Das beste Kraftwerk wird gar nicht erst gebaut

Megaressource Negawatt: Strom kann man am besten produzieren, indem man ihn nicht verbraucht. Alle können ihr eigenes Einspar-Kraftwerk betreiben: durch eine Kombination aus Energiesparen, Effizienz und erneuerbarer Energie.

»Negawatt« – eingesparte Watt

Wenn wir unsere Energieversorgung für die Zukunft sichern wollen, müssen wir lernen, besser zu verbrauchen statt immer mehr zu produzieren. Wir müssen also bei der Nachfrage ansetzen, statt immer nur das Angebot zu erhöhen. Tatsächlich gibt es in unserer unmittelbaren Umgebung gewaltige Energiesparreserven. Dabei wäre es falsch, Energieeinsparungen als Wirtschaftsbremse zu verstehen.

Der amerikanische Physiker und Umweltaktivist Amory B. Lovins überraschte bereits Ende der 1980er-Jahre mit der Einsicht, dass selbst Stromkonzerne Energiesparen nicht als Umsatzeinbruch fürchten müssen, sondern als wertvolles Wirtschaftsgut ausbeuten können. Dafür prägte er den Ausdruck »Negawatt« – eingesparte Watt. Diese »Negawatt-Ressourcen« machen mehr als die Hälfte unserer Energieproduktion aus.

Frankreich: Mehr als die Hälfte der Energie läst sich einsparen

Frankreich: Mehr als die Hälfte der Energie läst sich einsparen

Foto: © Le Monde diplomatique

Energieeinsparung auch für Anbieter lohnenswert

Lovins’ leuchtendes Beispiel ist die Southern California Edison Company: Der amerikanische Stromversorger verschenkte einmal 800.000 Energiesparlampen an seine Kunden, weil das unter dem Strich billiger war als neue Investitionen in die eigenen Kraftwerke und deren Betriebskosten. Die Energieeinsparung lohnte sich also nicht nur aus Sicht der Kunden, sondern auch für den Anbieter.

Lovins trieb den Gedanken auf die Spitze: Eigentlich sollte es eigene Märkte geben, auf denen Negawatt gehandelt werden wie Kupfer, Weizen oder Schweinehälften. Eine noch wichtigere Botschaft gilt jedoch auch dann, wenn sich diese Vision nicht umsetzen lässt: Lovins rechnete damals für die USA aus, dass sich allein mit dem Einsatz bereits verfügbarer umweltfreundlicher Technik der Energieverbrauch um drei Viertel senken ließe.

Von Mannheim nach Paris: Die bahn verursacht am wenigsten CO<sub>2</sub>-Ausstoß

Von Mannheim nach Paris: Die bahn verursacht am wenigsten CO2-Ausstoß

Foto: © Le Monde diplomatique

Zunehmender Zuspruch

Seitdem wächst der Zuspruch zu Lovins’ Ideen. In Deutschland vertritt etwa das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie ähnliche Thesen. Erst in diesem Jahr veröffentlichte das Institut mit dem Buch »Ressourceneffizienz – Der neue Reichtum der Städte« einen Energiesparratgeber für Kommunen. In Frankreich gibt es einen Verein mit 300 Mitgliedern, der sich für die Umsetzung von Negawatt-Strategien einsetzt und berechnet hat, wie viel Energie sich mit der Negawatt-Strategie gerade im Land der Atommeiler einsparen ließe. Ähnliche Potenziale ließen sich auch in anderen Industriestaaten heben.

CO<sub>2</sub>-Vergleich im Nahverkehr

CO2-Vergleich im Nahverkehr

Foto: © Le Monde diplomatique

Mäßigung statt »Energierausch«

Lovins unterteilt den Energieverbrauch in drei Hauptbereiche: Raumheizung, Verkehr und Elektrizität. In jedem davon sieht die »Negawatt-Strategie« drei Komponenten vor: Mäßigung, Effizienz und erneuerbare Energien.

Mäßigung beim Energieverbrauch bedeutet, im Großen wie im Kleinen die Verschwendung zu stoppen: die Heizungssteuerung richtig einstellen, in der Region produzierte Lebensmittel der Saison einkaufen, die täglichen Fahrten mit dem Auto intelligent organisieren. Diese Mäßigung ist gewissermaßen das Gegenteil unseres gegenwärtigen »Energierausches«.

Effizienz zielt darauf ab, die Verluste zu reduzieren, die bei der Nutzung unserer Gebäude, Transportmittel und Geräte entstehen. Tatsächlich lässt sich unser Energie- und Rohstoffverbrauch durch den Einsatz erprobter und bezahlbarer Techniken auf die Hälfte, manchmal bis auf ein Fünftel reduzieren.

Einsparressourcen

Riesige Einsparressourcen liegen zudem in Altbauten verborgen. Das Umweltbundesamt (UBA) hat errechnet, dass in deutschen Wohnungen die Hälfte der im ganzen Land verbrauchten Energie verpufft. Die UBA-Studie »Langzeitszenarien für eine nachhaltige Energienutzung in Deutschland« zeigt, dass sich allein durch die richtige Altbausanierung 40 Prozent der heute für das Heizen verbrauchten Energie einsparen ließe – bei Kosten von monatlich 4 Euro pro Einwohner, 500.000 neue Arbeitsplätze inbegriffen.

Ein Szenario, das beispielsweise der Verein »compagnie des négaWatts« für Frankreich errechnet hat, zeigt auf, wie sich der Energieverbrauch zunächst stabilisieren und dann bis zum Jahr 2050 auf 52 Prozent des gegenwärtigen Niveaus senken lässt. Damit lägen die von der Energieproduktion verursachten CO2-Emissionen 2050 bei 1,4 Tonnen pro Kopf und Jahr. Das wäre nicht einmal ein Viertel der heutigen Menge von 6,7 Tonnen.

Diese Prognosen sind keineswegs utopisch: Mehrere europäische Studien sind zu ähnlichen Ergebnissen gelangt, so in Deutschland, in der Schweiz (»2000-Watt-Gesellschaft«), in den Niederlanden und in Großbritannien (Energie-Weißbuch).

Szenario des künftigen Energieverbrauchs

Szenario des künftigen Energieverbrauchs

Foto: © Le Monde diplomatique

Negawatt-Szenario zur Verringerung von Risiken

Eine Flucht nach vorn nach dem Motto »immer mehr« stellt sich blind gegenüber Umweltrisiken. Das Negawatt-Szenario bietet dagegen die Chance, Risiken zu verringern. Das ist auch eine Frage der Verantwortung. Eine solche Ethik baut vor gegen späte Reue. Sie ist vernünftig und human. Und der größte Vorteil: Es gibt die Ausrede nicht mehr, dass die anderen erst einmal anfangen müssten. Jeder ist Betreiber eines Negawatt-Kraftwerks. Die Politik ebenso wie der einfache Bürger.

Autor: Martin Kaluza

Martin Kaluza ist freier Journalist in Berlin für Wirtschaft und Kultur.

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