Hochseefischerei zerstört die Lebensräume der Tiefsee

Um auch die Fische der Tiefsee abfischen zu können, ziehen die Hochsee-Fangflotten der entwickelten Länder ihre gewaltigen Schleppnetze über den Meeresboden. Die Deep Sea Conservation Coalition, ein weltweiter Verbund von NGOs und Wissenschaftlern, versucht, ein internationales Moratorium der Tiefseefischerei durchzusetzen.

Das letzte Eldorado

Was bis vor kurzem in unerreichbarer Tiefe lag, soll jetzt ins Netz gehen. Nachdem die Küstengewässer leergefischt sind, nimmt die Fischereiindustrie Kurs auf ihr letztes Eldorado: Die küstenfernen Unterwassergebirge bieten noch reiche Bestände an seltenen Meerestieren, die wie etwa der Granatbarsch auf den Märkten der Welt profitabel abgesetzt werden können.

Erforschung der Gebirge unter Wasser

Erforschung der Gebirge unter Wasser

Foto: © Le Monde diplomatique

Fischfang in bis zu 2000 Metern Tiefe

Neu entwickelte Hochsee-Schleppnetze erlauben es heute, selbst auf unebenem Meeresgrund und bis in die Unterwasser-Schluchten hinein zu fischen. Mit stärkeren Motoren, größeren Netzen, besseren Navigationsinstrumenten und computergestützten Systemen zur Ortung der Fischschwärme können die Schiffe ihren Fang aus Tiefen bis zu 2000 Metern holen. 


Die USA sperren sich auch beim Seerecht gegen internationale Verträge

Die USA sperren sich auch beim Seerecht gegen internationale Verträge

Foto: © Le Monde diplomatique

Ausbeutung der Bioressourcen

Damit zerstören die Fangflotten einiger weniger reicher Länder auf ihrer Jagd nach Fischen und begehrten Schalentieren schrittweise die letzten großen Reservate der maritimen Artenvielfalt. Von einem verantwortungsvollen Umgang mit diesen gefährdeten Bioressourcen kann bei einer derartigen Ausbeutung nicht die Rede sein. Vielmehr wird – ähnlich wie beim Abbau mineralischer Ressourcen – sobald ein Vorkommen erschöpft ist, eben das nächste angesteuert und ausgebeutet.

10 Millionen Arten in der Tiefsee

Die Anzahl der Arten in der Tiefsee wird auf etwa 10 Millionen geschätzt, eine ähnliche Artenvielfalt gibt es nur in den großen tropischen Regenwäldern. Als Lebensraum dienen diesen Arten die oft Tausende Meter aufragenden unterseeischen Bergmassive, wo sie in außerordentlich dichten Beständen existieren. Auf solche biologischen Ressourcen richtet natürlich auch die biotechnische und pharmazeutische Industrie ihre begehrlichen Blicke.

Extrem langsames Wachstum

Mit der Entdeckung der großen Vielfalt des Lebens in den Tiefen des Meeres ist auch das Bewusstsein um deren Gefährdung gewachsen. Sämtliche Arten, die in großen Tiefen leben, sind durch ein extrem langsames Wachstum gekennzeichnet. Das gilt auch für die, auf die es die Fischerei abgesehen hat. Der rote Granatbarsch zum Beispiel (Hoplostethus atlanticus), der auf den Speisekarten der Edelrestaurants in den Metropolen der Welt zu finden ist, kann bis zu 150 Jahre alt werden und braucht viele Jahre, bis er fortpflanzungsfähig ist.

Keine Rücksicht auf Artenvielfalt

Die Fangflotten werden in der Nähe der heißen Quellen auf dem Meeresgrund ebenso fündig wie in den Kaltwasser-Korallenbänken, die bestimmte Arten als Existenz- und Fortpflanzungsbedingung brauchen. Manche dieser Arten haben mehr als 2000 Jahre gebraucht, um sich zu entwickeln. Die Fischer jedoch scheren sich nicht um die Artenvielfalt, die für das Leben in der Tiefe unverzichtbar ist. Sie sondern den ökonomisch uninteressanten Beifang einfach aus und werfen ihn als tote Masse wieder ins Meer.

Moratorium für Tiefseefischerei im Südpazifik

Neuerdings ist jedoch Hoffnung in Sicht. Das Umweltbündnis Deep Sea Conservation Coalition (DSCC) konnte im Kampf für die Erhaltung der gefährdeten Ökosysteme der Tiefsee einen wichtigen Erfolg erringen: Im Mai 2007 folgten die Anrainerstaaten des Südpazifik den Argumenten der DSCC und beschlossen ein Moratorium für Tiefseefischerei. Die durch dieses Abkommen geschützte Zone umfasst 25 Prozent der globalen Hochseegewässer und somit ein Viertel der Meeresflächen jenseits der Territorialgewässer der Küstenstaaten, die in aller Regel aus einer Zwölf-Meilen-Zone (ca. 21 Kilometer) bestehen.

Die Zentren von Fischfang und Aquakultur liegen in Asien

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Foto: © Le Monde diplomatique

Hoffnung auf ein weltweites Moratorium

Seit mehr als drei Jahren bemüht sich die DSCC darum, in der UN-Vollversammlung einen Beschluss herbeizuführen, der die Hochseefischerei weltweit verbietet. Die UNO hat das Problem erkannt, verweist es aber bislang an die regionalen Organisationen, die für die Regelung des Fischereiwesens zuständig sind. Nun hofft die DSCC, dass das Abkommen für den Südpazifik Schule macht und dass es endlich zu einem weltweiten Moratorium kommt.

Artenvielfalt in der Tiefsee noch zu retten

Der große amerikanische Biologe Edward Osborne Wilson, dessen Arbeiten einiges dazu beigetragen haben, dass Anfang der 1970er-Jahre die US-Umweltschutzbehörde USEPA gegründet wurde, erklärte im Januar 2005 auf einer Konferenz in Paris über Artenvielfalt und staatliche Eingriffe: »Die Menschheit wird nicht bestimmt über das, was sie hervorbringt, sondern über das, was sie nicht zerstört.«

Nachdem die Menschheit die Vielfalt des maritimen Lebens in Küstennähe bereits weitgehend zerstört hat, wäre noch Zeit genug für den Entschluss, den ökologischen Reichtum der Tiefsee zu erhalten.

Autor: Rémi Parmentier

Rémi Parmentier, Leiter der Varda Group (www.vardagroup.org), internationales Beratungsbüro für Umwelt und Nachhaltigkeit und politischer Berater der Deep Sea Conservation Coalition (DSCC).

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