Flussdeltas und Korallenriffe saufen ab

Küsten, Deltaregionen und Korallenriffe leiden unter den kombinierten Effekten von Klimawandel, Flussregulierungen und hoher Besiedlungsdichte. Die Folgen sind dramatisch. Ein weltweiter Rettungsplan ist nicht in Sicht. Besonders die Flussdeltas sind bedroht.

Bedrohung der Küsten

Der Klimawandel bedroht weltweit die Küsten, insbesondere die Korallenriffe und die Deltaregionen der großen Flüsse. Inselgruppen wie Tuvalu im Pazifik erheben sich nur bis zu fünf Meter über den Meeresspiegel und haben in den vergangenen zehn Jahren an ihrer Küstenlinie drei Meter Land verloren. Hier müssen im Gefolge von Sturmfluten immer mehr Menschen wegziehen.

Anstieg des Meeresspiegels und die Folgen an den Küsten

Anstieg des Meeresspiegels und die Folgen an den Küsten

Foto: © Le Monde diplomatique

Zunehmende Bevölkerungsdichte an der Küste

Gravierender ist die Bedrohung in Küstengebieten, wo heute im Gefolge der jüngsten Baubooms viel mehr Menschen leben als noch vor wenigen Jahrzehnten. Heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in einem 50 Kilometer schmalen Küstenstreifen. Die Bevölkerungsdichte in diesen Zonen liegt schon etwa dreimal so hoch wie im weltweiten Durchschnitt. 2030 werden schätzungsweise zwei Drittel der dann mehr als 8 Milliarden Menschen in diesen küstennahen Gebieten leben.

Bevölkerungsdichte und Umweltbelastung an den Küsten

Bevölkerungsdichte und Umweltbelastung an den Küsten

Foto: © Le Monde diplomatique

Katastrophale Folgen in den Mündungsgebieten

In den Mündungsgebieten der Flüsse schaukeln sich unterschiedliche Ursachen wie schlechtes Flussmanagement, zunehmende Bebauung und extreme Wetterphänomene als Folge der globalen Erwärmung zu katastrophalen Folgen auf. 2005 forderte der Hurrikan Katrina in New Orleans 1500 Tote und verursachte Schäden in Milliardenhöhe. In den ständig absinkenden Teilen des Mississippi-Deltas wurden die Schutzmaßnahmen gegen Hochwasser seit vielen Jahren vernachlässigt. Nur dadurch konnte Katrina eine Spur der Verwüstung durch Louisiana und die Nachbarstaaten ziehen.

Bedrohliche Lage in Bangladesch

Noch bedrohlicher ist die Lage in den übervölkerten Deltas von Bangladesch, die immer häufiger von schweren Wirbelstürmen heimgesucht werden. Dem westlichen Deltagebiet droht in absehbarer Zukunft die vollständige Überflutung – eine Folge auch der Erdöl- und Erdgasförderung, die das Absinken der Böden beschleunigt.

Zerstörung der Riffe durch Korallenbleiche

Besonders hart trifft der Klimawandel die Korallenriffe, die wegen ihrer Artenvielfalt auch als »Regenwald des Ozeans« bezeichnet werden. Die Riffe sind in Tausenden von Jahren entstanden und säumen die Küstenstreifen ganzer Kontinente.

Am Great Barrier Reef, das sich über 2000 Kilometer vor der Ostküste Australiens erstreckt, wurde schon in den 1990er-Jahren beobachtet, wie die sonst dunklen Korallenflecken unter dem türkisblauen Wasser plötzlich aufblühten und schon einen Tag später schneeweiß im Wasser schimmerten. Diese so genannte Korallenbleiche zerstört weite Strecken des Riffs, das bis vor kurzem noch zu den Hotspots der Artenvielfalt gehörte.

Absterben der Korallenriffe

Auf diese Weise sind weltweit in wenigen Jahrzehnten 20 Prozent aller Riffe zerstört und weitere 20 Prozent stark geschädigt worden. Experten schätzen, dass bis 2030 an die 60 Prozent der Korallenriffe absterben könnten. Die Ökosysteme der Riffe vertragen nur sehr geringfügige Schwankungen der Wassertemperatur und des Säuregehalts der Meere. Beide Werte verändern sich aber aufgrund des globalen Klimawandels. Hinzu kommen Schädigungen durch die Einleitung nährstoffreicher Abwässer mit vielen Schwebeteilchen und durch die Fischerei mit Zyankali, Sprengstoff oder schweren Schleppnetzen.

An den großen Deltas bedroht der steigende Meeresspiegel Millionen Menschen

An den großen Deltas bedroht der steigende Meeresspiegel Millionen Menschen

Foto: © Le Monde diplomatique

Veränderungen in den großen Flussdeltas

Auch in den großen Flussdeltas – vom Amazonasdelta bis zum Donaudelta am Schwarzen Meer – vollziehen sich Veränderungen, die auf Eingriffe des Menschen, steigende Meeresspiegel und die Zunahme von extremen Wetterereignissen zurückgehen. Im Mississippidelta im Südosten des US-Bundesstaats Louisiana gingen durch Absenkungen des Bodens und die höheren Wasserstände zwischen 1978 und 2000 bereits 1565 Quadratkilometer Marschland verloren. Bis 2050 wird das Meer voraussichtlich weitere 1300 Quadratkilometer erobern.

Satellitenbilder zeigen, dass in den 14 größten Deltas der Welt über 18.000 Quadratkilometer verloren gegangen sind. Sie liegen heute entweder unter Wasser oder wurden in permanent genutztes Bau- und Ackerland umgewandelt. In Deltazonen von Flüssen, an deren Oberlauf große Staudämme die mitgeführten Sedimente zurückhalten, wird die Erosion zum Problem. Am Nil in Ägypten sind die Folgen des Baus des Assuan-Staudamms bis heute zu spüren. Im Delta des Volta in Westafrika sind durch den Staudamm von Akosombo große Teile der ghanaischen Stadt Keta untergegangen.

»Brennpunkte der Verwundbarkeit«

Die Liste der bedrohten Deltas ist lang. In China wird der Bau des Drei-Schluchten-Damms wahrscheinlich zur Erosion von Flächen im Mündungsgebiet des Blauen Flusses (Yang Tse Kiang) führen. Auch der Gelbe Fluss (Huanghe) lagert heute nur noch 400 Millionen Tonnen Sedimente pro Jahr in seinem Delta ab, im Vergleich zu einer Milliarde Tonnen vor dem Bau der Staudämme am Oberlauf des Flusses.

Die Experten des Weltklimarates haben die Deltas wegen des Bevölkerungsdrucks, der sinkenden Sedimenteinträge und des steigenden Meerwasserspiegels – als Folge des Klimawandels – zu »hot spots of vulnerability«, zu »Brennpunkten der Verwundbarkeit« erklärt.

Autorin: Chantal Aubry

Chantal Aubry, Journalistin, Autorin von »Deltas du monde«, Paris (La Martinière) 2004.

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