Häuser ohne Schornstein

Wohn- und Geschäftshäuser verbrauchen in Europa mehr Energie als die Industrie. Bei Neubauten zeichnet sich inzwischen jedoch eine Energiewende ab, und es gibt sogar schon Häuser, die mehr Energie erzeugen, als ihre Bewohner verbrauchen.

Energiewende bei Neubauten

Wohn- und Geschäftshäuser verbrauchen in Europa mehr Energie als die Industrie. Bei Neubauten zeichnet sich inzwischen jedoch eine Energiewende ab, und es gibt sogar schon Häuser, die mehr Energie erzeugen, als ihre Bewohner verbrauchen.

Zu Neujahr 2008 dürften die letzten Hausbesitzer begriffen haben, dass die Ära billiger fossiler Brennstoffe bald vorbei ist. Der Ölpreis kletterte erstmals über 100 Dollar pro Barrel. In zehn Jahren könnte er laut Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung bei 200 Dollar liegen.

Senkung des Energiebedarfs durch technische Neuerungen

Ein Großteil der Wohn- und Geschäftsgebäude in Europa wurde in Zeiten gebaut, als das Barrel 10 Dollar kostete. Dementsprechend ist ihr Standard. In Deutschland sind über 900.000 Heizungsanlagen älter als dreißig Jahre, elf Millionen sind über zehn Jahre alt.

Technische Neuerungen wie Brennwertkessel, die den teuren Brennstoff optimal nutzen, wurden oft nur in Neubauten eingebaut. Kämen sie auch im Bestand flächendeckend zum Einsatz, würde der Energiebedarf von Gebäuden europaweit um 30 Prozent sinken.

Energieverbrauch bei Gebäuden höher als bei Industrie

Kämen, würden, sollten – die Realität sieht anders aus. Ein deutsches Durchschnittsgebäude verbraucht 160 Kilowattstunden (kWh) Heizwärme pro Quadratmeter und Jahr (m²a).

Häuser aus den 1960er- und 1970er-Jahren verprassen ohne weiteres das Doppelte – was über 30 Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr ausmacht. In der Summe verbrauchten Gebäude 2005 europaweit insgesamt 437 Millionen Tonnen Öläquivalente, und damit ein Drittel mehr als die gesamte europäische Industrie.

Heizenergie für Häuser ist drastisch gesunken

Heizenergie für Häuser ist drastisch gesunken

Foto: © Le Monde diplomatique

Limitierung des Heizwärmebedarfs per Gesetz

Ein erstes Umdenken setzte nach der Ölkrise der 1970er-Jahre ein. Doch es dauerte bis 1984, ehe der Bund den Heizwärmebedarf von Neubauten per Gesetz limitierte. Zunächst lag die Obergrenze bei 150 kWh/(ma) begnügen. Doch selbst solche Sparhäuser verbrauchen zwei Drittel mehr Energie, als nach dem heutigen Stand der Technik nötig wäre.

Das Konzept der Passivhäuser

So genannte Passivhäuser können den Heizverbrauch unter 15 kWh/(m2a) drücken. 1991 realisierte Wolfgang Feist, der heutige Chef des Passivhaus Instituts Darmstadt, das erste Passivhaus. Seitdem wurden in Deutschland 5000 solcher Häuser gebaut.

Das Konzept ist letztlich aus einer Not geboren: Da Gebäude im Zuge der optimierten Isolierung das Atmen einstellen, wird die Luft in Niedrigenergiehäusern von einfachen Abluftanlagen umgewälzt. Doch gute Luftqualität und Entfeuchtung in einem Dreipersonenhaushalt setzen einen kontinuierlichen Luftstrom von 90 Kubikmeter pro Stunde voraus – der mit 35 kWh/(m2a) Wärmeverlust zu Buche schlägt.

Heizen mit der Wärmepumpe

Genau hier setzte Feist an. Wärmetauscher entziehen der Abluft 90 Prozent der Wärme und geben sie erst danach an die Frischluft ab. Bei einer Außentemperatur von 0 Grad Celsius wird die Zuluft allein dadurch 16 Grad warm. Um die fehlenden paar Grad für wohlige Wärme zu erreichen, braucht es keine Heizung mehr: die Zuluft wird per Wärmepumpe geheizt.

Passivhaus: Der kalten Luft Wärme entziehen

Passivhaus: Der kalten Luft Wärme entziehen

Foto: © Le Monde diplomatique

Perfekte Isolierung

Damit das auch bei strengem Frost reicht, setzen »Passivhäuser« auf perfekte Isolierung und auf die Sonne. Wo immer möglich, richten die Planer die Fensterfronten nach Süden aus, um Sonnenwärme einzufangen. Eine absolut dichte, effektiv isolierte Außenhaut und dreifach verglaste Fenster, in denen Edelgase wie Argon oder Krypton die Dämmwirkung erhöhen, halten die Sonnenwärme im Haus. Die perfekte Isolierung hält zudem die Abwärme von Geräten und Bewohnern in den Räumen. Selbst bei –14 Grad, so zeigen Messreihen, reichen zwei 75-Watt-Birnen, um einen 20 Quadratmeter großen Raum zu beheizen.

Passivhäuser nahezu CO2-neutral

Der durchschnittliche Heizwärmebedarf von Passivhäusern liegt bei 10 kWh/(m2a). Bei einem so geringen Bedarf lohnt sich eine Zentralheizung mit Rohren, Heizkörpern und Kamin nicht mehr. Wärmepumpen, die heute aus 1 kWh Strom etwa 4 kWh Heizenergie erzeugen, reichen vollkommen aus. Wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen kommt, sind Passivhäuser nahezu CO2-neutral. Und natürlich rechnet es sich, dass Wartungs- und Brennstoffkosten für die Heizung entfallen.

Alu ist ein extrem energieaufwendiges Baumaterial

Alu ist ein extrem energieaufwendiges Baumaterial

Foto: © Le Monde diplomatique

Passivhäuser rechnen sich mittlerweile schneller

Eine groß angelegte europäische Studie aus dem Jahr 2001 (CEPHEUS – Cost Efficient Passive Houses as European Standards) hat ergeben, dass die höheren Planungs- und Baukosten der Passivhäuser gegenüber konventionellen Niedrigenergiehäusern nach spätestens dreißig Jahren hereingeholt sind. 2001 lag der Ölpreis bei 30 Dollar. Heute rechnen sich Passivhäuser deutlich schneller.

Mittlerweile wird die solare Radikaldiät auch in Bürogebäuden und in der Altbausanierung erfolgreich umgesetzt. Kürzlich haben zwei Wohnungsbaugesellschaften in Frankfurt/Main und Ludwigshafen mehrere 1960er-Jahre-Wohnblocks nach »Passivhaus-Standard« saniert, was 150 Euro pro Quadratmeter teurer war als eine herkömmliche Sanierung. Dafür sanken die Heizkosten um etwa 90 Prozent – sie werden die Mieter künftig kalt lassen.

Fünfmal mehr Energieerzeugung als -verbrauch

Noch konsequenter baut der Freiburger Architekt Rolf Disch. Er realisiert in seiner Heimatstadt eine Solarsiedlung mit 50 »Plusenergiehäusern«. Die Holzbauten basieren auf der Passivhaus-Technik, zu der aber noch großflächige Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern hinzukommen.

Laut Disch erzeugen sie fünfmal so viel Energie, wie die Bewohner verbrauchen. Nebenbei hat er die Dächer so konzipiert, dass sie im Sommer bei hohem Sonnenstand Schatten auf die Fensterfront werfen, während die schräg strahlende Wintersonne ungehindert in die Wohnungen fällt und sie damit wärmt.

Kostengünstigeres Wohnen

Unterm Strich, so zeigen die ersten Erfahrungen, liegen die Kosten für Strom, Wasser und Heizung um zwei Drittel unter dem Niveau konventioneller Häuser. Ökologisch bauen, lohnt sich, erst recht langfristig.

Autor: Peter Trechow

Peter Trechow ist freier Journalist für Umwelt- und Technikthemen in Berlin.

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