Westafrika: Putschisten, Warlords, Demokraten

Die ölreiche Großregion ist zugleich die neue »Wetterzone« des afrikanischen Kontinents. Trotz vieler Konflikte ist die west-afrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas zu einem wirksamen Krisenmanagement noch nicht imstande. Und die Interventionen des Westens gelten nicht nur dem Wohl der Menschen, sondern auch der Sicherung der Rohstoffvorkommen.

Vorkoloniale Königreiche

Westafrika hat eine lange politische Tradition aus vorkolonialen Zeiten, als es bereits die Königreiche der Mossi und der Aschanti oder die Königreiche Mali, Songhai und Benin gab. Später stellte das koloniale »Französisch-Westafrika« dem französischen Mutterland – während der beiden Weltkriege und in späteren Kolonialkriegen – dessen wichtigsten afrikanischen Truppen, die senegalesischen Schützenbataillone (tirailleurs sénégalais).

Folgen der hohen Ölförderung

Auch das britische Kolonialreich hatte seine westafrikanischen »Juwelen«, zum Beispiel Nigeria, das mit 140 Millionen Menschen heute das bevölkerungsreichste und zugleich das ölreichste Land des Kontinents ist.

Doch dieser Reichtum hat die Korruption gewaltig angeheizt. Er fördert zudem auch die separatistischen Bestrebungen der Völker im Nigerdelta, wo die Menschen die Umweltbelastungen der Ölförderung, aber nichts vom Geldsegen abbekommen.

Im Norden der Großregion verläuft auch die Grenze zwischen dem »weißen« Nordafrika und »Schwarzafrika«, die in Nigeria und Elfenbeinküste zugleich eine ethnisch-religiöse Bruchlinie darstellt.

Ecowas als »regionaler Gendarm«

Die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten (Economic Community of West African States, Ecowas) ist die älteste regionale Organisation des Kontinents. Ihre fünfzehn Mitgliedstaaten, zu denen ehemalige englische und französische Kolonien gehören, versuchten eine Freihandelszone zu etablieren.

Doch aufgrund der vielen Konflikte (Sierra Leone, Liberia, Elfenbeinküste) betätigt sich die Ecowas heute vor allem als »regionaler Gendarm«. Ihr bewaffneter Arm, die von der nigerianischen Armee dominierte Ecomog (Ecowas Monitoring Group), hat als provisorische Eingreiftruppe den UN-Blauhelmeinsätzen in Liberia (Unmil), Sierra Leone (Unamsil) und in der Elfenbeinküste den Weg bereitet.

Wiedereingliederung ehemaliger Kämpfer und Kindersoldaten

In diesen von mörderischen Bürgerkriegen heimgesuchten Staaten bemüht man sich mit so genannten DDR-Programmen (disarmement, demobilisation, reintegration) um die Entwaffnung, Demobilisierung und soziale Wiedereingliederung von zehntausenden ehemaligen Kämpfern und insbesondere der Kindersoldaten.

Damit sollen die Voraussetzungen für eine Rückkehr zur Normalität und für demokratische Wahlen geschaffen werden.

Innere Konflikte und äußere Einflüsse

Innere Konflikte und äußere Einflüsse

Foto: © Le Monde diplomatique

Neue Regelung für Diamantenhandel

Zudem setzte die »internationale Gemeinschaft« eine neue Regelung für den Diamantenhandel durch, um den Schmuggel mit »Kriegsdiamanten« zu unterbinden, mit dem sich die Milizen in Sierra Leone und Liberia finanzierten. Schließlich wurde auch Charles Taylor, der ehemalige Präsident Liberias, von seinem Zufluchtsland Nigeria an das UN-Sondertribunal für Sierra Leone in Den Haag ausgeliefert.

Emigration als letzte Hoffnung

In Westafrika lebten 2004 rund 290 Millionen Menschen, bis 2025 wird diese Zahl auf 430 Millionen steigen. Die gesundheitliche Lage in der Region hat sich trotz Aids und des Wiederauflebens der Malaria gebessert.

Heute sind 45 Prozent der Bevölkerung junge Leute unter 15 Jahren, von denen viele in den städtischen Ballungszonen leben. Diese Jugend führt ein Leben zwischen Traum und täglicher Selbstbehauptung, weshalb »Warlords«, machtgierige Politiker und religiöse Heilsverkünder willige Anhänger finden. Für viele ist die letzte Hoffnung die Emigration – konkret der Versuch, irgendwie nach Europa zu gelangen.

Angst vor Hunger

In der Währungszone des CFA-Franc (dem ehemaligen Franc der französischen Kolonien) wächst das Bruttonationaleinkommen (BNE) nicht mehr schnell genug, um die demografische Explosion aufzufangen.

In die Länder der Sahelzone kehrte 2005 nach fünfzehn Jahren ohne Hunger wieder die Angst zurück. Die Ursachen waren unzureichende Regenfälle und schlechte Ernten, die um 50 Prozent gesunkenen Baumwollexportpreise sowie die immer wiederkehrenden Heuschreckenschwärme.

Die Binnenstaaten litten außerdem unter der politischen Krise, die 1999 in der Elfenbeinküste ausgebrochen war. Dieses ehemalige »Musterland« erbrachte früher innerhalb der Ecowas ein Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung, 2005 war dieser Anteil auf ein Zehntel gesunken.

Index der menschlichen Entwicklung: die Region im Vergleich

Index der menschlichen Entwicklung: die Region im Vergleich

Foto: © Le Monde diplomatique

Noch einige Oasen der Demokratie

Auf politischer Ebene sieht es nicht besser aus: Umstrittene Präsidenten kleben an ihren Posten wie in Guinea; die Militärs zeigen Putschgelüste wie in Guinea-Bissau, wo sich die Armee seit der Unabhängigkeit ständig in die Politik einmischt.

Und in Togo hat sich der Sohn des verstorbenen Präsidenten als Nachfolger installiert. Dennoch gibt es noch einige Oasen der Demokratie wie etwa Benin und Senegal. Und im anglophonen Westafrika bietet Ghana das Beispiel eines friedlichen Machtwechsels.

Militärische Aktivitäten seitens der USA

Die 1994 erfolgte Abwertung des CFA-Franc, der Bankrott der multinationalen Air Afrique und die faktische Zweiteilung der Elfenbeinküste dokumentieren den Niedergang einer Region, die Frankreich früher als seine westafrikanische Domäne betrachtet hat.

Dass der einstige »Pate« ständig an Einfluss verliert, wird seit einigen Jahren von den Vereinigten Staaten ausgenutzt, die in Westafrika auffällige militärische Aktivitäten entfalten (vor allem in Mali, in Senegal und in der Inselrepublik São Tomé und Príncipe).

Diese laufen zwar unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus in der Sahelzone, sollen tatsächlich aber die reichen Ölvorkommen im Golf von Guinea und andere Rohstoffe sichern helfen.

Autor: Philippe Leymarie

Philippe Leymarie ist Journalist bei Radio France internationale.

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