Die unkontrollierte Macht der Mediengiganten

Auch auf dem Informations- und Kommunikationsmarkt wächst die Macht der Multis. Mit zunehmender Konzentration im Mediensektor steigt der Druck der Konzerne auf die politischen Kräfte, die ihre wirtschaftlichen Interessen fördern sollen. Dies beschleunigt die Banalisierung der Medieninhalte. Bürger und Wähler, die über die Geschicke ihrer Gesellschaften entscheiden sollen, werden immer schlechter informiert.

Der reichste Mann Australiens

Mit dem Tod des Australiers Kerry Packer im Dezember 2005 endete eine bemerkenswerte zwanzigjährige Wirtschaftskarriere: Der reichste Mann Australiens hatte sein Vermögen von 5 Milliarden US-Dollar in der Medienbranche gemacht.

Der Eigentümer der wichtigsten TV-Kette und eines Printmedienkonzerns besaß am Ende Ländereien, größer als Belgien. Packer war in der Lage, Druck auf jede australische Regierung auszuüben, wenn er seine Interessen durchsetzen wollte. Nach seinem Tod werden die Geschäfte von seinen Sohn fortgeführt.

Zusammenspiel von Vermögen und Macht

Als klassisches Modell eines Zusammenspiels von Großvermögen, Medienbesitz und politischer Macht wird immer wieder Italien genannt. Hier kontrolliert Silvio Berlusconi, der reichste Mann des Landes, sämtliche Privatfernsehsender und war zugleich Regierungschef, das zweite Mal bis Mai 2006. Mit Gesetzen, die seine Regierung einbrachte, konnte er seine Geschäftsinteressen fördern und absichern.

Vermögen durch Medien

Italien ist kein Einzelfall: Die Situation in anderen Ländern stellt sich oft ähnlich dar. Von den 500 größten Privatvermögen der Welt gehören zehn französischen Euromilliardären. Jeder zweite von ihnen macht sein Geld in der Informations-, Kommunikations- und Werbebranche: Bernard Arnault, Serge Dassault, Jean-Claude Decaux, Martin Bouygues und Vincent Bolloré.

Sie sind fast ausnahmslos Männer der Rechten, die nur zu bereit sind, über die von ihnen kontrollierten Medien die Präsidentschaftswahlen zu beeinflussen.

Damit erinnern sie an Rupert Murdoch, der seine Geschäfte vor allem in den USA, Australien und Großbritannien betreibt, und an dessen Unterstützung für George W. Bush, John Howard und Tony Blair – und deren Entscheidung für den Irakkrieg.

Einfluss der Medien auf die Politik

Auf globaler Ebene gewinnt das Problem des Einflusses der Medien immer mehr an politischer Brisanz. In Venezuela verhielten sich die Privatsender parteiisch, als im April 2002 der (gescheiterte) Putsch gegen Präsident Hugo Chávez unternommen wurde.

In Brasilien nutzte die mächtige Globo-Gruppe, die einen Teil der Printmedien, die meisten Kabel-TV-Kanäle und damit einen Teil des Werbemarkts kontrolliert, ihren Einfluss dafür, dass bestimmte progressive Vorhaben von Präsident Lula da Silva noch weniger Durchsetzungschancen hatten.

Printmedien als Unterstützung für politische Rechte

In Deutschland stammen 27 Prozent der Tageszeitungsauflage aus dem konservativen Springer-Konzern, der 2,4 Milliarden Euro Jahresumsatz macht.

Und auch der gemäßigt konservative Bertelsmann-Konzern (17 Milliarden Euro Umsatz) kontrolliert ein ganzes Presse- und Verlagsimperium. Besonders die Springer-Zeitungen machen aus ihrer Unterstützung für die politische Rechte in Deutschland keinen Hehl.

In Südkorea sind die wichtigsten Tageszeitungen so konservativ orientiert, dass Präsident Roh Moo Hyun, der von ihnen massiv angefeindet wird, eine Mediengruppe im Internet gründen wollte, um die »Tyrannei der Medien« zu brechen.

 

Der Aufstieg des Rupert Murdoch

Der Aufstieg des Rupert Murdoch

Foto: © Le Monde diplomatique

Politische Protegés zeigen sich den Medien gegenüber erkenntlich

Umgekehrt zeigen sich die politischen Protegés der Medienbarone gegenüber ihren publizistischen Fürsprechern erkenntlich. So löste der australische Premierminister John Howard kurz nach seinem Wahlsieg im Oktober 2004 sein Versprechen ein, das Kartellrecht zu lockern, damit der konservative Rupert Murdoch sein Unternehmen auch auf australische Medien ausdehnen konnte. Und US-Präsident Bush musste es nie bereuen, dass er stets die Interessen der Informations- und Kommunikationsoligopole gefördert hat.

Globo-Imperium“

Die Dynamik der »Konvergenz« oder »Konsolidierung« wird zu Verhältnissen führen, die heute das Globo-Imperium in Brasilien vorführt: In ein und demselben Konzern werden die Szenarios für die Fernsehserien konzipiert, diese Serien werden in den eigenen Studios produziert, von den eigenen Kanälen ausgestrahlt und über die eigenen Ladenketten verkauft. Bei solchen Geschäftsstrategien bleibt für Wettbewerb und Pluralismus auf dem Informationssektor nur wenig Raum; die Qualität bleibt ohnehin auf der Strecke. Die Orientierung an Auflage und Einschaltquote geht fast immer auf Kosten internationaler Nachrichten, die kostspielig sind und kein festes Publikum haben.

Attraktivität von bestimmten Themen

Als attraktiv gelten hingegen Themen, die einen direkten Konsumbezug haben, den die Werbeabteilung fördert, oder die von Straftaten und Verbrechen handeln und die garantiert ein Publikum finden. Das erste Programm des französischen Fernsehens, TF 1, hat nur noch fünf ständige Auslandsreporter.

Ganz ähnlich sieht es in den USA aus: 2005 gab es nur zwei US-Tageszeitungen, die einen ständigen Korrespondenten in Afghanistan hatten. Noch üblere Auswirkungen hat das Diktat der Quote: In den USA nahm die Zahl der Berichte über Kriminalität und Pädophilie zwischen 1993 und 1996 um 700 Prozent zu, während die Zahl der entsprechenden Delikte in der gleichen Zeit um 20 Prozent zurückging. Fast überall hat die Ausbeutung solcher Nachrichten dazu geführt, dass die Strafen verschärft und mehr Leute ins Gefängnis gesteckt wurden.

Autor: Serge Halimi

Serge Halimi ist stellvertretender Chefredakteur von „Le Monde diplomatique“ und Autor von „Les Nouveaux Chiens de garde“, Paris (Raisons dagir) 2005.

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