Das unaufhaltsame Wachstum der Städte

Stadtluft macht frei, hieß es schon im Mittelalter, weil leibeigene Bauern sich in den Städten dem Zugriff ihrer Dienstherren entziehen konnten. Viele Millionen Menschen, die heute vor allem in Asien und Afrika in eine Metropole ziehen, landen allerdings in Slums und Armutsvierteln.

Zunahme der Stadtbevölkerung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es auf der Welt 11 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern. 1950 waren es 80, 1990 schon 276, 2000 fast 400, und 2015 werden es wahrscheinlich 550 sein. Die Verstädterung der Welt bedeutet nicht nur eine statistisch erfassbare Bevölkerungskonzentration, sondern sie verändert auch Landschaften, Menschen und Institutionen, die sich allesamt zunehmend einem »städtischen Geist« unterzuordnen haben.

Mobilität und Autonomie nimmt zu

Die Sitten und Gebräuche werden »urbanisiert«, das stadttypische Leben wird zur Norm: Es ist das einer Gesellschaft von Individuen, deren Kennzeichen Mobilität, eine damit einhergehende relative Autonomie und ein gleichförmiger, sich jeden Tag wiederholender Lebensrhythmus ist.

Die Stadt - ein glücklicher Zufall der Geschichte?

Der französische Historiker Fernand Braudel sprach von der Stadt einmal als einem »glücklichen Zufall der Geschichte «. Entstanden ist sie um dieselbe Zeit wie der Ackerbau, also vor acht bis zehn Jahrtausenden. Und jetzt, zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, erleben wir den – in der Menschheitsgeschichte nie da gewesenen – unaufhaltsamen Niedergang des bäuerlichen Lebens und das Verschwinden der ländlichen Kulturen.

Die Städte wachsen langsamer

Die Städte wachsen langsamer

Foto: © Le Monde diplomatique

Verstädterungsprozess weltweit

Der Verstädterungsprozess verläuft von Kontinent zu Kontinent unterschiedlich. In Europa lebt die Bevölkerung mehrheitlich in einem diffus urbanen Raum, wo die Städte ins zersiedelte Umland ausgreifen und sich vernetzen. In Europa gibt es nur wenige Ballungsräume, in denen sich wie in Greater London, Moskau oder im Großraum Paris mehrere Millionen Menschen zusammendrängen.

In Afrika wachsen die Städte am schnellsten

In Afrika wachsen die Städte am schnellsten

Foto: © Le Monde diplomatique

Wachstum der Megacities

Auf den beiden amerikanischen Subkontinenten hingegen finden sich zahlreiche »Megacitys«: São Paulo, Buenos Aires, Mexiko-Stadt, New York, Los Angeles haben alle mehr als 15 Millionen Einwohner. In Asien beschleunigt sich derzeit das Tempo der Verstädterung. Im Jahr 2020 werden dort etwa zehn Megalopolen an die Zwanzig-Millionen-Grenze stoßen – unter anderem Mumbai (Bombay), Karatschi, Shanghai, Dhaka, Djakarta und Tokio.

Autostadt Los Angeles

Autostadt Los Angeles

Foto: © Le Monde diplomatique

In Ozeanien leben bereits 75 Prozent der Menschen in Städten. In Afrika ist die Entwicklung der Städte regional unterschiedlich, doch gibt es auch hier riesige Ballungszentren wie Kinshasa, Kairo oder Lagos, wo im Jahr 1950 300.000 Menschen lebten, während es heute fast 10 Millionen sind.

Große soziale Unterschiede

Innerhalb ein und derselben Stadt bestehen zwischen den Stadtvierteln häufig krasse soziale Unterschiede. In den Elendsvierteln – ob sie nun als squats, slums oder favelas, bidonvilles, kampong oder gecekondu bezeichnet werden – haust eine Mehrheit der städtischen Bevölkerung. Würde man diese Menschen auf ihrem Fleckchen Erde legalisieren, könnte man ihre Lebensumstände erträglicher machen und zugleich die Macht mafioser Organisationen zurückdrängen.

Im Süden leben die meisten in Slums

Im Süden leben die meisten in Slums

Foto: © Le Monde diplomatique

Die »besseren« Wohngegenden werden hingegen mehr und mehr zu abgeschotteten Enklaven, zu gated communities, die sich bei der oberen Mittelklasse und den Neureichen wachsender Beliebtheit erfreuen, in Los Angeles nicht anders als in Rio, Istanbul, Neu-Delhi, Moskau, Rom oder Toulouse. Hier bildet sich eine diskriminierende Urbanität aus, in der sich der Gemeinsinn auf eine Interessengemeinschaft von Gleichgestellten reduziert.

Städte als Kommunikations- und Verkehrszentren

Bei den ausfransenden Siedlungen in den »grünen Speckgürteln« kann man nicht eigentlich von Urbanisierung sprechen, hier wird lediglich eine zusammenhängende, mehr oder weniger dichte Bebauung ohne architektonische oder städtebauliche Einheit betrieben. Anders die so genannten Weltstädte: Sie haben eine Börse, sind Firmensitz großer Konzerne, beherbergen die besten Rechtsanwaltskanzleien, Werbeagenturen, Steuerberatungsfirmen, außerdem sind sie mächtige Kommunikations- und Verkehrszentren mit großen Flughäfen und üben mit alledem Einfluss und Kontrolle über die Weltwirtschaft aus.

Umweltbelastung wird zur Herausforderung

Von den zunehmenden sozialen Spannungen abgesehen stehen die Städte heute vor neuen Umweltproblemen. Die Wasserversorgung wird zunehmend zum Konfliktfall selbst zwischen einzelnen Wohnvierteln. Jeder vierte Erdenbürger hat derzeit keinen Zugang zu diesem knapper werdenden Gut, während die industrielle Landwirtschaft verschwenderisch damit umgeht und die privaten Haushalte unnötig viel verbrauchen (siehe Seite 15). Nicht zuletzt belasten die modernen Städte die Gesamtbilanz dernicht erneuerbaren Energieressourcen, weil hier riesige Mengen an Strom und Gas für Heizung und Klimaanlagen verbraucht werden.

Dynamik der Urbanisierung

Dynamik der Urbanisierung

Foto: © Le Monde diplomatique

Stadt als Chance oder Scheinwelt?

Nachdem sich der motorisierte Individualverkehr allgemein durchgesetzt hat, steigen in Städten und Ballungsräumen außerdem die Luftverschmutzung und die Lärmbelastung stark an. Hinzu kommt, dass offenbar immer weniger Menschen den öffentlichen Raum tatsächlich nutzen. Dabei schaffen städtische Gebäude und Plätze als öffentliche Orte doch die Voraussetzung dafür, dass sich eine Gesellschaft als Ganzes überhaupt formieren kann. Die Stadt wird sich eines Tages vielleicht als eine traurige Scheinwelt entpuppen, in der vom »glücklichen Zufall der Geschichte« nicht mehr viel übrig ist.

Autor: Thierry Paquot

Thierry Paquot ist Professor für Philosophie an der Universität Paris-XII; Darüber hinaus ist er Autor von “Demeure terrestre. Enquéte vagabonde sur l’habiter”, Paris (Les Editions de l’Imprimeur) 2005.

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