Der Glaube und seine Instrumentalisierung

Dass politische Zwecke religiöse Gefühle für sich vereinnahmen ist nichts Neues. Aber die Krise des Politischen angesichts der dramatischen Veränderungen in der Welt hat dieses Phänomen sichtbarer und beunruhigender gemacht.

Religion als Rechtfertigung

Schon mehrfach in der Geschichte mussten die drei großen monotheistischen Weltreligionen – um nur sie zu nennen – als Rechtfertigung für kriegerische, fremde Völker unterjochende Ziele herhalten. Mit einer ursprünglichen, spirituellen Botschaft freilich hatten die Kreuzzüge der abendländischen Christen ebenso wenig zu tun wie die Unterwerfung der Neuen Welt oder der kriegerische Expansionismus der Muslime in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends.

Instrumentalisierung der Gläubigen

In der jüngeren Vergangenheit haben die USA Juden, Christen und Muslime im Kalten Krieg instrumentalisiert, um die kommunistische Ideologie zu bekämpfen und die Sowjetunion zu destabilisieren.

Die Amerikaner unterstützten bekanntlich die Dschihadisten, darunter den späteren Al-Qaida-Führer Ussama bin Laden, damit sie gegen die Rote Armee in Afghanistan besser gerüstet waren. Unvergessen ist auch die wichtige Rolle, die während der Reagan-Ära (1980–1988) Papst Johannes Paul II. bei den Ereignissen spielte, die zum Zusammenbruch des Kommunismus in Polen und schließlich im gesamten Ostblock führten.

Religionszugehörigkeit weltweit

Religionszugehörigkeit weltweit

Foto: © Le Monde diplomatique

»Rückkehr der Religionen« in die internationale Politik

Seit dem Ende der ideologischen Ost-West-Konfrontation wird gern von einer »Rückkehr der Religionen« auf die Bühne der internationalen Politik geredet. Gestützt wird diese These mit der Behauptung, dass die vielerorts bestehenden Spannungen als politisch-religiöse Unruheherde zu betrachten seien, so etwa der Iran mit seinem sittenstrengen Mullah-Regime oder Indien und Pakistan, wo es zu Ausschreitungen gegenüber Andersgläubigen kommt. Im Nahen Osten wären der israelisch-palästinensische Konflikt oder die Situationen im Libanon und im Irak als Beispiele dafür zu nennen, dass religiöser Radikalismus die Emotionen verstärkt.

Ein weiterer Beleg wären die Vereinigten Staaten, wo christliche Fundamentalisten Einfluss auf Präsident George W. Bush nehmen, für eine wörtliche Deutung der Bibel kämpfen und der These vom Kampf der Kulturen anhängen. Der Wirtschaftswissenschaftler und Nahost-Experte Georges Corm hält Hunchontingtons Darstellung übrigens für eine Apologie der gewaltsamen Auseinandersetzung zweier »Mega-Identitäten«: der jüdisch-christlichen auf der einen und der arabisch-muslimischen auf der anderen Seite.

Katholiken und Protestanten in Nordirland

Katholiken und Protestanten in Nordirland

Foto: © Le Monde diplomatique

Zusammenspiel Religion und Politik

In der massiven Rückkehr der Religionen die Wurzel vieler Konflikte und gewaltsamen Auseinandersetzungen zu sehen, geht am wirklichen Geschehen jedoch völlig vorbei. Der Islamismus entstand auf den Trümmern des arabischen Nationalismus und nährt sich aus den aufgeputschten Gefühlen in den Straßen von Algier und Kairo. Die Werte der christlichen Rechten in den USA nähren den Patriotismus und die imperialen Bestrebungen einer republikanischen Regierung, die die Emotionen einer durch die Anschläge vom 11. September 2001 traumatisierten Gesellschaft bedienen will.

Religiöse Konflikte

Beispiele für gewaltsame, religiös aufgeladene Konflikte gibt es zu hauf: Der Krieg in Nordirland, der 3600 Opfer forderte und über dreißig Jahre lang Katholiken und Protestanten aufeinander schießen ließ, war in erster Linie ein gesellschaftlicher und politischer Konflikt zwischen zwei Bevölkerungen, von denen die eine darunter litt, durch die andere beherrscht zu werden.

Hier haben sich – ebenso wie im früheren Jugoslawien, wo Katholiken, Orthodoxe und Muslime bis zur Implosion friedlich in einem gemeinsamen Staat zusammengelebt hatten – die Religionen in militante Ideologien verwandelt, hinter deren Rhetorik es oftmals um ganz andere Dinge ging. Die destruktiven Kräfte, die solche Ideologien freisetzen, reichen bis zu ethnischen Säuberungen, wie sie auf dem Balkan tatsächlich verübt wurden.

Verbreitung der Weltreligionen

Verbreitung der Weltreligionen

Foto: © Le Monde diplomatique

Bedeutungsgewinnn des Religiösen

Statt von einer »Rückkehr der Religionen« sollte man besser von einem Rückgriff auf das Religiöse sprechen. Manche Gruppierungen oder Politiker greifen auf religiöse Gefühle zurück, weil sie keine politischen Zielvorstellungen haben oder womöglich solche, die den demokratischen Prinzipien zuwider laufen. Der Bedeutungsgewinn des Religiösen verdankt sich nicht etwa einer Rückkehr an die Macht, sondern seiner stärkeren globalen Sichtbarkeit, die wiederum aus dem Bedeutungswandel des Politischen resultiert.

Autor: Michel Cool

Michel Cool ist Journalist und Produzent bei France Culture und Autor von »Les Nouveaux Penseurs du christianisme«, Paris (Desclée de Brouwer) 2006.

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