Pensionsfonds – Täter und Opfer zugleich

Ihre Aufgabe ist es, die Altersvorsorge von Millionen Menschen zu finanzieren. Dazu müssen Pensionsfonds die Beiträge an der Börse investieren. Doch wenn die Aktienkurse fallen, entstehen riesige Defizite. Konzerne kürzen dann lieber die Betriebsrenten, als selbst in den Strudel gerissen zu werden – und viele Beitragszahler müssen länger arbeiten.

Ergänzung der betrieblichen Pensionskassen

Mit Pensionsfonds angefangen haben US-amerikanische und britische Unternehmen. Sie wollten qualifizierte Beschäftigte an sich binden, indem sie ihnen Sozialleistungen boten. Pensionsfonds ergänzen die betrieblichen Pensionskassen, die für die Arbeitnehmer im privaten Sektor während der Weltwirtschaftskrise 1929 entwickelt und nach 1955 auch für öffentliche Angestellte geöffnet wurden. Die staatliche Rente hingegen, anders als in Deutschland nicht zur Einkommenssicherung konzipiert, dient in den USA und Großbritannien nur als Schutz gegen Altersarmut.

Leistungsorientierte Altersvorsorge

Die Auszahlungen, die Rentner und Pensionäre als Grundversorgung von den privaten und öffentlichen Pensionskassen erhalten, sind im Vergleich zum letzten Gehalt gering. Die US-Arbeitgeber begannen zwischen 1950 und 1970, die von der Körperschaftsteuer befreiten Beiträge in unternehmensfremde Fonds zur Altersvorsorge einzuzahlen.

Die Pensionen für die Beschäftigten der öffentlichen Hand unterliegen den Gesetzen der Bundesstaaten, während die für den privaten Sektor durch den Employee Retirement Income Security Act von 1974 geregelt sind. Dieses Gesetz unterscheidet zwischen leistungsorientierter (benefit-defined) und beitragsorientierter (contribution-defined) Altersvorsorge.

Leistungsorientierte Pensionskassen werden meist ausschließlich vom Arbeitgeber finanziert. Der Arbeitnehmer weiß von Anfang an, welche Auszahlungen er erwarten kann, und die Höhe des entsprechenden Betrages variiert je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit und Gehalt. Bei nicht ausreichender Deckung trägt das Unternehmen das finanzielle Risiko.

US-Rentengelder in Zeiten von Boom und Krise

US-Rentengelder in Zeiten von Boom und Krise

Foto: © Le Monde diplomatique

Beitragsorientierte Altersvorsorge

Beitragsorientierte Anlagen hingegen funktionieren ohne garantierte Ausschüttungen. Die Finanzierung erfolgt über die Beiträge der Arbeitnehmer und gelegentlich auch der Arbeitgeber. Das finanzielle Risiko trägt der Arbeitnehmer. Die Höhe der Auszahlung hängt letztlich von der Börsenentwicklung ab.

Seit den 1980er-Jahren sind viele leistungsorientierte Kassen geschlossen worden. Profitierten 1975 noch 43 Prozent der US-Beschäftigten von deren Rentenplänen, waren es im Jahr 2000 nur noch ungefähr 20 Prozent, während 27 Prozent ihre Altersvorsorge über beitragsorientierte Pensionsfonds sicherten.

Calpers - wie der Größte investiert

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Foto: © Le Monde diplomatique

Folgen der zunehmenden Defizite

Von 2003 auf 2004 hat sich aber auch das Defizit der US-Bundesagentur, die die Pensionsfonds gegen Zahlungsunfähigkeit versichert, von 11 auf 23 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt; Ende 2005 lag es bei 26 Milliarden Dollar. Und die Lage in Großbritannien ist ähnlich: Die 100 größten britischen Pensionsfonds von Unternehmen haben Ende 2004 geschätzte 72 Milliarden Euro Defizite angesammelt.

Auch in anderen Unternehmen mit beitragsorientierten Fonds waren viele aktuelle und künftige Renten massiv vom Börsenkrach betroffen. Millionen von Gehaltsempfängern verloren ihr Erspartes und sahen sich gezwungen, später als geplant in Rente zu gehen. Anderen blieb keine Wahl, als in hohem Alter einen »kleinen Job« anzunehmen, um finanziell über die Runden zu kommen.

Pensionskassen als Finanzinstitution

Das Wesen der Fonds hat sich so im Lauf der Zeit grundlegend gewandelt: Sie sind immer seltener eine Quelle zur Ergänzung der Rente, sondern vor allem ein Finanzinstitut mit zweifelhafter Macht auf den globalen Finanzmärkten. Darüber hinaus sind sie zunehmend vom Streben nach kurzfristiger Rendite und von der Logik einer für ihre Anleger attraktiven Risikostreuung geprägt.

Aktive Aktiva

Aktive Aktiva

Foto: © Le Monde diplomatique

Defizite in den Pensionsfonds

Die Unternehmen entziehen sich also zunehmend der Finanzierung der Renten. Die Leistungsempfänger tragen das finanzielle Risiko und die Beitragslast immer häufiger allein.

Der Sturz der Aktienkurse an den Börsen führte nach 2000 zur Finanzkrise der Altersvorsorgefonds, weil die Erträge aus ihren Kapitalanlagen nicht mehr zur Finanzierung ihrer Zahlungsverpflichtungen ausreichten.

Zahlreiche große US-Konzerne, darunter General Motors, Ford, Chrysler und IBM versuchten, die Renten zu mindern. Die Pensionskassen der 100 umsatzstärksten US-Unternehmen, die im Index Fortune-100 zusammengefasst sind, wiesen explodierende Defizite auf: Sie stiegen von 78 Milliarden Dollar Ende 2004 auf geschätzte 129 Milliarden Dollar Ende 2005, eine Zunahme von 65 Prozent.

Für die Defizite ihrer Pensionsfonds müssen die Konzerne Rückstellungen bilden, die in den Bilanzen enorme Defizite verursachen. Für viele Firmen ist daher die Versuchung groß, sich unter den Schutz des Konkursrechts zu begeben und sich so ihrer Zahlungspflicht gegenüber ihren früheren Beschäftigten zu entziehen.

Unauffällig, reich und mächtig

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Foto: © Le Monde diplomatique

Pensionskassen wichtige Akteure in der Finanzwelt

Die Einlagen werden in Aktien, Staats- und Unternehmensanleihen, Fondsanteilen, Geldmarkttiteln und anderen Wertpapieren sowie in Immobilien investiert. Zwischen 1993 und 2001 betrug die Zuwachsrate des Fondsvermögens durchschnittlich 8 Prozent pro Jahr und blieb seither in den Industrieländern konstant. 2004 investierten sie, gemessen am Bruttoinlandsprodukt der jeweiligen Länder, 112 Prozent in der Schweiz, 106 in den Niederlanden, 65 in Großbritannien und 95 Prozent in den USA (in Deutschland sind sie mit unter 4 Prozent eher unbedeutend).

Von den 16 Billionen Dollar Vermögen dieser Fonds in den Industrieländern entfallen 11 Billionen auf US-Pensionsfonds, also 70 Prozent; mit 7 Prozent folgen die britischen. Damit haben sich die Pensionskassen zu wichtigen Akteuren in der internationalen Finanzwelt entwickelt – und werden als solche in Ländern, denen solche Einrichtungen nicht vertraut sind, oft stark unterschätzt.

Autorin: Esther Jeffers

Esther Jeffers ist Autorin von (zs. mit Olivier Pastré) „La très grande bagarre bancaire européenne“, Paris (Economica) 2005.

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