Silberstreif am Horizont

Wer in diesem Atlas liest, läuft Gefahr, von lähmender Verzweiflung erfasst zu werden. Die Probleme, die hier dokumentiert sind, wirken so ernst und allgegenwärtig, dass man sich fragt, was man gegen den übermächtigen Status quo noch ausrichten kann. Und doch wäre es kontraproduktiv, sich dieser Verzweiflung zu überlassen. Wir müssen ihr vielmehr verstehen, wenn wir unser gemeinsames Ziel erreichen wollen, nämlich für die Menschen und für das ganze Ökosystem eine bessere Zukunft zu sichern.

Resignation versus Hoffnung

Als Journalist, der seit mehr als zwanzig Jahren über Politik und Ökologie schreibt, nehme ich mich von diesem Defätismus-Vorwurf nicht aus. Meine Zunft ist Teil des Problems. Wer von uns würde nicht verzagen, wenn er tagtäglich Meldungen von Kriegen, Epidemien und anderem Unheil liest? Mitschuld tragen aber auch Umweltschützer und Verfechter des sozialen Wandels. Mit ihrem Lamento scheinen sie den Menschen alle Hoffnungen und Visionen rauben zu wollen, ohne die der Kampf für eine bessere Zukunft von vornherein verloren ist.

Was können Menschen tun?

Sie wissen schon, wovon ich rede: dieser todernste bis tragische Ton von Verlautbarungen, in denen gnadenlos alles heruntergebet wird, was in der Welt schief läuft, ohne ein Wort davon, was man besser machen könnte. In diese Falle tappen auch so kluge und wohlmeinende Leute wie Al Gore. Vor kurzem kam »An Inconvenient Truth« heraus, ein Dokumentarfilm, in dem Clintons einstiger Vize den Klimawandel wirklich gut erklärt, mitsamt wissenschaftlichen Fakten und möglichen Folgen, aber er sagt fast nichts zu der Frage, was die Menschen dagegen tun können.

»Ein brillanter Diavortrag«, meinte Rocky Anderson, der Bürgermeister von Salt Lake City nach der Premiere, »aber danach willst du dir einen Strick nehmen. Es fehlten einfach die Lösungen.« Nachdem er den Film gesehen hatte, verfasste Anderson einen Vortrag, in dem er davon erzählt, wie seine Stadt die Emission von Treibhausgasen drastisch reduziert hat – und wie dabei auch noch Geld in die Kasse floss. »Eine positive Botschaft ist wichtig«, meint Anderson, »die Leute reagieren ganz wunderbar auf die Aussage: Ja, es gibt schwer wiegende Probleme, aber wir packen sie an, und wenn wir es richtig machen, können wir es schaffen.«

Probleme anpacken

Anderson ist gottlob nicht der einzige Umweltpolitiker, der das begriffen hat. Immer mehr grüne Aktivisten in den USA reden heute weniger über mögliche Katastrophen und mehr über praktische und sogar ökonomisch lohnende Lösungen. Wie zum Beispiel Betsy Taylor, die Gründerin des Center for a New American Dream: »Wir haben beschlossen, in Zukunft die Hälfte unserer Zeit dafür zu verwenden, den Leuten zu zeigen, wie man die Probleme lösen und damit auch noch ein besseres Leben haben kann.«

Woher kommt dieser Wandel? Die Aktivisten haben sich auf einen Grundzug der menschlichen Natur besonnen: Wenn man die Menschen mit zu vielen schlechten Nachrichten und unlösbaren Problemen konfrontiert, langweilt man sie, und sie schalten buchstäblich ab. Das ist wie bei einer Fußballmannschaft, die überzeugt ist, dass der Gegner überlegen und der Schiedsrichter sowieso gekauft ist. Wer wie ein Verlierer denkt, wird auch verlieren.

Wie wir gewinnen können

Nicht dass mich jemand falsch versteht: Ich plädiere nicht dafür, die harten Fakten zu schönen oder auf kleine Schritte zu setzen, wo radikale Lösungen vonnöten sind, sondern empfinde es als meine journalistische Pflicht, kompromisslos die Wahrheit zu sagen. Aber ich möchte, dass wir die ganze Wahrheit sagen. Ich habe es satt, mir ständig anzuhören, dass »die Guten« verlieren, ich will wissen, wie wir gewinnen können.

Viele Menschen und Organisationen sind aktiv

Was in diesem Atlas zu kurz kommt, sind Informationen über die »positiven Aktivitäten«. Dabei gibt es viele Menschen und Organisationen – im öffentlichen wie im privaten Bereich, im Norden wie im Süden der Welt –, die mit langem Atem und erfolgreich an Problemlösungen arbeiten. Über diese Menschen sollten wir genauso viel erfahren wie über das, wogegen sie kämpfen.

So haben sich zum Beispiel in den USA, obwohl die Bush-Regierung die Umweltbewegung anfeindet, 275 Städte verpflichtet, den Ausstoß von Treibhausgasen weit stärker zu reduzieren, als vom Kyotoprotokoll verlangt. Und es kommen ständig neue Städte dazu. Gouverneur Arnold Schwarzenegger setzt im größten und politisch wichtigsten US-Bundesstaat, Kalifornien, ernsthaft auf Ökologie – nicht zuletzt weil die kalifornischen Wähler das wollen.

Schwarzenegger schafft 1 Million Solardächer

In Sachen Klimawandel ist Schwarzenegger mit Bush über Kreuz, seit er 2005 versprochen hat, dass Kalifornien seinen Ausstoß an Klimagasen bis 2020 um 20 Prozent und bis 2050 um 80 Prozent reduzieren wird. Aber der Gouverneur redet nicht nur, er tut auch was. Zum Beispiel unterstützt er ein Programm, das eine Million Solardächer schaffen soll und damit die größte Solarenergiekampagne der Welt darstellen dürfte.

Er hat in Kalifornien ein Gesetz durchgebracht, das 30 Prozent weniger Ausstoß von Treibhausgasen für Autos vorschreibt, und hält trotz einer Klage der Autoindustrie und der US-Regierung daran fest. Und er redet mit den anderen Westküstenstaaten, Oregon und Washington, darüber, handelbare Emissionsrechte nach EU-Vorbild einzuführen.

Das Ganze macht auch deshalb Mut, weil Kalifornien die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt ist. Seine Entscheidungen könnten also nicht nur auf andere Regierungen, sondern auch auf multinationale Konzerne abfärben. Inzwischen steht der Emissionshandel auch in New York und in sieben anderen Staaten im Nordosten der USA zur Debatte. Das macht dann, zusammen mit Kalifornien, die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Ihre künftige Politik (Verbesserung der Energieeffizienz, Förderung von Windrädern und Solaranlagen) könnte einen Schub für die alternative Energietechnologie bedeuten und die Kosten so weit senken, dass sie für jedermann erschwinglich wird.

Druck auf Wall Street wächst

Inzwischen erhöhen Investoren den Druck auf die großen Unternehmen und auf Wall Street, das Problem endlich ernst zu nehmen. Das »Investor Network on Climate Risk«, zu dem sich Pensions fonds und institutionelle Anleger zusammengeschlossen haben, droht der Industrie, dass ihre Anleger ihr Geld aus Firmen abziehen könnten, die den Klimawandel ignorieren. Und mittlerweile haben sich erstaunlich viele Großkonzerne zu der Zusage durchgerungen, ihre beanstandeten Praktiken zu verändern.

US-Umweltschützer erzielen ihre Siege allerdings zumeist nicht auf bundesstaatlicher Ebene, sondern in Einzelstaaten und in Städten und Kommunen. So hat das Parlament von Idaho beschlossen, seine Kohlekraftwerke für zwei Jahre stillzulegen. Und Maryland – mit einem Republikaner als Gouverneur – hat das Kyotoprotokoll unterzeichnet.

Nobelpreis für Umweltaktivistin

Außerdem sei an den Erfolg von Wangari Mathai erinnert: Die Wissenschaftlerin und Umweltaktivistin aus Kenia erhielt 2004 den Friedensnobelpreis, und zwar ausdrücklich für ihr Engagement in Sachen Umwelt. Eine der ermutigendsten Geschichten, die ich kenne, ist die der brasilianischen Stadt Curitiba, die Bill McKibben in seinem Buch »Hope, Human and Wild« beschrieben hat.

Curitiba hat sich aus einer höllischen Dritt-Welt-Stadt, die in Verkehr und Müll schier erstickte, in ein Modell für Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit verwandelt – obwohl die Stadt sehr arm ist. Das wurde möglich, weil die Menschen einen Bürgermeister gewählt haben, der hochfliegende Ideen entwickelt und dennoch unbeirrbar praktisch denkt. Jaime Lerner entwarf die Vision von einem weniger verschmutzten, sozial gerechteren Curitiba, begann dann aber, den Bürgern klar zu machen, dass diese Vision nur Wirklichkeit wird, wenn sie selbst dazu beitragen. Und das taten sie dann auch.

Wissen nutzen und die Welt verändern

Menschen wie Jaime Lerner können nicht nur eine Stadt, sondern ein ganzes Land und vielleicht sogar die Welt verändern. Es stimmt, unsere Erde ist in Gefahr, leider. Aber das muss nicht so bleiben. Wenn wir – durch diesen Atlas – Bescheid wissen über die Lage der Welt und dieses Wissen nutzen, um nicht auf die Hindernisse zu starren, sondern unserer Fantasie freien Lauf zu lassen – dann werden wir eine Welt schaffen, die es wert ist, gefeiert zu werden.

Autor: Mark Hertsgaard

Mark Hertsgaard ist amerikanischer Journalist und Autor von u. a. »Im Schatten des Sternenbanners«, München (Hanser) 2003, sowie »Expedition ans Ende der Welt. Auf der Suche nach unserer Zukunft«, Frankfurt/Main (Fischer) 2001.