Das Erdöl – Moskaus großer Trumpf

Erdöl und Erdgas spielen beim Wandel in der ehemaligen Sowjetunion die entscheidende Rolle. Sie sorgen für die wirtschaftliche Stabilisierung Russlands und dienen zugleich als Druckmittel gegenüber jenen Ländern, die diese Rohstoffe nicht besitzen und an ihrer zunehmenden Verschuldung ersticken. Die russischen Energievorräte ziehen jedoch auch ausländische Akteure an, die auf verschiedenen Wegen versuchen, das Monopol Moskaus zu brechen.

Staatseinnahmen durch Öl und Gas

Die reichen Erdöl- und Erdgasvorkommen der ehemaligen UdSSR sind sehr ungleich verteilt, der größte Teil befindet sich in Russland und den Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres. Russland erzielt mit Öl und Gas 60 Prozent seiner Ausfuhrerlöse, die zugleich einen beträchtlichen Teil seiner Staatseinnahmen ausmachen.

Nach der Krise von 1998 wurden die Ölexporte zum Motor des wirtschaftlichen Aufschwungs, zumal bei der Privatisierung dieses Sektors die russischen Unternehmen bevorzugt wurden und den westlichen Energieriesen nur eine bescheidene Rolle überlassen wurde. Und auch der Staat blieb in diesem Bereich ein aktiver Mitspieler.

Stabilisierung der Produktion

Die russischen Großunternehmen Gazprom, Lukoil und Yukos (bis zu seiner Zerschlagung) gründeten mächtige Finanz- und Industrieholdings, denen es gelang, ihre Produktion trotz knapper Finanzmittel und technischer Defizite zu stabilisieren. Sie agieren vermehrt auch in den anderen Staaten des »benachbarten Auslands« und in Osteuropa.

Verschuldung durch Energieimporte aus Russland

Mehrere Länder ohne eigene fossile Energievorkommen - wie Weißrussland, die Ukraine und Moldawien – sind inzwischen wegen ihrer Energieimporte gegenüber Russland stark verschuldet. Mit Unterstützung des Staates drängen die russischen Unternehmen darauf, sich diese Schulden in Form von Aktien erstatten zu lassen und sich damit in strategische Unternehmen (Raffinerien, Kraftstoff- und Stromvertriebsnetze) einzukaufen. Das läuft auf die klassische Methode hinaus, die alte politische durch eine wirtschaftliche Dominanz zu ersetzen.

Die eurasischen Verkehrswege

Die eurasischen Verkehrswege

Foto: © Le Monde diplomatique

Transitrouten für Exporte

Paradoxerweise können die anderen exsowjetischen Förderländer über ihre Energieressourcen nicht verfügen. Sie waren alle nach dem Zusammenbruch der UdSSR von anderen Ländern umschlossen und damit gezwungen, Transitrouten für ihre Exporte mit einem oder mehreren Drittländern auszuhandeln.

Mit der Erdölpipeline Baku-Supsa, die 1997 fertig wurde, und der im Juni 2006 in Betrieb genommenen Transkaukasischen Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan, die auf einer Strecke von knapp 1800 Kilometern Rohöl aus Aserbaidschan und Kasachstan zum Terminal im türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan transportiert, gelang es Aserbaidschan, das Transportmonopol Moskaus zu durchbrechen. Das gelang auch mit Hilfe westlicher Energiekonzerne, die sich so den Zugang zu den kaspischen Ölvorkommen sicherten.

Abhängigkeit von Russland

In der Vergangenheit musste Turkmenistan, mangels eines Abkommens über Umfang und Preis der russischen Transitleistungen, seine Gasproduktion deutlich drosseln. Schließlich hat es den Export über Russland wieder aufgenommen, und hofft auf den – nach wie vor hypothetischen – Bau einer Erdgasleitung in den Iran oder über Afghanistan nach Pakistan. Kasachstan, das engere Wirtschaftsbeziehungen zu Moskau unterhält, hat nach zähen Verhandlungen einen langfristigen Vertrag unterzeichnet, der den Transport seines Rohöls großenteils dem russischen Nachbarn anvertraut.

Erdöl keine Garantie für wirtschaftliche und soziale Entwicklung

Für Clans und Machteliten ist es ein Leichtes, sich die Gewinne aus der Erdölförderung anzueignen – der Besitz von derartigen Rohstoffen ist somit kein Garant für wirtschaftliche und soziale Entwicklung. In ganz Aserbaidschan, wo sich einige wenige an den Erdöleinnahmen enorm bereichern, gibt es außerhalb der Hauptstadt nur ein bis zwei Stunden Strom am Tag.

Die eurasischen Energietransportrouten

Die eurasischen Energietransportrouten

Foto: © Le Monde diplomatique

Erhöhung des russischen Drucks auf Nachbarländer

Noch schlechter geht es Ländern, die nicht über fossile Ressourcen verfügen. So haben die Energieknappheit und nicht bezahlte Gas- und Ölrechnungen erheblich zur Dauerkrise in Georgien, Moldawien und der Ukraine beigetragen. Moskau stützt sich auf seine neuen Pipeline-Verbindungen nach Europa über seine eigenen Häfen und die geplante Erdgasleitung unter dem Baltikum und konnte den Druck auf seine Nachbarn erhöhen.

Das gilt inzwischen sogar für Weißrussland, das lange Zeit ein privilegierter Verbündeter war. Seit Anfang 2006 hat Russland gegenüber Weißrussland die Energiepreise deutlich angehoben – und dabei ganz kühl mit den weltmarktüblichen Preisen argumentiert.

Ausbau der Energietransportwege nach Japan und China

Zweifellos können die Nichterzeugerländer für den Aufbau alternativer Versorgungsnetze und die Stärkung ihrer Unabhängigkeit auf westliche Unterstützung rechnen.

Nicht zuletzt die Zerschlagung des Energiekonzerns Yukos belegt die Absicht des Kremls, den staatlichen Einfluss auf diesen Sektor zu verstärken und seinen wichtigsten Trumpf nicht aus der Hand zu geben. Mit dem Ausbau der Energietransportwege nach Japan und China wird Russland ein noch stärkeres Blatt auf der Hand haben.

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