Kosovo: albanische Zukunft in einer unruhigen Region

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die internationale Gemeinschaft ein unabhängiges Kosovo zulässt. Dass sie noch zögert, hat vor allem einen Grund: Der neue, albanisch geprägte Staat könnte die großalbanischen Träume beflügeln, die extremistische Kräfte in Montenegro, Mazedonien und auch in Albanien hegen.

Dreiländereck Serbien, Mazedonien und Kosovo

Im Januar 2005 erschossen serbische Soldaten einen albanischen Jugendlichen, als er im albanisch besiedelten Presevo-Tal die serbisch-mazedonische Grenze überschritt. Belgrad hat diesen »Irrtum« zwar bedauert, aber solche Zwischenfälle machen deutlich, dass im Dreiländereck Serbien, Mazedonien und Kosovo das Bewusstsein einer Grenze schwach ausgeprägt ist.

Die Bewohner der albanischen Dörfer in Südserbien und in der Gegend von Kumanovo auf mazedonischer Seite fühlen sich seit jeher demselben kulturellen, historischen und wirtschaftlichen Raum zugehörig.

Gründung zwei albanischer Guerillabewegungen

Der Grenzverlauf zwischen Serbien und Mazedonien wurde erst im Februar 2001 von den Parlamenten in Skopje und Belgrad formell festgelegt, was klar zu Lasten der albanischen Bevölkerung ging, die bei dieser Entscheidung nicht mitzureden hatte.

Diese Missachtung diente dann als Vorwand zur Gründung von zwei albanischen Guerillabewegungen: der »Nationalen Befreiungsarmee« (UCKM) in Mazedonien und der »Befreiungsarmee von Presevo, Medvedja und Bujanova« (UCPMB) im Presevo-Tal, das von den Albanern auch als Ostkosovo bezeichnet wird.

Neue Spannungsherde als Strategie

Tatsächlich waren diese Gründungen jedoch Teil einer umfassenden Strategie, mit der die albanischen Nationalisten eine schnelle Entscheidung über den Status des Kosovo erzwingen wollten.

Ihnen war inzwischen klar geworden, dass die »internationale Gemeinschaft« sich nicht mit dem Gedanken an eine Unabhängigkeit der Provinz anfreunden mochte, die seit Juni 1999 dem Protektorat der Vereinten Nationen unterstand.

Die Nationalisten hofften, neue Spannungsherde könnten die »albanische Frage« – im Sinne eines die bestehenden Grenzen überschreitenden Großalbanien – auf die Tagesordnung setzen.


Der Nachbar im Süden – Mazedonien und seine Ethnien

Der Nachbar im Süden – Mazedonien und seine Ethnien

Foto: © Le Monde diplomatique

Konculj-Abkommen und Ohrid-Abkommen

Doch Nato, UNO und EU stellten sich bei der Suche nach eine Lösung für die Krise im Presevo-Tal hinter Belgrad. Mit dem im Mai 2001 geschlossenen Konculj-Abkommen wurde die Auflösung der UCPMB erreicht. Als Gegenleistung erhielt die albanische Bevölkerung eine bessere lokale Integration.

Im August 2001 folgte das Rahmenabkommen von Ohrid, das die albanische Guerilla in Mazedonien in einem Moment neutralisierte, da das Land im Bürgerkrieg zu versinken drohte. Das Ohrid-Abkommen sah eine Verfassung vor, die allen in Mazedonien lebenden Volksgruppen (Mazedoniern, Albanern, Türken, Roma, Serben) die gleichen Rechte verleiht und das Land weitgehend dezentralisiert, was vor allem den albanisch besiedelten Gebieten im Westen zugute kommt.

Schleppende Umsetzung der Abkommen

Die konkrete Umsetzung beider Abkommen kommt jedoch nur schleppend voran. Das hängt auch damit zusammen, dass der endgültige Status des Kosovo noch immer nicht feststeht und die wirtschaftliche Misere die Menschen unzufrieden macht. Immerhin hat es aber seit 2001 keine Guerillagruppe mehr geschafft, in der Region neue Unruhe zu schüren.

»Feierabendkrieger für ein Großalbanien«

Zwar traten verschiedene bewaffnete Gruppen in Erscheinung, etwa die »Albanische Nationalarmee« (AKSH), die im Grunde nur aus jungen Leuten bestand, die im Kosovokrieg gekämpft hatten und seitdem ohne Beschäftigung waren. Diese »Feierabendkrieger für ein Großalbanien« sind stark mit kriminellen Aktivitäten beschäftigt. So ist das Presevo-Tal seit Jahrzehnten eine der wichtigsten Stationen auf der »türkischen Route«, über die Heroin nach Westeuropa gelangt.

Der Kosovokonflikt 1998–19997

Der Kosovokonflikt 1998–19997

Foto: © Le Monde diplomatique

Albaner gegen Aufteilung des Kosovos

Entscheidend wird jedoch sein, was im Kosovo selbst geschieht. Die Albanerparteien rücken die Unabhängigkeit ins Zentrum ihrer politischen Forderungen, wobei sie jede Veränderung der Grenzverlaufs ausschließen.

Diese Haltung resultiert aus strategischen Erwägungen: Die Albaner wollen auch in einem unabhängigen Kosovo die Kontrolle über die überwiegend von Serben bewohnten Regionen – vor allem um Mitrovica im Norden – behalten. Doch wer gegen eine Aufteilung des Kosovo ist, muss logischerweise an allen bestehenden Grenzen festhalten – was wiederum den Albanern des Presevo-Tals überhaupt nicht gefällt, die den »Anschluss« an das Kosovo wollen.

Mögliche Folgen des entgültigen Status

Eine vorgezogene Entscheidung über den endgültigen Status des Kosovo, die schon vor Ende 2006 fallen könnte, stellt die Region vor eine gefährliche Alternative.

Wird die Unabhängigkeit verweigert oder aufgeschoben, würde nicht nur die albanische Bevölkerungsmehrheit mit Empörung reagieren, es könnte auch zu neuen Unruhen im Presevo-Tal, in Mazedonien und sogar in Montenegro kommen.

Umgekehrt könnte ein unabhängiges Kosovo eine solche Anziehungskraft auf die albanische Bevölkerung der umliegenden Länder ausüben, dass womöglich Mazedonien auseinander gerissen würde. Dies würde mehrere Grenzen in der Region wieder infrage stellen.

Autor: Jean-Arnault Dérens

Jean-Arnault Dérens ist Journalist, Chefredakteur von »Courrier des Balkans« (Belgrad) und Autor von »Kosovo année zéro«, Paris (Paris-Méditerranée) 2006.

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