Die reiche Welt muss ihre Essgewohnheiten ändern

Die Speisekarte der reichen Länder ist weder nachhaltig noch gesund. Wir müssen unseren enormen Fleisch- und Kalorienkonsum reduzieren. Das täte nicht nur der Umwelt gut, sondern auch unserem körperlichen Wohlbefinden.

Hauptmerkmale des Ernährungsmodells von Industriestaaten

Überall in den industrialisierten Staaten hat sich, ungeachtet aller länderspezifischen Unterschiede und ganz unterschiedlicher Traditionen und Agrar-Ressourcen, ein einheitliches Ernährungsmodell durchgesetzt. Seine Hauptmerkmale sind:

• eine Landwirtschaft, die mit enormem Aufwand an Energie, Düngemitteln und Pestiziden arbeitet;

• eine mächtige Nahrungsmittelindustrie, die den Leuten das Kochen abnimmt und zunehmend Fertig- und Halbfertigspeisen anbietet. Ihr allgegenwärtiges Massenprodukt ist das »veredelte«, mit chemischen Zusätzen und Aromastoffen aufgepeppte Lebensmittel;

• ein außerordentlich breites, globalisiertes, von Jahreszeiten und geografischer Herkunft weitgehend unabhängiges Angebot;

• stark gewandelte Essgewohnheiten, die sich auch insoweit globalisieren, als sie sich weltweit immer ähnlicher werden.

Fleischexporte und -importe im Jahr 2005

Fleischexporte und -importe im Jahr 2005

Foto: © Le Monde diplomatique

Drei Faktoren kennzeichnen unsere neuen Essgewohnheiten:

Erstens hat sich bei der Auswahl von pflanzlichen und tierischen Proteinquellen ein grundlegender Wandel vollzogen: Einem deutlich reduzierten Getreide- und Gemüseverzehr steht ein erheblich gestiegener Konsum von Fleisch- und Milcherzeugnissen gegenüber. Die Fleischproduktion hat sich seit 1980 weltweit verdoppelt und ist von 136,8 Millionen Tonnen auf 253,4 im Jahr 2005 angestiegen; in den Entwicklungsländern hat sie sich sogar von 47,0 auf 144,4 Millionen Tonnen verdreifacht.

Zweitens hat der Fett- und Zuckerverbrauch dramatisch zugenommen.

Und drittens entzieht die Raffinierung von Getreide, Ölen und Zucker den Lebensmitteln einen Großteil ihrer wertvollen Bestandteile, darunter Vitamine, Mineralien und Ballaststoffe, wie auch die gesundheitsfördernden »sekundären Pflanzenstoffe«.

Rückgang der Anbaufläche pro Kopf

Diese Ernährungsweise, die nun auch in den Schwellenländern mehr und mehr Menschen übernehmen, lässt sich nicht auf die Weltbevölkerung extrapolieren, dafür reichen die kultivierbaren Flächen einfach nicht aus. Durch das starke Bevölkerungswachstum hat sich weltweit die Anbaufläche pro Kopf bereits von 0,24 Hektar im Jahr 1950 auf heute 0,12 Hektar verringert, bis 2050 wird sie auf 0,08 Hektar zurückgehen.

Womit der Eiweißbedarf gedeckt wird

Womit der Eiweißbedarf gedeckt wird

Foto: © Le Monde diplomatique

Weltweit 40 Prozent der Getreideernte als Futter eingesetzt

Die landwirtschaftliche Produktivität hat sich im selben Zeitraum zwar ebenfalls stark erhöht, doch die Verknappung der pro Person verfügbaren Anbaufläche bleibt eine bedrohliche Entwicklung.

Um pflanzliche durch die gleiche Menge tierischer Proteine zu ersetzen, braucht man drei- bis fünfmal so viel landwirtschaftliche Fläche, und auch der Energieverbrauch würde weiter zunehmen. Inzwischen werden weltweit durchschnittlich gut 40 Prozent der Getreideernte als Futter in der Tiermast eingesetzt. In den USA liegt der Anteil bei 70 Prozent, in Indien dagegen nur bei 2 Prozent.

Hohe Kosten für Behandlung von Wohlstandserkrankungen

Das westliche Ernährungsmodell ist auch für die Zunahme vieler Krankheiten mitverantwortlich. Mit falscher Ernährung werden unter anderem Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Gallensteine, Gicht und Karies, aber auch einige Krebsarten in Zusammenhang gebracht.

Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz beziffert die Kosten für die Behandlung von Krankheiten, die durch Fehlernährung und Übergewicht mitverursacht sind, auf mehr als 70 Milliarden Euro jährlich. Das ist fast ein Drittel der gesamten Gesundheitskosten.

Die "Kuh des Ostens" heißt Sojabohne

Die "Kuh des Ostens" heißt Sojabohne

Foto: © Le Monde diplomatique

Weltweit 1,6 Milliarden Menschen übergewichtig

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind 1,6 Milliarden Menschen auf der Welt übergewichtig, darunter 20 Millionen Kinder unter fünf Jahre. In Europa sterben jährlich mehr als eine Million Menschen an den Folgekrankheiten von Fettleibigkeit.

Das alte Gegenargument, die stetig steigende Lebenserwartung verweise doch eher auf eine gute Ernährung, ist wenig überzeugend. Denn es wird nicht mehr lang dauern, bis sich die Folgen unseres Lebensstils – geprägt durch Fehlernährung, Bewegungsmangel und belastende Umwelteinflüsse – auch in höheren Sterblichkeitsziffern niederschlagen.

Alternatives Ernährungsmodell

Wie soll das alternative Ernährungsmodell von morgen aussehen? Welche ökologischen, gesundheitlichen, aber auch kulturellen Maßstäbe können wir ansetzen, wenn unsere Lebensmittel nicht nur gesünder und appetitlicher, sondern auch umwelt- und ressourcenverträglich produziert sein sollen? Bei allen Überlegungen sind auch historische und ethnisch geprägte Traditionen zu beachten. Schließlich wird sich ein Inuit, der am Rande der Eiswüste lebt, immer anders ernähren als ein Mitteleuropäer.

Sommergemüse im Winter kostet Energie

Sommergemüse im Winter kostet Energie

Foto: © Le Monde diplomatique

Änderung des Ernährungsverhaltens

Zur Landwirtschaft und Ernährungsweise unserer Vorfahren führt so oder so kein Weg zurück. Aber wenn unser Essen tatsächlich nachhaltig sein soll, werden wir einiges ändern müssen: zum Beispiel weniger Fleisch essen, auf importierte außersaisonale Produkte, die um die halbe Welt geflogen werden, verzichten und zu ursprünglicheren, möglichst regional produzierten und vollwertigen Nahrungsmitteln zurückkehren.

Anstieg des Fleisch-, Eier-, Zucker- und Fettkonsums stoppen

Eine stärker pflanzlich orientierte Ernährung bedeutet nicht, dass wir wie unsere Vorfahren von Hirsebrei oder 600 Gramm Brot am Tag leben und nur einmal in der Woche Fleisch essen sollten. Auch muss die Rückkehr zu lokalen und saisonalen Produkten keineswegs den Verzicht auf Vielfalt oder die Rückkehr zu landwirtschaftlicher Autarkie bedeuten. Aber die Richtung muss stimmen: Der Anstieg des Fleisch-, Eier-, Zucker- und Fettkonsums, den wir fast schon wie ein Naturgesetz hinnehmen, muss gestoppt werden.

Realisierung der Ernährungswende?

Fragt sich nur, ob wir uns zu einer solchen Veränderung durchringen können, bevor eine globale Krise uns dazu zwingen wird. Die knappen Ressourcen an Süßwasser, Energie und landwirtschaftlichen Flächen werden irgendwann gravierende Folgen zeigen.

Die wachsende Bedeutung genetisch veränderter Organismen (GVO) und der anhaltende Boom für industriell verarbeitete und außersaisonal auf den Markt gebrachte Produkte sprechen nicht unbedingt für eine Ernährungswende. Und die Zurückhaltung, mit der gegen Übergewicht und Fettleibigkeit vorgegangen wird, zeigt, wie wenig Mut die Politiker haben, sich mit der Landwirtschafts- und Nahrungsmittelllobby anzulegen.

Autor: Claude Aubert

Claude Aubert ist Agraringenieur und Autor von (mit Nicola Le Berre) »Faut-il être végétarien? Pour la santé et la planète«, Mens (Terre vivante) 2007.

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