Das Ende der Blöcke und die neuen Kriege

Seit dem Ende des Kalten Krieges ist die Zahl der bewaffneten Auseinandersetzungen in der Welt
deutlich zurück gegangen. Doch viele Konflikte, die in der Ost-West-Konfrontation eingefroren waren, eskalierten in den 1990er-Jahren zu ethnisch motivierten Kämpfen und Bürgerkriegen.

Bewaffnete Konflikte

In der Zeit zwischen 1948 und 1991 hat sich die Anzahl der bewaffneten Konflikte auf der Welt verdreifacht. Die meisten waren von der Blockkonfrontation geprägt. Revolutionen sowie nationale und soziale Befreiungsbewegungen konnten sich ausbreiten, indem sie die Machtverhältnisse und Spielräume nutzten, die der Kalte Krieg schuf.

Wie die Vereinigten Staaten instrumentalisierten auch die Sowjets diese Bewegungen. Beide Seiten achteten streng darauf, dass sich ihre »Satelliten« an die Spielregeln hielten, die das atomare Gleichgewicht des Schreckens vorgab. Mit dem Fall der Berliner Mauer wurde alles anders. Die unterschiedlichsten Konflikte – plötzlich »befreit« aus dem Schraubstock der Ost-West-Konfrontation – ließen vor allem die großen Staatsgebilde, wie die UdSSR oder Jugoslawien, auseinander brechen.

Weniger bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Staaten

In einigen internationalen Konflikten standen und stehen sich Völker und Besatzer gegenüber, z. B. in Palästina seit 1967, in Tschetschenien 1994, im Irak 2003. Deutlich seltener kommt es mittlerweile zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Staaten. So führten beispielsweise Indien und Pakistan seit ihrer Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft 1947 drei Kriege gegeneinander und bemühen sich in der letzten Zeit um eine Annäherung.

Zunahme ethnisch-religiöser Konflikte

Bei den meisten Konflikten handelt es sich jedoch um ethnisch und/oder religiös motivierte Bürgerkriege. Von ihnen ist vor allem Afrika betroffen, wo sich staatlicher Machtzerfall, der Streit um die Kontrolle von Gebieten mit exportierbaren Bodenschätzen und eine den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstörende Politik auf fatale Weise ergänzen.

Die Statistiken des Friedensforschungsinstituts Sipri in Stockholm belegen diese Entwicklung. Das Jahrbuch 2005 führt für den Zeitraum von 1990 bis 2004 weltweit 57 größere bewaffnete Konflikte auf, 4 waren zwischenstaatliche Konflikte, und von den 53 internen Konflikten einzelner Länder ging es bei 29 um die Regierungsmacht und bei 24 um die Kontrolle über Regionen.

Die Hoffnung auf Frieden hat sich nicht erfüllt

Die Hoffnung auf Frieden hat sich nicht erfüllt

Foto: © Le Monde diplomatique

Zwischenstaatliche Konflikte und Bürgerkriege

Allein in Afrika kam es zu 19 Konflikten, wobei nur der Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien (1998–2000) ein zwischenstaatlicher war. Von den 18 Bürgerkriegen griffen beispielsweise der in Zentralafrika (Burundi, Demokratische Republik Kongo, Ruanda) und der in Westafrika (Elfenbeinküste, Liberia, Sierra Leone) auf Nachbarländer über.

In Asien gab es 15 Konflikte, davon ein zwischenstaatlicher (zwischen Indien und Pakistan), 6 Bürgerkriege um die Regierungsmacht und 8 um Regionen. Im Nahen Osten zählte Sipri 10 Konflikte, und zwar 2 zwischen staatliche (die beiden Golfkriege) und 8 Bürgerkriege.

Auch Europa blieb nicht verschont. Hier kam es zu 7 größeren bewaffneten Konflikten, die alle interne Auseinandersetzungen waren (unter anderem in Tschetschenien und im ehemaligen Jugoslawien). Auf dem amerikanischen Kontinent wurden 6 Binnenkonflikte gezählt.

Zunahme des Terrorismus

2004 war (zusammen mit 1997) ein Rekordjahr: gab die wenigsten Konflikte seit 1991, nämlich 19, die – mit Ausnahme des Irakkriegs, der in den Statistiken nicht auftaucht – alle interne waren.

Insgesamt ist die Anzahl der bewaffneten Konflikte in fünfzehn Jahren um 40 Prozent zurückgegangen. Der Terrorismus hingegen nahm ein neues Ausmaß an: In den sechzehn Jahren zwischen 1968 und 1984 starben 3.000 Menschen durch Terroranschläge – so viele wie allein am 11. September 2001. Eine dramatische Veränderung der geopolitischen Lage ergibt sich jedoch durch die Ausrichtung der Strategie der USA auf den Kampf gegen den Terror.

Eine Definition dieses neuen Feindes steht freilich noch aus. Auch das internationale Recht hat sie bislang noch nicht geliefert. Sicher ist hingegen, dass die Verfolgung der als terroristisch bezeichneten Straftaten die bürgerlichen Freiheiten einzuschränken droht. Dies zeigt der umstrittene Patriot Act in den USA , den die Bush-Regierung nach den Anschlägen vom 11. September erlassen und im März 2006 auf unbefristete Zeit verlängert hat.

Unterschiedliche Akte von Terrorismus

Im Übrigen würden selbst unter eine einfache Terrorismusdefinition wie »gegen unschuldige Zivilisten gerichtete Gewalttat, die die Bevölkerung terrorisieren soll, um so ein politisches Ziel zu erreichen« ganz unterschiedliche Akte fallen: die Al-Qaida-Anschläge seit 1998 ebenso wie das Attentat der Irgun Menachem Begins gegen das King-David-Hotel 1946, die Geiselnahme israelischer Athleten durch palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München 1972 ebenso wie der Giftgasanschlag der Aum-Sekte auf die Tokioter U-Bahn 1995, die französische Entführung einer DC-3 mit den Führern der Nationalen Befreiungsfront Algeriens an Bord (1956) ebenso wie die Attentate der Roten Armee Fraktion in den 1970er-Jahren in Deutschland, die Selbstmordattentate der Hamas in Israel und die Massaker der GIA (Groupe Islamique Armée) in Algerien…

Bekämpfung der »objektiven Ursachen« des Terrorismus

Der Kreuzzug von US-Präsident Bush ignoriert die »objektiven Ursachen« des Terrorismus. Womöglich würden, auch wenn diese Ursachen beseitigt wären, einzelne fundamentalistische Fanatiker weiterhin Anschläge verüben. Aber der Boden, auf dem sich solche Einstellungen entwickeln und Unterstützung und Mittäter finden, wäre dann wenigstens ausgetrocknet.

Autor: Gilbert Achcar

Gilbert Achcar lehrt Politikwissenschaften an der Universität Paris-VIII und am Centre Marc Bloch in Berlin; er ist Autor von „Le Choc des barbaries. Terrorismes et désordre mondial“, Paris (10/18) 2004 (Neuausgabe, dt. „Der Schock der Barbarei“, Köln, Neuer ISP Verlag, 2002).

Mehr Informationen zum Thema: