Autochthone in Kanada

Kanada ist ein großes, dünn besiedeltes Land: Seine 31 Millionen Einwohner verteilen sich auf eine Fläche von fast 10 Millionen Quadratkilometern. Sie leben überwiegend am Sankt-Lorenz-Strom und entlang der Grenze zu den USA. Das Verhältnis zum mächtigen Nachbarn ist von Ungleichheit geprägt. In der Innenpolitik dominiert die Forderung nach erweiterter Autonomie, die sowohl die Frankokanadier als auch die autochthone Bevölkerung artikulieren.

Diktat Washingtons

Bei den Verhandlungen über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) übten die USA erheblichen Druck auf die Partnerländer aus. Nur pro forma hat Kanada den Versuchen, seine Souveränität einzuschränken, widersprochen und in Sachen Fernverkehr und kommerzieller Nutzung von Wäldern und Süßwasserressourcen seine autonome Entscheidungsgewalt verteidigt.

Doch in den entscheidenden Bereichen – Energiepolitik, Ablehnung des Kioto-Protokolls, Kontrolle des Luftraums und der Einwanderung – fügte man sich bereitwillig dem Diktat Washingtons, zumal sich seit dem Sieg der Konservativen bei den Wahlen Anfang 2006 die beiden Regierungen noch näher stehen.

Große Gewinne durch Ölgewinnung aus Ölsand

In puncto Lebensqualität liegt Kanada international auf Platz eins. 80 Prozent der Bevölkerung leben in Städten, der Dienstleistungssektor ist die wichtigste Wirtschaftsbranche. Charakteristisch für Kanada sind aber nach wie vor seine riesigen, dünn besiedelten Flächen, die mit ihrer Forstwirtschaft und ihren Erz- und Energievorkommen auch ökonomisch wichtig sind.

Letztere Branche ist durch volatile Ölpreise gekennzeichnet, hat aber in den letzten zehn Jahren vor allem den westlichen Provinzen Alberta und British-Columbia große Gewinne beschert. Denn die seit 2004 dramatisch gestiegenen Rohölpreise haben die Ölgewinnung aus Ölsand, von dem große Vorkommen in Alberta lagern, sehr viel lukrativer gemacht.

Problematik des Bevölkerungszuwachses

Deshalb ist auch die Bevölkerung des im Nordosten von Alberta gelegenen Städtchens Fort McMurray, wo inzwischen sowohl Zuwanderer als auch Leute aus der kanadischen Provinz Arbeit finden, von 36 500 1999 auf knapp 65 000 im Jahr 2006 gestiegen. Allerdings hinken die Stadtentwicklung, die medizinische und die soziale Versorgung diesem Anstieg hinterher. Hinzu kommt, dass die Ausbeutung der Bodenschätze im hohen Norden teure Infrastrukturmaßnahmen und Eingriffe in überaus empfindliche Ökosysteme erforderlich macht.

Bevölkerung in den arktischen Gebieten Kanadas

Bevölkerung in den arktischen Gebieten Kanadas

Kulturelle Entfaltung anderer Einwanderungsgruppen

Denn jetzt erhielten auch verschiedene andere Einwanderergruppen, die sich zuvor zwangsläufig in die anglophone Mehrheit eingefügt hatten, Raum zur kulturellen Entfaltung. Das gilt unter anderem für die aus Deutschland und Skandinavien Stammenden in den ländlichen Gebieten des Westens, für die aus Italien oder der Levante Eingewanderten, die in den großen Städten im Osten leben, sowie für die in Vancouver lebenden Chinesen.

Forderungen der Indianer und Inuit

Auch die autochthonen Völker – Indianer und Inuit – fühlten sich ermutigt, die Anerkennung angestammter Rechte in ihren traditionellen Siedlungsgebieten zu fordern. In zähen Verhandlungen mit der Bundesregierung und nach gewaltsamen Protestaktionen fordern sie seit Mitte der 1970er-Jahre die Respektierung ihrer Identität, das Eingeständnis früherer Fehler und finanzielle Entschädigungen.

Abkommen mit der Inuit-Bevölkerung

Die bislang wichtigste Vereinbarung war das 1993 ratifizierte Abkommen mit der Mehrheit der Inuit (24 000 von insgesamt 32 000 Menschen). Es gewährte der kanadischen Inuit-Bevölkerung gemeinschaftliche Besitzrechte an 355 981 Quadratkilometern (18 Prozent ihres traditionellen Siedlungsgebiets) und Schürfrechte auf 37 992 Quadratkilometern.

Seit 1. April 1999 gibt es auch ein neues Territorium unter eigener Verwaltung, das zu 85 Prozent von Inuit bewohnt ist: Nunavut (»Unser Land« in der Inuit-Sprache Inuktitut) hat den gleichen Status wie die anderen Inuit-Territorien Yukon und Nordwest-Territorium. Seine kanadisch und somit letztlich europäisch geprägte Verwaltung soll an Bedürfnisse und Denkweise der Inuit angepasst werden.

Mit diesem vorbildlichen Abkommen war auf internationaler Ebene ein Beispiel für den Umgang mit den Rechten autochthoner Völker gesetzt, das inzwischen Minderheiten in Australien, Neuseeland und Russland aufgegriffen haben.

Autochthone Völker in Kanada

Autochthone Völker in Kanada

Foto: © Le Monde diplomatique

Abkommen mit der Inuit-Bevölkerung

Die bislang wichtigste Vereinbarung war das 1993 ratifizierte Abkommen mit der Mehrheit der Inuit (24 000 von insgesamt 32 000 Menschen). Es gewährte der kanadischen Inuit-Bevölkerung gemeinschaftliche Besitzrechte an 355 981 Quadratkilometern (18 Prozent ihres traditionellen Siedlungsgebiets) und Schürfrechte auf 37 992 Quadratkilometern.

Seit 1. April 1999 gibt es auch ein neues Territorium unter eigener Verwaltung, das zu 85 Prozent von Inuit bewohnt ist: Nunavut (»Unser Land« in der Inuit-Sprache Inuktitut) hat den gleichen Status wie die anderen Inuit-Territorien Yukon und Nordwest-Territorium. Seine kanadisch und somit letztlich europäisch geprägte Verwaltung soll an Bedürfnisse und Denkweise der Inuit angepasst werden.

Mit diesem vorbildlichen Abkommen war auf internationaler Ebene ein Beispiel für den Umgang mit den Rechten autochthoner Völker gesetzt, das inzwischen Minderheiten in Australien, Neuseeland und Russland aufgegriffen haben.

Autorin: Béatrice Collignon

Béatrice Collignon ist Dozentin an der Universität Paris-I und Ko-Autorin von »Le Monde polaire. Mutations et transitions«, Paris (Ellipses) 2005.

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