Zeit zu handeln

Wir sind an einem Wendepunkt angelangt: Jahrelang schien der Klimawandel nur eine vage, düstere Zukunftsvision zu sein. Inzwischen ist er jedoch ziemlich real und begegnet uns regelmäßig in Form von Unwettern und Hitzewellen. Wir wissen, dass der Mensch zur Erderwärmung erheblich beigetragen hat und dass wir für die Auswirkungen des Klimawandels verantwortlich sind. Das ist ein bitterer Befund, er könnte uns lähmen. Aber er birgt auch die Einsicht, dass wir das Ausmaß des Temperaturanstiegs noch beeinflussen können.

Große Herausforderung

Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen, vor denen die Welt heute steht. Die Erwärmung bedroht Gesundheit, Wohlstand und Sicherheit. Ich erinnere nur an das Elbe-Hochwasser 2002, an die Hitzewelle im Jahr 2003 oder an den Orkan Kyrill im Januar 2007. Das sind die typischen Erscheinungen des Klimawandels, vor denen Forscher seit vielen Jahren gewarnt haben. Extreme Wetter­ereignisse hatten allein in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt Sachschäden von insgesamt 165 Milliarden Euro zur Folge.

Beeinflussung der Lebensqualität 

Immer mehr Bürgerinnen und Bürger, Politiker und Unter­nehmer erkennen, dass der Klimawandel unsere Umwelt verändert und unsere Lebensqualität beeinflussen wird – und zwar überwiegend nachteilig. Die Erderwärmung gefährdet den Wohlstand, den die Generation vor uns aufgebaut hat. Es geht uns wie vielen anderen Lebewesen, die nur an bestimmten Stellen auf der Erde vorkommen: Wir können dem Klimawandel nicht ausweichen. Vieles, was uns lieb und teuer ist, ist an seinen Ort gebunden. Das steht jetzt auf dem Spiel. Denn anders als die Menschen zur Zeit der großen eurasischen Völkerwanderung können wir nicht unsere Zelte abbauen und weiterziehen. Wohin auch? Der Erdball ist dich bevölkert. Wir müssen mit den Orten zurechtkommen, an denen wir heute leben.

Überall auf der Welt spürbar

Die Auswirkungen des Klimawandels sind nahezu überall auf der Welt spürbar. Eine leichte Temperaturzunahme kann in der Landwirtschaft und den Wäldern der gemäßigten Klimazonen wie Mitteleuropa die Wachstumsbedingungen verbessern – sofern zugleich die Niederschläge zunehmen. Doch auch in unseren Breiten hat die derzeit noch moderate Temperaturzunahme bereits negative Folgen: Gletscher schmelzen, die Bodenerosion nimmt zu, Arten wandern ab, Pflanzen, Tiere und Menschen leiden unter Hitzestress. Größere Probleme wird ein Temperaturanstieg in den Ländern rund um das Mittelmeer mit sich bringen, wo sich die Dürreperioden schon jetzt häufen. Weiter nördlich, in den arktischen Breiten, beginnen die Permafrostböden aufzutauen, so dass Gebäude, Straßen und Pipelines ihren Halt verlieren.

Risiken der Zukunft

Für die Zukunft rechnen wir mit zunehmend wärmeren und feuchteren Wintern sowie heißeren und trockeneren Sommern. Die Wahrscheinlichkeit extremer Hitzewellen hat sich in den vergangenen 100 Jahren um mehr als das Zwanzigfache erhöht. Eine weitere Zunahme von Hitzewellen und vor allem winterlichem Starkregen ist wahrscheinlich. Das Wissen über die Gefahren des Klimawandels ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen. Nun kommt es vor allem darauf an, diese Risiken für die einzelnen Regionen zu analysieren und die drohenden Schäden mit aktivem Klimaschutz zu begrenzen.

Was müssen wir tun?

Zunächst müssen wir lernen, dem Unvermeidlichen ins Auge zu blicken, und die Erkenntnisse über die absehbaren Folgen des Klimawandels vertiefen. Darauf aufbauend sind Anpassungsstrategien zu entwickeln, Anpassung an veränderte Temperaturen und Niederschläge, an neue Krankheitserreger und häufigere Extrem-Wetterereignisse. Der Klimaschutz muss von nun an in allen Bereichen der Politik und Ökonomie mit bedacht werden.

Effizienter Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen

Aber Anpassung an das Unvermeidliche ist nur das eine. Gleichzeitig müssen wir aktiv gegensteuern, um Schlimmeres zu verhindern. Dazu benötigen wir einen effizienten Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen und einen deutlich niedrigeren Treibhausgasausstoß als heute – und zwar weltweit und bald.

Der Schlüssel dazu ist unser Umgang mit Energie. Das heißt: weniger Energie verbrauchen und den Energiebedarf möglichst mit klimafreundlichen, erneuerbaren Ressourcen wie Wasser, Wind oder Biomasse decken. Unser Energiebedarf lässt sich zu weiten Teilen aus Erneuerbaren decken, wenn wir es schaffen, unseren Energiehunger zu zügeln und die zur Verfügung stehende Energie effizienter zu nutzen. Ressourcen­schonung ist das Stichwort – es wird uns im 21. Jahrhundert stark beschäftigen.

Grundlegende Umkehr

Hielten wir an unseren gewohnten Verbrauchsmustern fest, würde sich der globale Ressourcenverbrauch innerhalb der nächsten zwanzig Jahre vervielfachen, was die Regenerationsfähigkeit der Natur weit übersteigen würde und auf Kosten der Lebensgrundlagen jetziger und künftiger Generationen ginge. Deshalb ist weltweit eine grundlegende Umkehr von den heutigen Mustern der Ressourcennutzung zu einer nach­haltigen Wirtschaftsweise erforderlich. Deutschland hat hier gute Chancen, seine technische und wirtschaftliche Kompetenz auszubauen.

Biodiversität ist die Grundlage unseres menschlichen Lebens

Auf der internationalen Agenda dieses Jahrhunderts steht neben Klimaschutz und Ressourcenschonung auch der Erhalt der Artenvielfalt. Biodiversität ist die Vielfalt des Lebens und zugleich die Grundlage unseres menschlichen Lebens. Ohne sie fehlten uns nicht nur atemberaubende Anblicke und unvergessliche Naturerlebnisse, sondern auch die Luft zum Atmen, sauberes Trinkwasser, Rohstoffe, Medizin und Nahrung. Das alles stellt eine intakte Natur dem Menschen immer wieder neu zur Verfügung. Die Ökosysteme stellen für den Menschen alljährlich Leistungen im Wert von rund 26 Trillionen Euro bereit. Das ist weit mehr als der Wert der Güter, die die Menschen rund um den Globus selbst produzieren. Eine große Biodiversität stärkt die Stabilität der Ökosysteme und hält Optionen für künftige Nutzungen offen.

Mit Klimaschutz eine Menge gewinnen

Ohne Klimaschutz haben wir folglich sehr viel zu verlieren. Mit Klimaschutz können wir eine Menge gewinnen. Wie viel wir nicht verlieren, sondern gewinnen, hängt davon ab, wie schnell wir den Umweltschutz vorantreiben. Die Alternative, weniger zu tun als wir könnten, haben wir jedenfalls nicht.

Deutschland hat beim Umweltschutz viel Erfahrung und zählt zu den Ländern mit den besten Voraussetzungen für Innovationen in dem Bereich. Wir sollten dieses Potenzial nutzen. Angst, auch die vor dem Klimawandel, ist ein schlechter Berater. Resignation lähmt. Und der Hinweis, dass doch bitteschön erst die anderen etwas tun sollen, taugt höchstens als vorübergehende Entlastung. Wer sich mit diesem Argument aus der Verantwortung stiehlt, hat das Vertrauen in die individuelle und gemeinschaftliche Gestaltungskraft der Menschen schon aufgegeben. Wenn wir uns an das Motto halten: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren, dann wird sich am Ende niemand bewegen. Und Stillstand ist die größte Gefahr im Klimaschutz.

Der Wille ist da

Wie fällt unter diesem Blickwinkel die Bilanz für 2007 aus? Positiv, wie ich finde, weil es eine weltweite Bereitschaft gibt, zu handeln. Sehr deutlich wurde das bei der UN-Klimakonferenz auf Bali: Der Wille war da, sich zusammenzuraufen. Nun kommt es darauf an, dass nicht nur die Industrieländer, sondern auch die Entwicklungsländer akzeptieren, dass alle etwas tun müssen. Dabei haben die straffen Reduktionsziele Deutschlands und der EU, also vierzig beziehungsweise dreißig Prozent weniger CO2 bis 2020 im Vergleich zu 1990, eine Initialzündung in Richtung globalem Klimaschutz bewirkt.

Wir setzen global Akzente

Wir alle können etwas tun: Die Politik, die Unternehmen und jede und jeder Einzelne von uns. Wir sind dem Klimawandel nicht hilflos ausgeliefert. Kreativität, Mut zum entschlossenen Handeln und die Bereitschaft, über eingefahrene Lebensweisen nachzudenken und Gewohnheiten zu ändern, sind gute Voraussetzungen, um dem Klimawandel die Stirn zu bieten. Und ich selbst glaube fest an uns. Die Märkte für Umweltschutztechnik boomen. Schon heute ist Europa Spitzenreiter auf den Umwelttechnikmärkten. Deutsche Unternehmen sind weltweit führend bei der Windkraft und stehen in Europa an der Spitze bei innovativen Techniken der Abfallwirtschaft. Deutschland ist ein Motor für technische Innovation und ein Vorreiter auf wichtigen Feldern der Umweltpolitik. Wir setzen global Akzente, und das zahlt sich aus.

Verhalten ändern

Wir Menschen sind Erfahrungswesen. Wir ändern unser Verhalten meist erst, wenn wir mit lieb gewordenen Gewohnheiten auf einmal negative Erfahrungen machen. Der Klimaschutz verlangt aber von uns, dass wir unser Verhalten angesichts von Prognosen und Vorhersagen über die Zukunft ändern. Schaffen wir das? Es wäre eine grandiose kulturelle Leistung.

Autor: Prof. Dr. Andreas Troge

Prof. Dr. Andreas Troge ist Präsident des Umweltbundesamtes