Die giftige Hinterlassenschaft der sowjetischen Atomtechnik

Das sowjetische Atomsystem hat schwere, längst nicht behobene Schäden hinterlassen. Russland setzt bis heute auf Geheimhaltung. Westeuropa lädt seinen Atommüll trotzdem in Russland ab und bekommt im Gegenzug Uran.

Am 23. Februar 2007 verkündete der italienische Stromversorger ENEL (Ente Nazionale per l’Energia Elettrica) seinen Plan, die Fertigstellung zweier Reaktoren der Nuklearanlage von Mochovce in der Slowakei zu finanzieren. Diese Reaktoren basieren jedoch auf einer veralteten sowjetischen Technik, die in Deutschland bereits kurz nach der Vereinigung als zu gefährlich galt, weshalb die Reaktoren dieses Typs 1990 stillgelegt wurden.

»Tschernobyl hat die UdSSR in die Luft gejagt«

Doch die Bauunternehmer von Mochovce verweisen auf ihre Baugenehmigung von 1986, die trotz des EU-Beitritts der Slowakei immer noch gültig ist. Im selben Jahr ereignete sich in der Ukraine die Katastrophe von Tschernobyl – ein Industrieunfall völlig neuer Dimension, der zugleich den Anfang vom Ende der Sowjetunion und des Ostblocks markierte: »Tschernobyl hat die UdSSR in die Luft gejagt«, titelte die Presseagentur Nowosti am 25. April 2006 anlässlich des 20. Jahrestags.

In der Tat war der Versuch, das ganze Ausmaß der Katastrophe für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen zu verschleiern, das letzte Aufbäumen eines überholten Systems. Die überfüllten Züge, in denen die Familien der »Wissenden« von Kiew nach Moskau fuhren, waren die Vorboten des Abzugs der Russen aus der Ukraine und des Zerfalls der UdSSR.

Angereichertes Uran aus Russland

Westeuropa konnte sich das nukleare Erbe der Sowjets zunutze machen. Russland ist heute Importland Nummer eins für Nuklearrisiken, die europäischen Atomstaaten laden dort alle Arten von radioaktiven Abfällen ab: ausgebrannte Brennstäbe, wiederaufbereitetes Uran, Abfälle aus der Urananreicherung. Im Gegenzug decken sie sich mit Uran aus Russland, Kasachstan und Usbekistan ein und importieren angereichertes Uran aus Russland.

Diese drei ehemaligen Sowjetrepubliken produzieren gemeinsam mit der Ukraine ein Viertel des weltweit verfügbaren Urans. Die vielen Millionen Tonnen von Abfällen, die in den Uranminen und bei den Anlagen zur Konversion, Anreicherung und Aufbereitung des Urans anfallen, bleiben vor Ort.

Erkrankungen durch Uranabbau

Das gilt auch für die Kranken. Zum Beispiel für die Opfer der Uranmine des alten DDR-Unternehmens Wismut, zwischen 1946 und 1990 die drittgrößte Uranmine der Welt. Unter den etwa 500.000 Menschen, die hier bis 1999 gearbeitet haben, wurden 7695 Fälle von Lungenkrebs registriert, seitdem kommen jährlich etwa 200 neue Fälle hinzu.

Gravierende Folgen bei der Herstellung von Plutonium

Der größte Abnehmer des Wismut-Urans war das sowjetische Kernwaffenprogramm. Um eine Atombombe zu bauen, braucht man zwei spaltbare Substanzen: hochangereichertes Uran und Plutonium. Die Herstellung von Plutonium ist für die Umwelt und die Gesundheit der Menschen besonders schädlich.

Die Sowjets kühlten die beiden Reaktorkerne der Geheimstadt Krasnojarsk in Sibirien (ihre 100.000 Einwohner lebten von militärischen Sicherheitszäunen umschlossen) mit Wasser aus dem Jenissej, das anschließend hochgradig kontaminiert wieder in den Fluss zurückgeleitet wurde – eine haarsträubende Praxis, denn diese Flüsse dienten als Trinkwasserreservoir und zur Bewässerung der Felder.

Geheimhaltung eines schwerwiegenden Atomunfalls

Eine zweite Plutoniumfabrik befindet sich in Mayak im Ural, etwa hundert Kilometer von Tscheljabinsk entfernt. Am 29. September 1957 explodierte dort ein Behälter mit hochradioaktiven Abfällen. Dies war der bis dahin schwerste Atomunfall der Geschichte, er verseuchte ein Gebiet von etwa 23.000 Quadratkilometern.

Das westliche Publikum erfuhr von dieser Katastrophe erst 1976 durch den Biologen Schores Medwedjew. Der Dissident, der 1973 ins Exil gegangen war, trug mit fast kriminalistischem Eifer eine Fülle von Details zusammen, aus denen er schloss, dass sich in Kyschtym in der Nähe von Mayak ein schrecklicher Atomunfall ereignet haben musste.

Entsorgung der hochradioaktiven Abfälle

Große Mengen hochradioaktiver Flüssigabfälle aus der Wiederaufbereitungsanlage, die ein Vielfaches der in Tschernobyl freigesetzten Strahlungsmenge absonderten, wurden zwischen 1948 und 1955 in den See Karatschai in der Nähe von Tscheljabinsk und in den Fluss Tetscha gekippt.

In der Nähe des Atomwaffentestgeländes von Semipalatinsk im Norden Kasachstans wurden seit der ersten Atombombenexplosion am 29. August 1949 etwa 25.000 Menschen einer Strahlung ausgesetzt, die den in der EU geltenden Grenzwert für Strahlenbelastung durchschnittlich um das Dreizehnfache überstieg. Etwa 2700 Menschen dürften das Tausendfache dieser Dosis abbekommen haben.

Wissenschaftler betrachten die Menschen, die zur Zeit der sowjetischen Atomwirtschaft radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren, als willkommene Forschungsobjekte. Ein Forscher meinte: »So können wir überprüfen, ob die Tierstudien korrekte Ergebnisse geliefert haben.«

Fortsetzung der Atommüll-Exporte

Angesichts dieser Vorgeschichte wäre äußerstes Misstrauen angebracht. Aber trotz des Fehlens von unabhängigen Umwelt-, Sicherheits- und Gesundheitskontrollen nutzen die europäischen Atomkonzerne die russischen Atomanlagen nach wie vor, um Risiken bei der Behandlung und Lagerung ihres nuklearen Abfalls nach Russland abzuwälzen. Im Juli 2006 votierte sogar das EU-Parlament für die Fortsetzung solcher Atommmüll-Exporte.

Derweil geht die Vertuscherei weiter. Im Oktober 2007 verlief ein erneuter Austritt von Radioaktivität auf dem Gelände der ehemaligen Plutoniumfabrik Mayak nach offiziellen Angaben glimpflich. Doch Umweltschützer bezweifeln die Behördenversion ebenso wie bei dem Störfall in der »geschlossenen Stadt« Lesno am Ural. Dort brannten im Juli 2006 an die 400 Kilo Uran-238-Briketts. Bekannt wurde der Vorfall nur, weil ein Anwohner Greenpeace alarmiert hatte. Von den Behörden war er zuvor wochenlang verheimlicht worden.

Autor: Mycle Schneider

Mycle Schneider ist Wissenschaftler und unabhängiger Berater in Fragen der Energie- und Atompolitik; 1997 erhielt er den Alternativen Nobelpreis.

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