Klimawandel wird das Thema des Jahrhunderts

Die Klimakatastrophe ist im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Die Mehrheit der Deutschen wäre nicht einmal mehr gegen ein Tempolimit. Für Millionen Menschen in Afrika und Asien sind weitaus dramatischere Einschnitte bereits spürbar.

Revolution um den Klimawandel zu stoppen

Der Erfolg des Dokumentarfilms "Eine unbequeme Wahrheit" von Friedensnobelpreisträger Al Gore zeigt, wie ernst die breite Öffentlichkeit den Klimawandel inzwischen nimmt. In Deutschland befürworten laut ZDF-Politbarometer vom März 2007 bereits 56 Prozent der Menschen höhere Steuern auf Flüge, 64 Prozent sind für ein Tempolimit von 130 Stundenkilometer oder darunter. Nur noch 35 Prozent lehnen eine Geschwindigkeitsbegrenzung ganz ab.

Aber begreifen die Menschen auch, was für eine gewaltige Revolution stattfinden muss, um den Klimawandel aufzuhalten? Immerhin haben Aktivisten wie Al Gore – und das ist ihr großes Verdienst – deutlich gemacht, dass das Überleben des Planeten jetzt höchste Priorität haben muss.

21. Jahrhundert – Bedrohung des Klimawandels

Die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts versteht man nur, wenn man sich mit dem Kalten Krieg und dem atomaren Wettrüsten befasst. Und wer begreifen will, worum es im 21. Jahrhundert geht, wird sich mit den Bedrohungen durch den Klimawandel auseinandersetzen müssen.

Der Abstand wächst

Der Abstand wächst

Foto: © Le Monde diplomatique

Arme zuerst von Klimawandel betroffen

»Wir sind alle an Bord der ›Titanic‹, auch wenn manche erster Klasse reisen«, schreibt die französische Politikwissenschaftlerin Susan George. Tatsächlich reist schon jetzt ein erheblicher Teil der Bevölkerung im Norden und die ganz überwiegende Mehrheit im Süden zweiter oder dritter Klasse – wenn nicht gar im Frachtraum.

Was wird aus ihnen, wenn sich die Erdatmosphäre weiter erwärmt und der Meeresspiegel steigt, wenn die Begleiterscheinungen des Klimawandels – Wirbelstürme, Versteppung, Entwaldung, Bodenerosion, Wasserknappheit, Epidemien – weiter zunehmen?

Denn der Klimawandel wird fraglos zuerst die Armen treffen und ihre ohnehin prekäre Situation verschärfen. Die vielen Millionen Menschen, die seinetwegen aus ihrer Heimat fliehen müssen, drängen in die Slums, in die Rebellenarmeen der Unterprivilegierten und in die Boote, die europäische Küsten ansteuern.

Rohstoffmangel als Konfliktauslöser

Der Kampf um einen Platz zum Leben auf der Erde ist längst entbrannt. Ist nicht der Zugang zum Wasser ein Schlüssel des israelisch-palästinensischen Konflikts? Steht nicht hinter der Rivalität zwischen Russland und dem Westen, die im Kaukasus und in Zentralasien ausgetragen wird, die sich abzeichnende Ölknappheit? Ist nicht der Wettlauf um die seltener werdenden Bodenschätze mit schuld am Völkermord in Darfur? Ist es Zufall, dass al-Qaida ihre Anhänger in den schlimmsten Elendsvierteln von Asien bis Marokko rekrutiert?

Das sind die Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt. Sie definieren ein neues Paradigma der Politik, das den Abschied von herkömmlichen Denkmustern notwendig macht – auch von marxistischen. Nicht dass die Politik angesichts der ökologischen Situation an Bedeutung verlöre. Die fortschreitende Zerstörung des Globus ist zunächst eine Folge des kurzfristigen, sich über die menschlichen Bedürfnisse hinwegsetzenden Profitstrebens oder, allgemeiner gesprochen, eine Konsequenz des Produktivitätsdrucks.

Ein Planet, vielfältige Ökosysteme

Ein Planet, vielfältige Ökosysteme

Foto: © Le Monde diplomatique

Wirtschaftlicher und politischer Kurswechsel von Nöten

Langfristig wird das Leben auf der Erde nur fortbestehen, wenn ein radikaler wirtschaftlicher und politischer Kurswechsel stattfindet. Der Norden muss die Interessen des Südens stärker berücksichtigen, und das Schicksal der Milliarden Menschen, die im Norden wie im Süden in Armut leben, muss Vorrang gegenüber dem Wohlstand der wenigen Reichen haben.

Lippenbekenntnisse für den Klimaschutz gibt es mehr als genug. Meisterhaft übt sich darin George W. Bush. Noch beim G8-Gipfel im Juni 2007 lehnte er bindende Vorgaben strikt ab und schlug stattdessen neue Verhandlungen vor mit dem Ziel, die Treibhausgase allmählich zu verringern – aber bitte erst nach 2012. Bei den Verhandlungen für ein Kioto-Folge-Protokoll in Bali im Dezember 2007 sperrte sich die US-Regierung erneut gegen einschneidende Klimaschutzziele.

Die großen CO2-Emittenten

Peking brüstet sich derweil mit Prestigeprojekten, um zu Olympia 2008 vor der Weltöffentlichkeit gut dazustehen. Doch wird sich nicht verbergen lassen, dass China die USA bald überholen und zum weltweit größten CO2-Emittenten aufrücken wird. Die Dynamik ist beängstigend: Von 1994 bis 2004 hat das Land seinen CO2-Ausstoß jährlich um 4 Prozent gesteigert. Seine Energie gewinnt China immer noch zu zwei Dritteln aus Kohle.

Auch die deutsche Regierungschefin neigt zur Doppelzüngigkeit. Während sie auf internationalen Konferenzen gern die vorbildliche Klimakämpferin gibt, blockiert Merkel zu Hause alle klimapolitischen Entscheidungen, die der heimischen Automobilindustrie oder der Kohlebranche wehtun könnten. Und Frankreichs Präsident Sarkozy? Der hat im Oktober 2007 einen nationalen Umweltgipfel einberufen – und ist doch ein entschiedener Befürworter von Kernenergie, Gentechnik und neuen Autobahnen.

Autor: Dominique Vidal

Dominique Vidal ist Redakteur von Le Monde diplomatique, Paris, und Autor von (mit Alain Gresh), »Cent Clés du Proche-Orient«, Paris (Hachette) 2006.

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