Die neue Weltordnung – Machtmonopol auf Zeit

Mit dem Ende der Sowjetunion ging die bipolare Welt unter. Übrig geblieben ist eine einzige Supermacht, die langfristig jedoch auf Bündnispartner angewiesen ist. Sonst bringt der Hegemon zu viele schwächere Mächte gegen sich auf – und riskiert, dass sie sich gegen ihn verbünden.

Zwei Großmächte

Nach 1945 kam es zu einer nie da gewesenen Neugestaltung der weltweiten internationalen Beziehungen. Aus einer Reihe von Imperien und Großmächten entstand zum ersten Mal eine Konstellation, die mit einem Begriff aus dem Magnetismus als »bipolar« beschrieben wurde. Die USA und die Sowjetunion wurden zu den beiden allgemein anerkannten »Supermächten«.

Freilich war die Bipolarität nie absolut, und in beiden Lagern gab es Abtrünnige. Die USA waren mit dem Frankreich de Gaulles konfrontiert, während sich die Sowjetunion mit dem maoistischen China auseinander setzen musste. Das Gleichgewicht der Supermächte eröffnete Drittstaaten einen Spielraum, in dem sie Autonomie wahren und sich zu den so genannten Blockfreien zusammenschließen konnten.

Entstehung einer »Unipolarität«

Mit dem Mauerfall 1989 zerfiel auch diese Konstellation. Das Ende des Kalten Krieges manifestierte sich im Verschwinden der UdSSR. Ihr Erbe hat ein inzwischen vergleichsweise schwaches Russland angetreten, das 2004 bei der Gesamthöhe des Bruttoinlandsprodukts nach Kaufkraftparität auf Rang zehn und damit hinter Brasilien lag (CIA-Zahlen).

Die russischen Militärausgaben machen einen Bruchteil, genauer: ein Dreiundzwanzigstel, der US-Militärausgaben aus, wie aus Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri hervorgeht. Währenddessen wurden die USA, beginnend mit der Amtszeit Ronald Reagans, immer stärker. Das Ende der Bipolarität führte somit, zumindest in den Augen Washingtons, zu einer historisch neuen Konstellation: Es entstand eine »Unipolarität«, aus deren Ausübung sich für die USA ihre Bestimmung zur einzigen »Hypermacht« ergab.

Unipolarität oder Multipolarität

Angesichts dieser Ausgangslage werden zwei Alternativen propagiert. Die utopischere sieht eine Welt vor, die von den Regeln des Rechts und von kollektiven Institutionen gelenkt wird. An ihrer Spitze stünde eine reformierte UNO, die sich auf ihre ursprüngliche Berufung besinnt. Paradoxerweise kündigte Bush senior, der erste US-Präsident nach dem Kalten Krieg, dies 1991 unter dem Namen einer »neuen Weltordnung« genau in dem Moment an, als er zu einer ersten Demonstration der Stärke in der Ära der Unipolarität gegen den Irak ausholte.

Die andere Option ist die Multipolarität. Ihre energischsten Anhänger sind – wie sollte es anders sein – diejenigen, die Gegengewichte gegen die Macht der USA schaffen wollen: Frankreich, Russland und China. Anders Tony Blair: Der britische Premier und treueste Vasall Washingtons beschwor das Gespenst der zwei Weltkriege, zu denen die Multipolarität der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geführt habe,und plädiert für eine unipolare Welt unter Führung der USA.

Errichtung einer »Europäischen Macht«

Unter den Verfechtern der Multipolarität ist kein Land für sich allein genommen imstande, ein globales Machtzentrum zu sein. China und Russland werden, wenn überhaupt, noch einige Jahrzehnte brauchen, bis sie soweit sind. Und Frankreich ist zu klein, um diesen Ehrgeiz überhaupt zu verfolgen. Paris setzt deshalb auf die Errichtung einer »europäischen Macht«, sei es ausgehend von der Europäischen Union, sei es, jedenfalls für den Anfang, durch die Stärkung der französisch-deutschen Achse. In ihrer gemeinsamen Opposition gegen den Irakkrieg 2003 suchten Paris und Berlin den Schulterschluss mit Moskau.

Foto: © Le Monde diplomatique

Russland – Zusammenarbeit mit Europa und Asien

Russland verfolgt faktisch zwei Wege, die sich gegenseitig ergänzen sollen: Nach Westen treibt es die Zusammenarbeit mit Europa voran, und in seiner Asienpolitik konzentriert es sich auf die Kooperation mit China und baut außerdem seine Beziehungen zum Iran aus. Indien wird sowohl von dieser asiatischen Allianz als auch von Washington umworben. Seit dem Ende der UdSSR ist Peking der wichtigste Abnehmer für russische Waffen geworden. 2005 führten die beiden Länder ihre ersten gemeinsamen Großmanöver durch.

Unipolarität ruft Bündnisbildung schwächerer Mächte hervor

Als die USA sich für den Weg der Unipolarität entschieden, erregte dies auch in den USA selbst Widerspruch, und die Prognose dieser Kritiker aus der »realistischen Schule« sollte sich als richtig erweisen. Mit seiner unipolaren Strategie ruft Washington eine Neigung schwächerer Mächte hervor, sich in Bündnissen zusammenzuschließen, um ein Gegengewicht zur Hegemonie der Hypermacht zu bilden.

Verhindern ließe sich das nur durch eine genau durchdachte Politik, dank deren sich das Imperium die Gewissheit verschaffen würde, dass die Abhängigkeit jeder einzelnen dieser Mächte größer ist als ihre Versuchung, Bündnisse gegen das Imperium einzugehen. Doch der außenpolitische Kurs der gegenwärtigen Bush-Regierung steht im krassesten Widerspruch zu den Erfordernissen solchen politischen Raffinements.

Autor: Gilbert Achcar

Gilbert Achcar lehrt Politikwissenschaften an der Universität Paris-VIII und am Centre Marc Bloch in Berlin; er ist Autor von „Le Choc des barbaries. Terrorismes et désordre mondial“, Paris (10/18) 2004 (Neuausgabe, dt. „Der Schock der Barbarei“, Köln, Neuer ISP Verlag, 2002).

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