Das 6. Massensterben der Erdgeschichte

Der Mensch macht Tieren und Pflanzen den Lebensraum streitig. Auch der Klimawandel bewirkt Veränderungen, denen sich viele Arten nicht schnell genug anpassen können. 65 Millionen Jahre nach dem Aussterben der Dinosaurier droht das nächste Artensterben.

Alltägliches Artensterben

Artensterben ist im Grunde etwas ganz Alltägliches. In einem stabilen Ökosystem halten sich die Arten zwischen einer und zehn Millionen Jahre lang. Dann entwickeln sie sich entweder weiter, werden von besser angepassten Arten verdrängt oder sterben aus – weil etwa die Pflanzen, von denen sie gelebt haben, nicht mehr vorkommen.

Einige wenige Arten schaffen es, sich hunderte Millionen von Jahren unverändert zu halten – so zum Beispiel die Krokodile oder die Beutelratten. Aber solche Arten sind die Ausnahme. Darum sind von allen Arten, die jemals auf der Erde existiert haben, heute 99,9 Prozent ausgestorben. Was regen wir uns also auf?

Beschleunigtes Artensterben

Beschleunigtes Artensterben

Foto: © Le Monde diplomatique

Massensterben durch Meteoriteneinschlag

In der Geschichte des Lebens auf der Erde, also in den vergangenen 700 Millionen Jahren, hat es neben der ständigen Evolution auch plötzliche Massensterben gegeben. Experten gehen von fünf solchen Einschnitten aus. Der letzte war vor etwa 65 Millionen Jahren, als auch die Dinosaurier ausstarben.

Damals verschwanden, möglicherweise ausgelöst durch einen Meteoriteneinschlag, neben den Dinosauriern praktisch alle größeren Landtiere. Wissenschaftler nehmen an, dass keine Art, die ausgewachsen mehr als 25 Kilo auf die noch nicht erfundene Waage gebracht hat, die Katastrophe überstand.

Der Mensch als Auslöser des sechsten Massensterbens

Das gegenwärtige Problem ist also nicht, dass Arten aussterben, sondern dass derart viele Arten aussterben, und zwar in Größenordnungen, wie man es bislang nur bei den fünf Massensterben der Erdgeschichte beobachtet hat.

Heute ist aber nicht ein Meteorit der Grund: Das sechste Massensterben löst der Mensch aus. Denn wir verändern die Ökosysteme der Tiere und Pflanzen schnell, großflächig und gründlich. Wir beuten die natürlichen Ressourcen aus, führen fremde Arten in abgelegene Ökosysteme ein, verschmutzen die Umwelt, ändern das Weltklima, und die immer weiter anwachsende Spezies Mensch erobert auch noch die entlegensten Winkel des Planeten, in denen sich Tiere und Pflanzen bislang ungestört entwickeln konnten.

Fauna und Flora können diesem Druck kaum noch standhalten: 83 Prozent der Erdoberfläche werden inzwischen auf die eine oder andere Art vom Menschen genutzt. Dadurch hat sich die Aussterberate im Vergleich zu ruhigeren erdgeschichtlichen Zeiten um das 100- bis 1000fache erhöht.

Die meisten Arten leben da, wo es warm und feucht ist

Die meisten Arten leben da, wo es warm und feucht ist

Foto: © Le Monde diplomatique

Bedrohung der artenreichen Regenwälder

Die Zahl aller erfassten Arten liegt heute bei etwa 3,6 Millionen. Deren Zukunftsaussichten sind düster. Man schätzt, dass mehr als ein Viertel dieser Arten – etwa eine Million – bis 2050 ausgerottet sein werden.

Bedroht sind vor allem die 34 biologischen »Hotspots« der Erde, also die artenreichen Regenwälder. Hier leben auf 2,3 Prozent der Erdoberfläche die Hälfte aller bekannten höheren Pflanzen und 42 Prozent der Wirbeltiere.

Die 34 "Hotspots" der Biodiversität

Die 34 "Hotspots" der Biodiversität

Foto: © Le Monde diplomatique

Tiersterben durch Eingriffe des Menschen

Seit der Mensch die Erde intensiv nutzt, ist das historische Verbreitungsgebiet der 173 wichtigsten Säugetierarten auf allen Kontinenten um die Hälfte geschrumpft. Ein Drittel der Wälder der Welt wurde seit der Zeit der ersten Ackerbauern abgeholzt.

Der Jagd nach so genanntem Buschfleisch, dem Fleisch von Wildtieren, fallen jedes Jahr mehrere zehn Millionen Tiere zum Opfer; diese Tiervernichtung findet vor allem am Amazonas und im Kongobecken statt.

Der Index der Vielfalt geht für alle Arten zurück

Der Index der Vielfalt geht für alle Arten zurück

Foto: © Le Monde diplomatique

Artenschwund durch Temperaturanstieg

In dem von allen Regierungen gebilligten Bericht des Weltklimarats (IPCC) warnen die Experten davor, dass allein durch den Klimawandel 20 bis 30 Prozent der heute bekannten Arten vom Aussterben bedroht sind, wenn sich die Erwärmung im derzeitigen Ausmaß fortsetzt.

Der Grund ist simpel: Die Ökosysteme verändern sich, die Arten werden verdrängt, finden keine neuen Lebensräume – und sterben aus. Die Experten gehen davon aus, dass der Artenschwund schon bei einem »moderaten« Anstieg der Durchschnittstemperatur um 1,25 bis 2,5 Grad Celsius eintritt. Dieser gilt inzwischen als nicht mehr vermeidbar.

Kein Gedanke an künftige Generationen

Die Menschen beschränken sich nicht darauf, die Natur in dem Tempo zu verbrauchen, wie sie sich regenerieren kann. Weltweit wird für zehn Bäume, die der Mensch fällt, nur einer neu gepflanzt – ohne einen Gedanken daran, was wir künftigen Generationen hinterlassen.

Umweltzerstörung als »größtes Marktversagen«

Inzwischen warnen sogar Ökonomen vor den Folgen. Selbst vom reinen Kosten-Nutzen-Standpunkt aus betrachtet, leisten die Ökosysteme dem Menschen große Dienste und stellen wichtige Güter zur Verfügung.

Der britische Wirtschaftswissenschaftler und Regierungsberater Nicholas Stern bezeichnet die Umweltzerstörung durch die Klimaveränderung darum als das »größte Marktversagen, das die Welt je gesehen hat«.

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Autor: Alain Zecchini

Alain Zecchini ist Wissenschaftsjournalist und Autor von »Le Rhinocéros. Au nom de la corne«, Paris (L’Harmattan) 1998.

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