Kurdistan, Land in vier Staaten

Die Kurden sind ein Volk ohne Staat. Die 30 Millionen Kurden des Nahen Ostens leben im Irak, in Syrien, der Türkei und dem Iran. Bis vor kurzem waren sie nirgendwo als nationale Gruppe oder Minderheit anerkannt. Nun weckt das autonome Kurdistan innerhalb des Irak neue Hoffnungen – dies kann aber auch eine neue Zersplitterung der Region bedeuten.

Einfluss der Golfkriege auf die Kurdenfrage

Wie sehr die beiden Golfkriege von 1991 und 2003 die Kurdenfrage verändert haben, zeigt sich schon an der Tatsache, dass der Kurde Dschalal Talabani im April 2005 zum Staatspräsidenten des Irak ernannt wurde. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung hatten die Kurden am Ende des ersten Golfkriegs die Schwächung des Hussein-Regimes dazu genutzt, sich der Kontrolle Bagdads zu entziehen.

Nach dem zweiten Golfkrieg, mit dem Washington im März 2003 das Baath-Regime zu Fall brachte, wurden die beiden kurdischen Parteien, in einem durchaus spannungreichen Dialog mit den wichtigsten schiitischen Oppositionsgruppen, zu politischen Akteuren, ohne die ein Wiederaufbau des Landes nicht möglich war.

Ein Volk im Exil

Ein Volk im Exil

Foto: © Le Monde diplomatique

Unabhängigkeitsbestrebungen irakischer Kurden

Bei der Parlamentswahl vom 30. Januar 2005 stellten die beiden großen Kurdenparteien, Dschalal Talabanis Patriotische Union Kurdistans (PUK) und die von Massud Barsani geführte Kurdische Demokratische Partei (KDP), ihr politisches Gewicht für die Konstruktion eines neuen Irak endgültig unter Beweis.

Doch das Ende der diktatorischen Herrschaft Bagdads hat zugleich die Unabhängigkeitsbestrebungen der irakischen Kurden wiederbelebt. Emotional verstärkt wurde dieses Bedürfnis auch durch den Krieg, der sich vor allem in der nach Süden und Westen angrenzenden Region, dem sunnitischen Dreieck, konzentrierte.

Errichten eines autonomen Gebiets

Im Februar 2004 erhielt eine Petition, die von der Bewegung für ein Referendum über die Selbstbestimmung in Umlauf gebracht wurde, mehr als eineinhalb Millionen Unterschriften – bei einer Bevölkerung von vier Millionen. Gleichwohl zogen es die Kurdenführer vor, in Bagdad über weitere Schritte in Richtung eines autonomen Gebiets zu verhandeln, das innerhalb eines föderalen, aber geeinten Irak verbleiben soll. Sie gehen davon aus, dass eine volle Selbstständigkeit angesichts der Einkreisung ihres Gebietes durch lauter feindlich gesinnte Länder illusorisch wäre.

Stärkung der Kurden in der Türkei

Denn die Türkei, Syrien und der Iran zeigen sich durch die Aufwertung der kurdischen Region im Irak beunruhigt. Die Regierungen dieser Länder fragen sich, ob dieses Beispiel nicht bei der eigenen kurdischen Bevölkerung zu ähnlichen Forderungen führen könnte. In der Türkei behauptete sich die prokurdische Partei Dehap bei den Kommunalwahlen im März 2004 in allen größeren Städten des Südostens, obwohl sie im Vergleich zu den Wahlen von 1999 deutliche Einbußen erlebte.

Die Freilassung der seit 1994 inhaftierten kurdischen Parlamentsabgeordneten Leila Zana und Hatip Dicle im Jahr 2004 hat deren Insistieren auf einer eigenständigen kurdischen Identität legitimiert. Und in Diyarbakir, der Hauptstadt des türkischen Kurdistan, waren die Kurden in der Lage, Kundgebungen mit mehreren hunderttausend Teilnehmern zu organisieren.

Erneute militärische Kontrolle über das türkische Kurdistan

Die Perspektive eines EU-Beitritts zwingt die Regierung in Ankara, die strenge Aufsicht über den östlichen Landesteil zu lockern. Doch der Freiheitsspielraum bleibt eng begrenzt und stets gefährdet. Folter gehört nach wie vor zu den Instrumenten, um missliebige politische Äußerungen zu bestrafen oder zu verhindern. Und nachdem der 1999 anlässlich des Prozesses gegen PKK-Chef Abdullah Öcalan ausgerufene Waffenstillstand nicht mehr in Kraft ist, übernimmt die Armee wieder schrittweise die Kontrolle über die Region.

Vertreibung und Binnenwanderung in der Türkei in den 1990-Jahren

Vertreibung und Binnenwanderung in der Türkei in den 1990-Jahren

Foto: © Le Monde diplomatique

Spaltung der PKK

Die Konsolidierung eines autonomen irakischen Kurdistan stellt die türkische Kurdenbewegung vor eine völlig neue Situation. Sowohl die militärischen Einheiten als auch die politische Führung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die sich nach der Verhaftung ihres Chefs in den Irak zurückgezogen hatten, haben sich inzwischen gespalten.

Der eine Flügel um Osman Öcalan, den Bruder des PKK-Gründers, hat dem bewaffneten Kampf gegen den türkischen Staat und der Konfrontation mit den irakischen Kurdenparteien abgeschworen.

Im Gegensatz dazu opponiert die PKK-Kongra-Gel (Volkskongress Kurdistans), die von Abdullah Öcalan vom Gefängnis aus geführt wird, gegen die Politik von Massud Barsani und Dschalal Talabani, den beiden Parteichefs im kurdischen Irak, und stellt deren Allianz mit Washington infrage.

Der in seiner Heimat nach wie vor populäre Abdullah Öcalan hat 2004 zur Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes aufgerufen und propagiert seitdem wieder ein autonomes kurdisches Gebilde in der Türkei.

Dieses Ziel, dem er während seines Prozesses vor einem türkischen Militärgericht abgeschworen hatte, ist im Grunde identisch mit dem, das die irakischen Kurden verfolgen.

Der kurdische Dialekt

Der kurdische Dialekt

Foto: © Le Monde diplomatique

Kurden im Iran ohne Hoffnung

Die Kurden im Iran verhalten sich solidarisch mit dem autonomen irakischen Kurdistan, das bei ihnen Erinnerungen an die kurzlebige kurdische Republik von Mahabad weckt, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden war.

Die Hoffnung auf Reformen und Anerkennung ihrer nationalen Rechte durch die derzeitige Regierung von Teheran haben sie aber längst begraben.

Verschärfung der Repression gegen die Kurden in Syrien

In Syrien hat sich die Repression gegen die Kurden nach den Aufständen vom März 2004 verschärft.

Die Sicherheits- und Geheimdienstkräfte des Regimes nahmen dabei einige kurdische Dörfer im Grenzgebiet zum Irak ins Visier, deren Bewohner ihre Solidarität mit dem irakischen Kurdistan demonstriert hatten.

Autor: Michel Verrier

Michael Verrier ist Journalist.

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