Die Landwirtschaft braucht eine zweite Revolution

Die Erderwärmung hat erhebliche Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Ökolandbau und Bodenschutz können die Effekte des Klimawandels mildern.

Klima wird unberechenbarer

Wenn sich der Planet weiter erwärmt, werden die Niederschläge in regenreichen Zonen wie am Äquator und in den höheren Breitengraden intensiver, während die ohnehin schon regenarmen Zonen noch weiter austrocknen. Das Klima wird insgesamt unberechenbarer; stärker und willkürlicher wechselnde Windrichtungen erschweren meteorologische Vorhersagen. Zudem verändern sich in fast allen Regionen der Welt die Temperatur- und Niederschlagsbedingungen.

Verschiebung von Agrarkulturen durch Klimawandel

Die Großräume mit ihrem je spezifischen Klima, das unterschiedliche Agrarkulturen ermöglicht und zum Teil sehr unterschiedliche Ökosysteme hervorgebracht hat, verschieben sich mit dem Klimawandel, und zwar in zwei Richtungen: zum einen nach geografischen Breiten- und Längengraden, zum anderen auch in die topografische Höhe. Am Beispiel Deutschland bedeutet dies, dass im höher gelegenen Sauerland plötzlich Mais angepflanzt werden kann und dass es in Niedersachsen inzwischen warm genug ist, um Sonnenblumen kultivieren zu können.

Deutschland verzeichnet seit 1901 einen Anstieg der Jahresmitteltemperatur um knapp 0,9 Grad, während der globale Durchschnitt bei 0,74 Grad liegt. Die ganze Welt hat in den letzten Jahren relativ schlechte Erntejahre erlebt. So zeichnen sich etwa in Australien, Kalifornien, Nordchina oder Rajasthan, im Mittelmeerraum oder im Nordosten Brasiliens für die Sommerkulturen und die Weidewirtschaft bereits große Probleme ab.

Folgen des Temperaturanstiegs

In einem Land wie Uganda, das sich gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter um 2 Grad erwärmt hat, gehen bei einem weiteren Temperaturanstieg größere Flächen für den Kaffeeanbau verloren. Dabei erwirtschaftet Uganda rund zwei Drittel seiner Devisen mit Kaffeeexporten. Wenn sich die heutigen Klimaprognosen bestätigen, wird das Abschmelzen der Himalaja-Gletscher für die Landwirtschaft auf dem asiatischen Kontinent starke Frühlingshochwasser und geringere Abflussmengen im Sommer bringen.

Vorteile des ökologischen Anbaus

Die Temperaturen werden häufiger extreme Werte erreichen, wie im heißen Sommer 2003 in Europa, der viele Waldbrände und ein durch die Trockenheit reduziertes Wachstum mit sich brachte. Dabei hat sich der ökologische Anbau als weniger anfällig erwiesen, weil die Böden bei dieser Anbaumethode im Allgemeinen weniger ausgelaugt werden. Vor allem ist ihr Humusgehalt höher und damit zusammenhängend auch ihre Wasserspeicherfähigkeit, was eine größere Anpassungsfähigkeit in Zeiten extremer Trockenheit bedeutet.

Auf einen weiteren Vorteil verweist Thomas Dosch, Präsident des Anbauverbandes Bioland: »Der Biolandbau ist ein Anbausystem, das Humus aufbaut und damit in großem Maße CO2 aus der Luft binden kann. Durch den Verzicht auf energieaufwendige mineralische Stickstoffdünger reduzieren die Biobauern ihren Energieeinsatz. Diese Potenziale werden in der aktuellen Klimadiskussion noch unterschätzt.«

Negative Auswirkungen der künstlichen Bewässerung

Im Gegensatz dazu führen technikintensive Verfahren wie künstliche Bewässerung dazu, dass viele Flächen langfristig nicht mehr bewirtschaftet werden können. Die künstliche Bewässerung wurde im Zuge der »grünen Revolution« in den 1950er- und 1960er-Jahren eingeführt. Sie führt in vielen Fällen zu irreversibler Versalzung, womit der Erde jedes Jahr große Flächen wertvoller Ackerfläche verloren gehen.

Zwei Arten der grünen Revolution

Zwei Arten der grünen Revolution

Foto: © Le Monde diplomatique

Meteorologische Schwankungen negativ für Pflanzenwachstum

Wenngleich der Temperaturanstieg kurzfristig die Fruchtbarkeit in den nördlichen Zonen erhöht, was die Ernteausfälle in den Dürre- oder Überschwemmungsgebieten für eine gewisse Zeitspanne kompensieren könnte, wirken sich die weltweit auftretenden starken meteorologischen Schwankungen insgesamt negativ auf das Pflanzenwachstum aus.

Gegen Ende des 21. Jahrhunderts könnte daher die Nahrungsmittelproduktion weltweit sogar zurückgehen. Um die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu sichern, müsste man die heutigen Ernten mindestens verdoppeln, in einigen Regionen sogar verfünffachen. In einigen Ländern Asiens gibt es schließlich schon heute ein großes Defizit an Agrarprodukten, das langfristig nur über verstärkte Importe aus Afrika und Lateinamerika ausgeglichen werden kann.

Wie der Getreideanbau in Afrika bis 2080 zurückgeht

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Foto: © Le Monde diplomatique

Weniger biologische Ressourcen

Wenn die Temperaturen tatsächlich deutlich ansteigen, haben die vielfach bereits geschwächten und überstrapazierten Ökosysteme wahrscheinlich noch weniger biologische Ressourcen zur Verfügung, die aber wiederum für ihre Anpassung an das neue Klima dringend nötig wären.

Widerstandsfähigkeit der globalen Landwirtschaft

Die menschliche Gesellschaft kann die Klimaveränderung nur bewältigen, indem sie ihren Sicherheitsgürtel aus Ökosystemen verstärkt: Sie muss ihre Industrie, ihre Landwirtschaft, ihre Mobilität und insgesamt ihren Lebensstil so verändern, dass die chemische Belastung der Umwelt stark zurückgeht. Und sie muss die Böden so behandeln, dass sie sich an die veränderten Klimabedingungen anpassen können. Oberstes Ziel der globalen Landwirtschaft ist es daher, Widerstandsfähigkeit gegen die Klimaschwankungen zu entwickeln. Sie muss zugleich

• genügend natürliche Ökosysteme in ausreichend gutem Zustand erhalten, um in diesem Reservoir zu ermitteln, welche Arten und Artenkombinationen die »thermische Evolution« überstehen können (1 Milliarde ha);

• die bestehende Ackerfläche von 1,6 Milliarden ha auf 3,5 Milliarden ha erweitern;

• die Belastung der Erdatmosphäre durch die Land- und Forstwirtschaft reduzieren;

• Anbausysteme finden, die deutlich weniger Fläche, Wasser und Energie benötigen und weniger biologische Schäden anrichten, und zwar mit Hilfe einer größeren Vielfalt der kultivierten Arten und Unterarten. Das wäre die »zweifache grüne Revolution«, die wie beim Judo die Kräfte der Natur geschickt nutzt, anstatt sie weiterhin wie ein Boxer zu bekämpfen.

Europa 2080: weniger Platz für Nahrungsmittel, mehr für Biosprit

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Foto: © Le Monde diplomatique

Autorin: Dominique Dron

Dominique Dron ist Professorin am Zentrum für Energie- und Verfahrenstechnik an der technischen Hochschule Ecole des Mines in Paris; sie ist Autorin von »Les enjeux d’un climat soutenable«, in: »Regards sur la terre 2007. Dossier énergie et changements climatiques«, Paris (Presses de Sciences Po) 2006.

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