Dynamischer Agroforst eine einzigartige Methode

Naturefund hat sich der großen Herausforderung gestellt, die innerandinen Täler von Cochabamba (Bolivien) in "essbare Wälder" umzuwandeln.

Dynamischer Agroforst -Eine Methode ohne Rezept

Im September 2014 hat Naturefund ein spannendes Pilotprojekt ins Leben gerufen, das den Titel trägt: "Verbesserung der Lebenssituation von Kleinbauern im semiariden Tal von Cochabamba". Partner dieses Projekts sind AGRECOL-Andes und das Agroforst-Netzwerk ECOSAF.

Die Wälder sollen durch die Anwendung einer neuartigen Methode entstehen. Der Name dieser Methode lautet: Dynamischer Agroforst (spanisch: Agroforesteria dínamica, kurz: AD). Sie ist auch unter den Namen "sukzessionale Agroforstwirtschaft" oder "Mehrschichten-Agroforst" bekannt. Man hat sich für diese Methode entschieden, weil sie eine Menge Vorteile gegenüber herkömmlichen Anbauformen bietet, und zwar nicht nur in wirtschaftlicher und gesellschaftlich-kultureller Hinsicht, sondern vor allem, weil sie besonders umweltschonend ist.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Methoden, gibt es bei dem AD kein spezifisches Rezept für die konkrete Anwendung und Handhabung. Denn der AD basiert auf dem Konzept, die Dynamik der Natur nachzuahmen. Als Vorlage dienen dabei die lokalen Wälder.

David Tovar

David Tovar

Foto: Helga Gruberg

Eine ständige Lernerfahrung

Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung mit dynamischem Agroforst sagt der Projektkoordinator, David Tovar:

"Es ist eine ständige Lernerfahrung für uns, denn es gibt kein Patentrezept."

Essbarer Wald

Unter einem "essbaren Wald" versteht man:

“... das Feld eines Bauern, auf dem ein natürlicher, junger Wald nachgeahmt wird. Der Wald kann sich aus großen Bäumen, kleinen Bäumen, Büschen, mehrjährigen Gräsern, Gemüse, Kletterpflan-zen, Pilzen und jährlichen Nutzpflanzen zusammensetzen. All diese Arten werden so ange-pflanzt, dass sie sich gegenseitig unterstützen und sich nicht im Wachstum behindern.”

AD erhält damit nicht nur die Wälder, sondern erzeugt auch Nahrungsmittel für die Bauern.

Die Gemeinde Chaupi Melga auf 3.451 m Höhe, in dem Gebiet vonCochabamba.

Die Gemeinde Chaupi Melga auf 3.451 m Höhe, in dem Gebiet vonCochabamba.

Foto: Helga Gruberg

Die trockenen, innerandinen Täler4

Die trockenen, innerandinen Täler von Cochabamba, in welchen das Projekt durchgeführt wird, befinden sich aufeiner Höhe von 2.000 bis 3.500 m. Es herrscht Steppenklima mit einer Niederschlagsmenge von 400 bis 600 mm und einer Durchschnittstemperatur von 16-19° C.

Diese Bedingungen machen die Täler von Cochabamba für die landwirtwirtschaftliche Produktion besonders günstig. Hier werden Getreide, Gemüse, Obst, Futter- und Knollenpflanzen angebaut. Die Viehzucht besteht aus Schweinen, Schafen, Rindern, Lamas und Ziegen.

Doch die Böden sind stark übernutzt. Das liegt unter anderem an dem Viehbestand, der für die Fläche zu groß ist, der Mechanisierung der Landwirtschaft und dem Einsatz von Agrochemikalien. Auch der Klimawandel wirkt sich negativ auf die Landwirtschaft aus.

Mollesnejta 1999

Mollesnejta 1999

Foto: Kaulich

Mollesnejta im Jahr 1999

Früher waren die Böden durch die zu großen Viehherden erodiertund die Fruchtbarkeit ging ver-loren. Das führte bei Regen zu Erosionskanälen und Erdrutschen.

Mollesnejta im Jahr 2005

Mollesnejta im Jahr 2005

Foto: Kaulich

Mollesnejta 2005 und 2014

Dank des Einsatzes von dynamischem Agroforst haben sich die Böden des Grundstücks enorm verbessert.

Im September 2014 wurden 41.000 Pflanzen auf 15 Hektar angebaut. Bis jetzt wurden 480 Pflanzenarten registriert, von denen 205 durch die natürliche Regeneration entstanden sind.

Mollesnejta - Ein Beispiel für die Veränderung der trockenen Täler

"Als ich im Jahr 1978 zum ersten Mal nach Bolivien kam, schien es mir, als ob die abgeholzten Berge um das Tal von Cochabamba für extreme Temperaturen sorgten. Darüber hinaus erzählte mir mein Schwiegervater, dass in seiner Jugend die Hänge von Tunari grün waren. Seitdem habe ich den Traum, die Hänge der Hügel wieder grün werden zu lassen. Dieser Traum wird nun durch die Unterstützung von NATUREFUND Wirklichkeit.“

Noemi Stadler-Kaulich, Red Espacio COmpartido en Sistemas AgroForestales

Prinzipien des dynamischen Agroforst - im Einklang mit der Natur

Vereinfacht gesagt basiert der AD auf den folgenden 10 Grundprinzipien von Wäldern:

  • Hohe Artenvielfalt: Es gibt verschiedene Pflanzenarten. Man kann bis zu 30 % der einheimischen Arten einsetzen. Es werden auf der gleichen Parzelle eng ineinander verschachtelt verschiedene Bäume, Sträucher und Gräser gepflanzt, darunter Legumi-nosen (Pflanzen, die Stickstoff binden), Weidegräser, Pflanzen die Obst, Nüsse, Gewürze produzieren und Futtermittel für das Vieh.
  • Große Dichte: Der Pflanzenbewuchs ist sehr dicht und bedeckt den Boden möglichst vollständig. Auf diese Weise nutzt man den Raum bestmöglich aus und hält den Boden immer zugedeckt.
  • Schichtung: Es werden Arten von unterschiedlicher Höhe angepflanzt (z. B. kriechend, von niedriger, mittlerer, mittelhoher und hoher Statur).
  • Natürliche Artenabfolge: Die Arten haben eine unterschiedliche Lebensdauer. Dadurch werden die einen Pflanzen nach einigerZeit durch andere Pflanzen ersetzt. Dies wird bei der Pflanzung immer berücksichtigt.
  • Bedeckung und Schutz der Böden: Der Boden wird von einer dicken Lage aus Laub, Zweigen und einer lebenden Pflanzen-decke bedeckt.
  • Bildung der Bodenstruktur: Die Pflanzenwurzeln, die Mikro- und Makrolebewesen des Bodens und die regelmäßige Zufuhr von Pflanzenmaterial als Dünger verbessern die Bodenqualität.
  • Die Regulation des Mikroklimas: Die vielfältige und dichte Pflanzendecke sorgt für ein angenehmes Mikroklima (z. B. Feuchtig- keit, Temperatur und Sonneneinstrahlung).
  • Die Pflanzen, Tiere und Insekten ergänzen sich und tauschen sich gegenseitig aus. Auf diese Weise regulieren sie das Ökosys-tem nach einer Logik des Zusammenlebens und nicht nach der Logik des gegenseitigen Wettkampfs.
  • Selbstregulation: Dank des guten Austauschs innerhalb des Systems entsteht schließlich ein Kreislauf, der von selbst funktio- niert (z. B. Nährstoffkreislauf, biologische Kontrolle von Insektenplagen und Krankheiten).
  • Natürliche Regeneration: Durch gezielte Unkrautbekämpfung kommt es zu einer natürlichen Regeneration der Arten. Auf diese Weise steigt die Artenvielfalt und das System funktioniert immer besser.

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Große Artendichte und Artenvielfalt

Ein Grundsatz des dynamischen Agroforsts (AD) ist die große Artenvielfalt und Artendichte in einer Parzelle. Dabei wird versucht, die Zusammenstellung und Struktur von lokalen Wäldern nachzuahmen. Dadurch, dass die Bedingungenin den innerandinen Tälern ungünstiger sind, als in den tropischen Zonen, arbeitet man in den Anden mit einer größeren Artendichte. Der Grund dafür liegt darin, dassdie Wahrscheinlichkeit, dass alle Pflanzen Wurzeln schlagen, eher gering ist.

"Diese enorme Dichte kann selbst auf den besten Agroforstingenieur abschreckend wirken",sagt David Tovar.

Die Arbeit mit AD erfordert eine genaue Beobachtung der Natur, ein ständiges Überdenken und einen kontinuierlichen Lernprozess.Typisch für AD ist der Ansatz: Mein kleines Feld verbessern und immer weiter optimieren.

Die Systeme sind nicht starr, sondern verändern sich mit der Zeit. Die Bauern gestalten die Veränderung selbst. Ein Expertenteam begleitet sie und bespricht mit ihnen die Bepflanzungsdichte, die Zusammenstellung der Pflanzenarten und den Baumschnitt. Der Schnitt ist sehr wichtig. Ohne ihn würden sich die Pflanzen in der Zukunft gegenseitig behindern und die Produktivität des Feldes verringern.

Von Bienen und Pflanzen

Ein Bauer aus dem Alto Beni denkt über die Pflanzen seiner Parzelle und die Bienen nach:

"Ich schaue mir an, wohin die kleinen Bienen fliegen, welchePflanzen sie am liebsten mögen, um von diesen mehr anzupflanzen."

Die natürliche Artenfolge

Unter natürlicher Artenfolge versteht man die Veränderungen, welche die Pflanzenarten in ihrer Struktur und ihrer Zusammensetzung im Laufe der Zeit durchlaufen. Die Pflanzen entwickeln sich von einem jungen und einfachen System (z. B. einem Feld mit jährlichen Gräsern) zu einem vielschichtigen, dynamischen und widerstandsfähigen System weiter.

Die Arten eines jeden Systems stellen die optimalen Bedingungen für die Arten des darauffolgenden Systems her. Dies geschieht zum Beispiel, indem Pflanzen benachbarte Arten mitziehen und fördern, bis das System zu einem sogenannten Höhepunkt gelangt. Dieser ist dadurch gekennzeichnet, dass er aus einer großen Artenvielfalt, einer gut organisierten Schichtung des Bodens und aus einer unterschiedlichen, räumlichen Zusammensetzung der Pflanzen besteht.

Die Zusammensetzung der Pflanzenkonsortien ist von Region zu Region unterschiedlich. In den tropischen Zonen setzen sich die Systeme meistens aus Reis, Papaya, Kapokbaum, Mango, Orangen und Mara zusammen. In den innerandinen Tälern dagegen bestehen sie zum Großteil aus Kartoffeln, Mangold, Locoto, Pfirsichen und Molle.

Neue Methode, um die Einführung von AD in Bolivien zu fördern.

Neue Methode, um die Einführung von AD in Bolivien zu fördern.

Ein Pilotprojekt

Das Pilotprojekt “Verbesserung der Lebenssituation von Kleinbauern im semiariden Tal von Cochabamba” finanziert nur die erste Phase der Einführung von dynamischem Agroforst. Die technische Beratung und Unterstützung in der zweiten Phase der Umsetzung ist jedoch unabdingbar, damit die Kleinbauernfamilien die neuen Praktiken lernen und annehmen.

Dies wird einige Zeit dauern, denn viele Begleitbäume benötigen spezifische Kenntnisse in der Pflege. Die Bewirtschaftung dynamischer Agroforstparzellen ist komplex und muss erlernt werden. Fehlende Beratung in dieser Phase führt erfahrungsgemäß dazu, dass die Kleinbauernfamilien entmutigt aufgeben, weshalb bereits viele Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmer, hoffen, dass das Projekt auch im nächsten Jahr fortgesetzt wird.

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Weiterführende Literatur

RED-ECOSAF: http://www.ecosaf.org/Agroforst.html

Coppens 2014. El Sistema Agroforestal de Tarata – Bolivia: una adopción dependiente de los conocimientos, actitudes y prácticas de los agricultores en relación con la implementación de un nuevo sistema.
https://www.ucbcba.edu.bo/Publicaciones/revistas/actanova/documentos/v6n3/ANV6N361314CoppensH-PDF.pdf

Wilkes 2013. Diseño de una metodología para evaluar Sistemas Agroforestales en zonas secas dentro del Proyecto Isabel – Modulo Pairumani:
http://www.ecosaf.org/trabajo-c/Tesis_Friederich_Wilkes_2013.pdf

Gruberg & Azero. Evaluación de la sostenibilidad económica, sociocultural y ecológica de la agroforestería sucesional en tres estudios de caso en la zona de Alto Beni, Bolivia:
http://www.ucbcba.edu.bo/Publicaciones/revistas/actanova/documentos/V4N2_3/V4.N2_3.Gruberg.pdf

Pressekontakt - Naturefund in Bolivien

Helga Gruberg Cazón
Prensa Naturefund
Cochabamba, Bolivia
Teléfono: +591 70754217
E-mail: gruberghelga@gmail.com
Skype: helga.gruberg