Der erfundene Kampf der Kulturen

Der Fall des Eisernen Vorhangs markiert einen Wendepunkt in der Geschichte. Unter den seither entwickelten Theorien zur Zukunft der Welt erregte die vom »Zusammenprall der Kulturen« die meiste Aufmerksamkeit. Sie lieferte die Rechtfertigung für die Wiederkehr einer offen imperialistischen Rhetorik.

Kalter Krieg

Mit dem Zerfall der Sowjetunion endete auch die Bipolarität des Kalten Krieges. Die Blockkonfrontation hatte alle internationalen Beziehungen in das Korsett der sozioökonomischen wie politisch-ideologischen Konkurrenz der opponierenden Systeme gezwängt.

 »The End of History«

Noch vor dem Mauerfall veröffentlichte der amerikanische Politologe Francis Fukuyama in der Vierteljahreszeitschrift The National Interest einen Artikel unter dem provokativ fragenden Titel »Das Ende der Geschichte?«. Unter Rückgriff auf einen dem Zeitgeist angepassten, vulgarisierten Hegel interpretierte er den Zusammenbruch des Ostblocks als denendgültigen Triumph des politischen und ökonomischen Liberalismus. Von jetzt an seien die internationalen Beziehungen nicht länger von ideologischen Interessen geleitet. Die Welt werde sich langweilen.

Fukuyamas These schlug weltweit – und angesichts ihrer tatsächlichen Bedeutung unverhältnismäßig – hohe Wellen. Sie war Ausdruck des Zeitgeists und spiegelte auf geradezu groteske Weise die ideologische Siegesgewissheit der USA wider. Gleichzeitig diente sie als Rechtfertigung der Abrüstungspolitik. »The End of History« erschien 1992 als Buch und wurde sofort zum Bestseller. Unzählige Kommentatoren versuchten, Fukuyamas naiven Optimismus zu widerlegen.

»Clash of civilizations«

1993 formulierte dann Samuel Huntington, Professor für Politikwissenschaft in Harvard und Berater des US-Außenministeriums, in der Zeitschrift Foreign Affairs eine Art Gegenthese: Auf die Konfrontation der gesellschaftspolitischen Ideologien des Kalten Krieges folge der »clash of civilizations«, der Zusammenprall der Kulturen.

In seinem 1996 erschienenen und ebenfalls sofort zum Weltbestseller gewordenen Buch unterscheidet Huntington mehrere große, global konkurrierende Kulturen, die sich je nach Neigung und Konstellation annähern können, um so ihr eigenes Hegemoniestreben strategisch voranzubringen oder das der anderen zu behindern. Denkbar sei, so Huntington, ein Bündnis zwischen dem orthodoxen Christentum (im russischen Raum) und der chinesischen »konfuzianischen« Kultur gegen die von den USA angeführte westliche Zivilisation und ihre Verbündeten.

Seine größte Befürchtung ist, dass sich die »antiwestliche Hauptachse«, das heißt die »konfuzianisch-islamische« mit der »orthodoxenhinduistischen« Achse verbünden und damit das Gleichgewicht in »Eurasien« gegen den Westen kippen könnte.

Die Welt aus der Sicht Samuel Huntingtons

Die Welt aus der Sicht Samuel Huntingtons

Foto: © Le Monde diplomatique

Kritik an dem schwammigen Begriff von »Kulturen«

Huntingtons Thesen wurden von allen Seiten heftig kritisiert. Methodisch ist seine Vorstellung von »Kulturen« als geschichtlichen Akteuren leicht zu widerlegen, weil sie Staaten mit den unterschiedlichsten politischen Ansätzen und Loyalitäten willkürlich zu neuen Gruppen zusammenschnürt.

Ebenso leidenschaftlich fiel die Kritik an seinem schwammigen Begriff von »Kulturen« aus, den er nach Belieben mal religiös, mal geografisch oder politisch verwendet. Aspekt seiner These hat jedoch überlebt: der »Zusammenprall« der westlichen, christlichen Welt auf der einen mit der muslimischen Welt auf der anderen Seite. Paradoxerweise vertreten islamistische Fundamentalisten selbst diese These. Ihre Hasstiraden gegen »Kreuzritter und Juden« schüren wiederum eine Islamophobie, deren rassistische Klischees und Projektionen aus Zeiten des Kolonialismus stammen oder noch ältere Wurzeln haben.

Der Süden - abgeschnitten von Geld-, Waren- und Touristenströmen

Der Süden - abgeschnitten von Geld-, Waren- und Touristenströmen

Foto: © Le Monde diplomatique

»Zivilisatorische Mission«

Der Einsturz der Zwillingstürme des World Trade Center am 11. September 2001 schien die These vom »clash of civilizations« zu erhärten – auch wenn Samuel Huntington das anders sah. Er hielt die Anschläge in New York und Washington für das Zeichen einer internen Auseinandersetzung innerhalb der »muslimischen Kultur«.

Der offizielle Diskurs der USA dagegen war bedacht darauf, die eigene muslimische Bevölkerung nicht zu sehr vor den Kopf zu stoßen – und spielte ansonsten lieber die alte imperialistische Leier von der »zivilisatorischen Mission« Westens. Die Menschen im Nahen Osten werden vor allem die brutalen Aspekte dieser Mission in Erinnerung behalten: das Internierungslager Guantánamo, das Foltergefängnis Abu Ghraib und den Angriff der US-Truppen auf die Stadt Faludscha.

Verzerrte Welt: je mehr Wohlstand, desto mehr Fläche

Verzerrte Welt: je mehr Wohlstand, desto mehr Fläche

Foto: © Le Monde diplomatique

Autor: Alain Morice

Alain Morice ist Anthropologe am französischen Forschungszentrum CNRS, Schwerpunkt „Migration und Gesellschaft“; er ist Koautor von „Les Lois de l'inhospitalité“, Paris (La Découverte) 1997.

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