Erosion der Macht – die umkämpften Peripherien

Als Hypermacht mischen sich die USA immer offener in den Einflusszonen anderer Länder ein. Oft verdecken die hehren Worte über freiheitliche Prinzipien, die es zu fördern gelte, nur handfeste wirtschaftliche Interessen. Beispiele dafür sind die Länder an der Peripherie der ehemaligen Sowjetunion und das frankophone Afrika.

"Befreiung der Welt"

Zum Auftakt seiner zweiten Amtszeit verkündete US-Präsident George W. Bush erneut, dass er seine Präsidentschaft als messianische Aufgabe begreift. In seiner Ansprache zum Amtsantritt, die den bezeichnenden Titel »Freiheitsrede« trug, schrieb er seinem Land den Auftrag zu, die Tyrannei »noch in den entferntesten Ecken des Planeten« zu bekämpfen. Doch hinter diesem Aufruf zur »Befreiung der Welt« gibt es andere und deutlich profanere Faktoren, die für die Prioritäten der USA bestimmend zu sein scheinen.

Aufteilung der Welt in Einflussgebiete

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die großen Akteure auf der internationalen Bühne die Aufteilung der Welt in Einflussgebiete auch jenseits des in Jalta abgesteckten europäischen Rahmens – mehr oder weniger respektiert.

Es gab also erstens die UdSSR und ihre Satellitenstaaten, zweitens eine französische Einflusssphäre, die den Maghreb und das frankophone Schwarzafrika umfasste, und drittens die quasimonopolistische Herrschaft der USA über den amerikanischen Doppelkontinent.

Dieses stillschweigende Übereinkommen galt jedoch nur begrenzt. Dies wurde bei einer Reihe von Ereignissen deutlich: etwa bei der militärischen Aufrüstung Kubas durch die Sowjetunion, die 1962 zur Kubakrise führte, oder bei der Unterstützung der sozialen und politischen Protestbewegungen in Osteuropa durch den Westen.

Osterweiterung von Nato und Europäischer Union

Mit dem Ende des Kalten Krieges und des bipolaren Weltsystems war das alte Gleichgewicht in Frage gestellt, und zwar weit über das Territorium der ehemaligen Sowjetunion hinaus. Die Schwächung und der anschließende Zusammenbruch der UdSSR brachten in Europa eine veritable politische Umwälzung mit sich, die zur Osterweiterung von Nato und Europäischer Union führte.

Neben diesen beiden Organisationen beeilten sich mehrere Länder, die neue Lage zu nutzen, zum Beispiel Deutschland, das für seine Ostpolitik, die auf Annäherung setzte, ein neues Betätigungsfeld fand. Doch die aktivste Kraft, die sich die Neugestaltung des postsowjetischen Raumes zunutze machte, waren zweifellos die USA, wobei Washington auf ein ganzes Spektrum von Interventionsmethoden setzte.

Instabile Ränder, eine Chance für die USA

Instabile Ränder, eine Chance für die USA

Foto: © Le Monde diplomatique

Gründung der »Guam«

Diese Methoden reichten von bilateralen Abkommen über wirtschaftliche oder militärische Zusammenarbeit, bei denen häufig auch eine gewisse politische Abhängigkeit im Spiel war, bis zu multilateralen Vereinbarungen, wofür die Gründung der »Guam« ein gutes Beispiel ist. Dieses Bündnis, das nach den Anfangsbuchstaben der beteiligten Länder Georgien, Ukraine, Aserbaidschan und Moldawien benannt ist, zu denen zeitweilig noch Usbekistan stieß, umfasst die GUS-Staaten, die intern gegen Moskau opponieren.

Druck auf Russland

Die USA erhöhten den Druck auf Russland, indem sie Militärstützpunkte in Usbekistan, Kirgisien und Tadschikistan errichteten und zuverlässige Verbündete in Georgien und Aserbaidschan fanden. Dabei agierten sie zunächst unter dem Vorwand, den Zugang zu den Ölvorkommen im Kaspischen Meer sichern zu wollen, und später dann im Zuge der »Antiterror«-Operationen in Afghanistan und im Irak.

Ergänzt wurde diese Strategie, die Russland innerhalb seiner traditionellen Einflusssphäre dauerhaft schwächen soll, durch die Unterstützung der politischen »Revolutionen« in Georgien Ende 2003 und in der Ukraine Ende 2004, in geringerem Umfang auch in Moldawien und Kirgisien.

Erdöl und Erdgas ziehen Investoren an

Erdöl und Erdgas ziehen Investoren an

Foto: © Le Monde diplomatique

Weltweite Interventionen der USA

Dieses Bemühen der USA ist nicht auf den eurasischen Raum beschränkt. Auch auf anderen Kontinenten, wie zum Beispiel in Afrika, bauen sie ihre Positionen aus.

Ausschlaggebend für das Wo und Wann der Interventionen sind häufig, wie im Fall der ehemaligen Sowjetunion, größere Erdölvorkommen oder der Zugang zu allgemeinen strategischen Rohstoffen wie Diamanten und Edelmetallen und die Kontrolle über die Wege zu solchen Ressourcen, seien es wichtige Häfen, Eisenbahnstrecken oder Pipelines.

Vorgehensweise seitens der USA

Die Vorgehensweisen sind dagegen weitgehend dieselben. Sie reichen von der Tätigkeit US-amerikanischer NGOs und protestantischer Kirchen – die das amerikanische Modell verbreiten oder die neuen Eliten zu gewinnen versuchen – bis zu offiziellen politischen Vereinbarungen und Wirtschaftsabkommen.

Dabei wird die angebotene Entwicklungshilfe oder der Beitrag zum Aufbau von Sicherheitsstrukturen häufig davon abhängig gemacht, dass für US-Unternehmen die profitabelsten Aufträge abfallen.

Armut und Aufschwung in den Ländern der ehemaligen UdSSR

Armut und Aufschwung in den Ländern der ehemaligen UdSSR

Foto: © Le Monde diplomatique

Militärische Präsenz der USA

Auch in Afrika äußert sich das Engagement Washingtons am deutlichsten in der militärischen Präsenz der USA, vom Maghreb bis nach Somalia, von Ägypten bis zum Golf von Guinea. Der erste Schritt ist oft ein Beistandsvertrag oder eine Trainingsprogramm für die lokalen Streitkräfte, auf den dann manchmal die Einrichtung von Militärbasen folgt.

Auf diese Aktivitäten reagiert man in Moskau wie in Paris und selbst in gewissen britischen und deutschen Kreisen mit wachsenden Irritationen. Auch die Kritik an den inneren Widersprüchen dieser Politik wird immer lauter, auch in den USA. Denn um ihre angeblich demokratischen Ziele zu erreichen, stützt sich die Regierung in Washington sowohl in Zentralasien als auch in einigen afrikanischen Ländern bedenkenlos auf autoritäre und korrupte Regime.

Autor: Jean Radvanyi

Jean Radvanyi ist Geografieprofessor und lehrt am Zentrum für Russlandstudien des Inalco/CNRS (Paris); er ist Autor u.a. von «La Nouvelle Russie», Paris (Armand Colin) 2004.

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