Die neuen Grenzen des Imperiums

Seit dem Ende des Kalten Krieges haben die USA ihre Macht bis in vormals sowjetische Territorien ausgedehnt. Das ist ihnen gelungen, weil sie permanent weiter aufgerüstet und ihren rüstungstechnologischen Vorsprung gewaltig ausgebaut haben.

Entwicklung des Rüstungsetat

Anfang der 1990er-Jahre gingen die US-Militärausgaben – verglichen mit den unter Ronald Reagan erreichten Rekordsummen – deutlich zurück. Aus der Festlegung auf die »Unipolarität« ergab sich vor allem, dass sich ihr Rüstungsetat zunächst auf dem durchschnittlichen Niveau der Jahre des Kalten Krieges hielt. Ab 1998 setzte die Regierung Clinton jedoch ihr neues Programm zur langfristigen Erhöhung des Verteidigungshaushalts um.

Imense US-Militärausgaben

Seit dem 11. September 2001 hat sich diese Entwicklung durch die von der Bush-Regierung geführten Kriege in Afghanistan und im Irak rasant beschleunigt. Die US-Militärausgaben, die bereits 1995 ein Drittel der weltweiten Militärausgaben betragen hatten, stiegen 2005 ungefähr auf die Hälfte – und haben den diesbezüglichen Graben zum Rest der Welt vertieft.

Militärausgaben im Vergleich

Militärausgaben im Vergleich

Foto: © Le Monde diplomatique

USA als Weltpolizist

Die irakische Invasion in Kuwait vom August 1990 bot Washington die Gelegenheit zu beweisen, dass das Ende des Kalten Krieges keineswegs das Ende der von den USA gern gespielten Rolle des Weltpolizisten bedeutete. Der Einmarsch gestattete ihnen auch, ihre Macht in einer strategisch äußerst wichtigen Region neuerlich zu festigen.

Indem die USA den Persischen Golf, wo sich zwei Drittel der Welterdölreserven befinden, unter ihre direkte Kontrolle brachten, sicherten sie sich einen wichtigen Trumpf, und zwar sowohl im Verhältnis zu den europäischen und japanischen Verbündeten als auch gegenüber China, denn von diesen Energieressourcen sind sie alle abhängig.

Erweiterung der Nato

Während sich der Warschauer Pakt auflöste, wurde 1991 beschlossen, die Nato nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern sie aus einem Verteidigungsbündnis in eine »Sicherheitsorganisation« umzugestalten. 1994 entschied sich die Clinton-Regierung dann zum großen Missfallen Moskaus für eine Osterweiterung der Nato. 1999 wurden Polen, Ungarn und die Tschechische Republik aufgenommen. Es folgten die drei baltischen Staaten sowie Bulgarien, Rumänien, die Slowakei und Slowenien (2004).

Die Erweiterung der Nato soll fortgesetzt werden – einer der nächsten Kandidaten ist die Ukraine. Sie wird voraussichtlich 2008 der Nato beitreten und nimmt seit neuestem an der Operation »Active Endeavour« im Mittelmeer teil, wo russische Schiffe und Schiffe der Nato mögliche Terrorangriffe auf See verhindern sollen.

Die US-Streitkräfte und ihr Aktionsraum

Die US-Streitkräfte und ihr Aktionsraum

Foto: © Le Monde diplomatique

Militärischer Aufgabenkatalog der Nato

In den Kontext dieser Entwicklung gehörte ein neuerlicher Einsatz von Nato-Luftstreitkräften als bewaffneter Arm der Vereinten Nationen in Bosnien 1994/1995. Darauf folgte der Kriegseintritt der UNO im Kosovo (März–Juni 1999), erstmalig in ihrer Geschichte. Zudem übertrug man der Nato, zurückgestutzt auf die Rolle einer Hilfstruppe der USA bei bestimmten militärischen Expeditionen, auch die Verwaltung der Gebiete, um die Washington sich nicht selbst kümmern will, wie zum Beispiel des Kosovos. Auch in Afghanistan findet die Nato einen erweiterten militärischen Aufgabenkatalog.

Am anderen Ende Eurasiens erneuerte Washington sein Militärbündnis mit Japan und verwies Pekings Ansprüche auf Taiwan in die Schranken. Die Spannungen wegen der Taiwanfrage erreichten 1996 einen Höhepunkt, mit militärischen Drohgebärden auf beiden Seiten. Gleichzeitig erhöhte Washington zunehmend den Druck auf Nordkorea.

Imperiale Expansion der USA

Die Anschläge vom 11. September 2001 boten den USA Gelegenheit, ihre imperiale Expansion voranzutreiben. Der Afghanistankrieg gestattete ihnen, sich nicht nur in Afghanistan selbst, sondern auch in einigen ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien (insbesondere in Usbekistan und Kirgisien) sowie im Kaukasus (Georgien) militärisch festzusetzen. So stellte Washington seine Bauern im Herzen der eurasischen Landmasse auf, zwischen Moskau und Peking, den beiden – militärisch durchaus kooperierenden – potenziellen Rivalen.

Trotz mächtiger Militärtechnologie kein Beherrschen von Völkern

Die Invasion des Irak im März 2003 konsolidierte diese Machtpolitik auch in der Golfregion. So jedenfalls sah es das Kalkül Washingtons vor. Allerdings will es den USA nicht gelingen, den Irak zu beherrschen, während sich gleichzeitig auch Teile Afghanistans ihrer Kontrolle entziehen.

So mächtig die US-Militärtechnologie sein mag – ihre Stärke reicht nicht aus, um Völker zu beherrschen. In dem Augenblick, wo das Pentagon seine Schlagkraft nicht mehr aufrechtzuerhalten und zu erneuern vermag, könnte sich das Imperium in einer Situation der »Überdehnung« wiederfinden.

Autor: Gilbert Achcar

Gilbert Achcar lehrt Politikwissenschaften an der Universität Paris-VIII und am Centre Marc Bloch in Berlin; er ist Autor von „Le Choc des barbaries. Terrorismes et désordre mondial“, Paris (10/18) 2004 (Neuausgabe, dt. „Der Schock der Barbarei“, Köln, Neuer ISP Verlag, 2002).

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