Tiere, die wir verspeisen, in Fleischfabriken darben. Der Philosoph Richard David Precht schlägt vor, nur Tiere zu essen, die man selbst schlachten würde. Da Wirtschaft und Nachhaltigkeit so wichtig für unsere Zukunft ist, stellt die Redaktion vom 'Forum Anders Wirtschaften' Naturefund zukünftig regelmäßig spannende Artikel zur Verfügung. Ein großen Dank von uns!

Unser Fleischkonsum verursacht schädliche Treibhausgasemissionen und den Tieren unermessliche Qualen. Ist Fleisch essen moralisch vertretbar? 

Eine vegetarische Lebensweise ist aus philosophischer Sicht die richtigere. Ich gebe mich aber nicht der Illusion hin, dass wir es schaffen werden, innerhalb einer überschaubaren Zeit aus allen Menschen in Europa Vegetarier oder Veganer zu machen. Daher müssen wir uns praktische Ziele setzen, wie das größte Ausmaß des Tierleides zu verringern. Ich weiß, dass viele Tierrechtler finden, ein Verbrechen ist auch unter gelinden Umständen ein Verbrechen. Aber ich bin Pragmatiker genug, um zu sagen, wir können nur einen ökologischen und tiergerechten Umbau in der Gesellschaft schaffen, indem wir das in mehreren kleinen Schritten tun. Das Verbot von Pelztierfarmen oder von Tierfabriken wäre schon ein ganz gewaltiger Schritt und ich glaube, dass es zur Humanität beitragen würde, das zu erreichen.

Ein Grund, weshalb wir Tiere so entspannt töten und essen, ist der, dass wir uns als überlegene Spezies betrachten. Wie kommt das?

Die biologische Ähnlichkeit zwischen Mensch und Tier war den alten Griechen schon bewusst. Aber im Zuge des Christentums und des Rationalismus - denken wir an Descartes und das rationalistische Paradigma, in dem Tiere nur Maschinen sind - haben wir einen künstlichen Graben geschaffen, der die biologische Verwandtschaft ignoriert. Das können wir seit Charles Darwin eigentlich nicht mehr machen, aber wir haben diesen Graben sorgsam gehütet. Die allgemeine Vorstellung, dass der Mensch etwas Besseres sei, weil er vernunftbegabt und zur Selbstreflexion fähig ist, weil er über eine Schriftkultur und eine differenzierte Lautsprache verfügt, sind aber keine moralischen Argumente, die dem Menschen das Recht geben, mit anderen Lebewesen zu tun, was er will.

Ich würde Sie gern mit Ihrem eigenen Gedankenexperiment konfrontieren: Außerirdische, die uns Menschen intelligenzhalber weit überlegen sind, kommen auf die Erde und finden Geschmack an unserem Fleisch. Was können wir Ihnen entgegensetzen?

Wir würden Außerirdischen, die aufgrund ihrer Überlegenheit meinen, mit uns alles tun zu dürfen, was sie wollen - eine Analogie zu unserem Umgang mit Tieren - entgegnen, wir sind leidensfähig. Wir haben Schmerzen und sind in entsetzlichen Seelenzuständen, wenn wir wissen, dass wir geschlachtet werden sollen. Wir lieben unsere Kinder und wollen nicht, dass sie gegessen werden. Wir berufen uns auf die sensiblen Gefühlregungen, zu denen wir in der Lage sind.

Auch Schweine haben Angst und leiden.

In der Tat. In Bezug auf die Leidensfähigkeit unterscheiden wir uns nicht grundsätzlich. Wir bräuchten eine grundsätzliche Grenze, um den Fleischkonsum, so wie wir ihn praktizieren, zu rechtfertigen.

Also kein Fleisch mehr essen?

Die vegetarische Lebensweise ist wie gesagt aus meiner Sicht die Bessere. Aber ich möchte mich nicht in die Position begeben, jedem einzelnen Menschen zu sagen, ob er Fleisch essen darf oder nicht. Auch ich esse gelegentlich Fleisch. Menschen sind fehlbare Wesen. Das gilt übrigens für jede moralische Frage. Ich verhalte mich nicht stets fürstlich, päpstlich oder wie ein Heiliger, aber das hindert mich nicht daran, im Vegetarismus die bessere Lebensweise zu sehen.

Die moderne Massentierhaltung gleicht der Folter. Warum können wir Menschen das ausblenden?

Wir tun uns damit relativ leicht, weil wir das Tierelend nicht sehen oder sehen wollen. Die allerwenigsten Menschen waren in ihrem Leben schon mal in einem Schlachthaus. Angenommen, ich gehe mit Ihnen in ein Schlachthaus und wir schauen uns an, wie die Rinder an den Füßen aufgehängt werden, wie die Schweine ausbluten. Wir riechen, wie das stinkt, wie das Blut in den Ablauf rinnt. Wenn wir also das ganze entsetzliche Desaster, das Brüllen, das Quieken, das Leid mitkriegen und anschließend würde ich Ihnen sagen, jetzt gehen wir ein Steak essen, dann haben Sie in dem Moment ein Problem damit. Wenn Sie sinnlich spüren, was Sie da tun, gewinnen Sie ein anderes Verhältnis.

Sollte man daher nur Tiere essen, die man selbst geschlachtet hat?

Mein Kompromissvorschlag ist, sich zu überlegen, ob man das Tier, das man isst, auch eigenständig hätte töten können. Einfach als ein Versuch, eine Brücke zwischen unserem Abstraktionsvermögen und der tatsächlichen, sinnlichen Realität vom Schlachten zu schlagen. Wenn ich in der Lage bin, dieser Ente mit dem Beil den Kopf abzutrennen, ist der Widerspruch schon um einiges geringer. Dann würden vielleicht noch Enten und Hühner gegessen, nicht aber mehr Kälbchen oder Lämmer.

Könnte man das nicht institutionalisieren?

Das kann man nicht, aber man kann ein Bewusstsein schaffen, um den Wandel weiter voranzutreiben. Wie in allen anderen ethischen Fragen auch. Die Abschaffung der Sklaverei ist einen ähnlichen Weg gegangen. Irgendwann war es durch die Entwicklung der Gesellschaft ein Widerspruch, der nicht mehr zu ertragen war. Dagegen gab es im alten Rom keine Kritik an der Sklaverei, weil man sie für selbstverständlich hielt, ohne dass man ein Sensibilitätsproblem hatte.

Im Tierschutzgesetz steht, dass man Tieren dann Leid zufügen darf, wenn man vernünftige Gründe dafür hat. Was sind vernünftige Gründe?

Ernährung. Ist man auf Fleisch angewiesen, ist das ein vernünftiger Grund, Tiere zu töten. Ist man darauf nicht angewiesen, ist es kein vernünftiger Grund. Ein Inuit, der Robben tötet, weil er nicht die Möglichkeit hat, andere Vitamine über Pflanzen aufzunehmen, der begeht kein Verbrechen. Wenn Sie hingegen im großen Stil Fleisch aus Massentierhaltung essen, ist Ihr Verhalten aus ethischen Gesichtspunkten absolut nicht korrekt.

Was sagt unser Umgang mit Tieren über den Zustand unserer Moral aus?

Insgesamt ist das Verhältnis von Mensch und Tier widersprüchlich. Die Art, wie wir unsere Haustiere behandeln, wie wir Tiere in Zoos halten oder Verbote gegen bestimmte Zirkusdressuren, zeigen, dass sich die Sensibilität gegenüber Tieren vergrößert hat. Auf die dunkle Schattenseite haben wir all das verlegt, was unserer Sensibilität zuwiderläuft. Wir haben das Töten von Tieren, was früher eine Art Alltagskultur in Bauernfamilien oder auf dem Marktplatz war, hinter die Kulissen verschoben. Dieses Elend hat aber rein quantitativ ein Ausmaß erreicht, das als Verbrechen größer ist, als je zuvor.

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