Die unpopuläre Supermacht

Aus dem Kalten Krieg sind die Vereinigten Staaten als großer Sieger hervorgegangen. Der neue Hegemon versucht nun eine eigene Weltordnung durchzusetzen. Doch mit seinem Unilateralismus stößt er auf zunehmenden Widerstand.

Verlust an Einfluss

Im August 2005 verzichtete der chinesische Petrokonzern CNOOC Ltd. Angesichts des heftigen Widerstands im amerikanischen Kongress auf den Kauf des US-Erdölkonzerns Unocal – der freie Kapitalfluss ordnete sich dem »Gebot der Sicherheit« unter. Im Oktober 2005 verabschiedete die in Paris tagende Unesco-Vollversammlung mit 148 Stimmen bei zwei Gegenstimmen (USA und Israel) und vier Enthaltungen das »Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen«.

Im Dezember 2005 ging der linke, indigene Evo Morales als Sieger aus den Präsidentschaftswahlen in Bolivien hervor und brachte den USA damit eine weitere Niederlage auf dem südamerikanischen Kontinent bei.

Komplexe globale Geopolitik

Für Globalisierungseuphoriker waren dies drei von vielen ernüchternden Ereignissen des Jahres 2005. So können die US-Truppen weiterhin den Irak nicht befrieden; immer mehr führende Vertreter aus China reisen nach Afrika und Lateinamerika und betreiben dort Interessenpolitik; entgegen der Haltung Washingtons erkennt Südkorea das Recht Pjönjangs auf zivile Nutzung der Kernenergie an; Terroranschläge werden in Madrid, London, Riad, Djidda und an anderen Orten verübt.

All diese Fakten zeichnen die Umrisse einer überaus komplexen globalen Geopolitik, die sich weder auf die Begeisterung für eine neoliberale Globalisierung noch auf einen neuen »Weltkrieg gegen den Terror« reduzieren lässt.

Washington im Kampf gegen al-Qaida

Washington im Kampf gegen al-Qaida

Foto: © Le Monde diplomatique

Entwicklung eines ökonomischen und politischen Patriotismus

Überall auf der Welt halten sich Nationalismen, wird auf kultureller Identität beharrt, gibt es politische Bestrebungen, die ihre Legitimation aus der Geschichte beziehen. Immer zahlreicher werden diejenigen, die sich einer unipolaren Weltordnung verweigern und die dafür unterschiedliche und manchmal umstrittene Ausdrucksformen finden.

Angesichts der USA, die ihre eigenen Interessen ohne Zögern schützen, formuliert sich von Peking bis São Paulo, von Seoul bis Neu-Delhi ein ökonomischer und politischer Patriotismus, der entschlossen ist, die eigene Unabhängigkeit zu verteidigen und kollektiv Widerstand zu leisten.

Bild Washingtons so negativ wie noch nie zuvor

Das »Ende der Geschichte«, von dem der amerikanische Politologe Francis Fukuyama sprach, verkündete den Triumph nicht nur der Globalisierung, sondern auch des liberalen Modells der USA. Trotzdem ist es weder den Vereinigten Staaten noch der Globalisierung im zurückliegenden Jahrzehnt gelungen, »die Köpfe und Herzen zu gewinnen«.

Nach 1789 verbreiteten sich die Ideen der Französischen Revolution überall in Europa und anderswo, und die Russische Revolution stellte für den Westen lange Zeit eine ideologische wie militärische Herausforderung dar. Doch die USA erleben den Höhepunkt ihrer militärischen Stärke just in dem Augenblick, in dem sie in der Welt unpopulärer sind als je zuvor. Das Bild Washingtons im Ausland war nie so negativ wie heute. »Selbst China steht besser da«, titelte die International Herald Tribune am 24. Juni 2005.

Widerstände gegen das Hegemoniestrebens der USA

Gewiss, keine der sich am Horizont abzeichnenden Großmächte, nicht einmal China, darf darauf hoffen, mit den USA konkurrieren und ein alternatives Gesellschaftssystem realisieren zu können, wie es – zumindest scheinbar und auch nur teilweise – der Sowjetunion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelang. Washington verfügt über gigantische militärische, wirtschaftliche und menschliche Ressourcen und kann sich somit unilaterale Interventionen erlauben.

Allerdings stößt das Hegemoniestreben auf vielerlei Widerstände und auf die Weigerung, dem Westen die alleinige Definitionsmacht in Sachen universelle Werte – Menschenrechte, Demokratie, Freiheiten – zuzusprechen, seine Vorstellungen von Gut und Böse zu übernehmen und ihm damit die Unterscheidung zwischen akzeptablen und inakzeptablen Regimen zu überlassen.

Vielfältiger Widerstand gegen die US-Hegemonie

Vielfältiger Widerstand gegen die US-Hegemonie

Foto: © Le Monde diplomatique

Ehemals Vormachtstellung der europäischen Hegemonialmächte

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts herrschten die europäischen Hegemonialmächte über den Rest der Welt. Ihre Vormachtstellung war, wie die moderne Geschichtsschreibung gezeigt hat, Folge einer spezifischen Konjunktur, die u. a. auf den Vorteilen basierte, die die Agrarrevolution und die Industrielle Revolution, die Eroberung Amerikas und der Sklavenhandel mit sich gebracht hatten.

Daraus ergab sich eine militärische Dominanz, die den rivalisierenden Großmächten der Alten Welt erlaubten, den Planeten unter das Joch der Kolonialherrschaft zu bringen. Europa suchte diese Herrschaft zu legitimieren, indem es auf der traditionellen Überlegenheit seiner eigenen Werte und Ideen pochte.

Alle anderen Kulturen wurden missachtet und galten als »barbarisch«. Heute greifen die USA und auch manche »Europäer« diese ausgedienten Vorurteile wieder auf. Die Wirklichkeit freilich wird sie immer wieder mit der Tatsache konfrontieren, dass das 20. Jahrhundert nicht nur die Auflösung des »sozialistischen Lagers«, sondern auch das Ende der Kolonialreiche besiegelt hat.

Autor: Alain Gresh

Alain Gresh ist Redakteur bei „Le Monde diplomatique“ und Autor (zs. Mit Dominique Vidal) von „Les Cent Clés du Proche-Orient“, Paris (Hachette) 2006.

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