Wenn die Polkappen schmelzen

Sollte das arktische Eis tatsächlich schwinden, ließen sich große Erdöl und Erdgasvorkommen leichter erschließen. Allerdings wären die globalen Auswirkungen der Polkappenschmelze katastrophal: Der Meeresspiegel würde steigen, der Golfstrom umgelenkt und das ökologische Gleichgewicht im Meer nachhaltig gestört.

Die Eisfläche nimmt ab

Die Region um den Nordpol zeigt bereits deutliche Anzeichen einer Veränderung. Unabhängig von den starken jahreszeitlichen und jährlichen Schwankungen soll die Fläche des Packeises innerhalb der letzten dreißig Jahre um 10 Prozent abgenommen haben, ihre Dicke sogar um 40 Prozent. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte sich die Oberfläche der Eiskappe halbieren.

Neue Gas- und Ölvorkommen

Manche sehen darin auch Vorteile. Sie versprechen sich die Öffnung der Nordpassagen für die Schifffahrt und einen leichteren Zugang zu den Gas- und Ölvorkommen in Alaska und Sibirien, die 40 Prozent der Weltreserven ausmachen. Doch diese positiven Aspekte wiegen wenig im Vergleich zu den negativen. Deren gravierendster wäre kurzfristig wohl die Störung des Golfstroms. Erste Untersuchungen haben ergeben, dass sich seine Umwälzgeschwindigkeit zwischen 1950 und 2000 um 20 Prozent verringert hat, was in absehbarer Zukunft unter anderem zu einem vorübergehenden Temperaturabfall in Europa führen könnte.

Klimaentwicklung und Bodenschätze in der Arktis

Klimaentwicklung und Bodenschätze in der Arktis

Foto: © Le Monde diplomatique

Permafrostböden tauen auf

Auf globaler Ebene wird das Abschmelzen der Polkappen wahrscheinlich die Erderwärmung beschleunigen, weil die Brechung der Sonnenstrahlung abnimmt. Denn Eis reflektiert 80 Prozent der Sonnenstrahlung, vegetationsloser Boden 30 Prozent und Meerwasser nur 7 Prozent. Schon jetzt beginnen stellenweise die Permafrostböden aufzutauen, auf denen Häuser und Straßen gebaut wurden. Die Erwärmung setzt zudem das in den Böden durch die Kälte gebundene Methan frei, das als wichtiges Treibhausgas seinerseits wiederum zur Erwärmung führt.

Trotz dieser Gefahren hat sich der 1996 gegründete Arktische Rat, dem unter anderen die USA, Kanada und Russland angehören, auf keine einzige Gegenmaßnahme einigen können. Dabei führt nicht das Abschmelzen der Nordpolkappe an sich zum Ansteigen der Weltmeere, da das Eis ja bereits auf dem Wasser schwimmt. Mit dem Schwinden der Eisdecke Grönlands und der terrestrischen Gletscher könnte der Meeresspiegel jedoch erheblich steigen.

Meeresspiegel steigt bereits an

Die Daten des Forschungssatelliten »Topex-Poseidon« ergeben einen jährlichen Anstieg des Meeresspiegels um 2,4 Millimeter, was hochgerechnet bis zur nächsten Jahrhundertwende 25 Zentimeter bedeuten würde. Doch immer mehr Rechenmodelle prognostizieren einen Anstieg von einem oder gar mehreren Metern, falls sich der Abschmelzprozess in bestimmten Regionen der Antarktis fortsetzt.

Trotz verbleibender Unsicherheiten nimmt man an, dass das Phänomen zu einem Drittel allein von der Ausdehnung des durch den Treibhauseffekt erwärmten Meerwassers verursacht wird. Ein zweites Drittel käme vom Abschmelzen der Gletscher. Zum restlichen Drittel trägt nach neueren Forschungen auch der Südpol um die 15 Prozent bei.

Die Arktis wird wärmer - Messdaten vom Nordpol

Die Arktis wird wärmer - Messdaten vom Nordpol

Foto: © Le Monde diplomatique

Auch Antarktis schmilzt

Noch vor kurzem waren die Wissenschaftler überzeugt, dass nur die antarktische Halbinsel betroffen sei. Hier ist die Temperatur zwischen 1974 und 2000 um durchschnittlich 3 Grad gestiegen, und hier löste sich im März 2002 eine 3.250 Quadratkilometer große Eisplatte vom so genannten Larsen-Schelf.

Würde das gesamte Eis der Halbinsel schmelzen, würde der Meeresspiegel zusätzlich um 45 Zentimeter ansteigen. Allerdings ist dieses Eis nicht direkt mit der Polkappe des Kontinents verbunden, von der man bisher annahm, dass sie stabil und für mindestens ein weiteres Jahrhundert von der globalen Erwärmung nicht beeinflussbar sei.

Doch im Oktober 2004 teilte die US-Raumfahrtbehörde NASA mit, sie rechne bis 2050 mit einem Temperaturanstieg um 3,6 Grad Celsius in einigen Teilen der Antarktis, während eine Forschergruppe des British Antarctic Survey zum Ergebnis kam, dass der westliche Teil jährlich ein Volumen von 250.000 Kubikmeter Eis verliert.

Wenn sich der Prozess beschleunigt, könnte das Wasser aus dieser Region in absehbarer Zeit ein Ansteigen der Meere um 8 Meter bewirken. Im Moment scheint die östliche Antarktis noch nicht betroffen zu sein. Sie ist der mit Abstand massivste Teil – ihr Eisvolumen entspräche, wenn es schmelzen würde, einem Anstieg der Meere um 64 Meter.

Klimaentwicklung in der Antarktis

Klimaentwicklung in der Antarktis

Foto: © Le Monde diplomatique

Nahrungskette der Ozeane gefährdet

Das Schmelzen des Antarktis-Eises könnte die Meeresfauna stark beeinträchtigen. So sollen die Krillschwärme in den vergangenen dreißig Jahren schon um 80 Prozent abgenommen haben. Der Krill ist ein garnelerartiger Kleinkrebs, der sich von unter dem Eis lebenden Algen ernährt. Für die Nahrungskette der Ozeane ist er äußert wichtig, weil er vielen Fischen, Tintenfischen und Walen als Lebensgrundlage dient – die bereits durch Überfischung und Korallenbleiche gefährdet ist.

Autor: Frederic Durand

Frederic Durand lehrt Geografie an der Universität Toulouse-l-Le Mirail; er ist Autor von “La Jungle, la Nation et le Marché. Cronique indonésienne, Paris (L’Atalante) 2001.

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