Umweltzerstörung auf Chinesisch

Chinas rasantes Wirtschaftswachstum führt zu gewaltigen Umweltschäden, die die Lebensqualität der Chinesen in den Städten wie auf dem Lande stark beeinträchtigen. Inzwischen hat auch auf Regierungsebene die Diskussion über die ökologischen Probleme begonnen.

Belastung der natürlichen Ressourcen

In China lebt fast ein Viertel der Weltbevölkerung. Entsprechend kolossal ist die Ausbeutung und Belastung seiner natürlichen Ressourcen.

Das gilt vor allem für den Osten des Landes, wo zwei Drittel seiner Einwohner leben. Hier hat sich die ganze Geografie in nur wenigen Jahrzehnten drastisch verändert.

Süd-Nord-Kanal als Lösung für den Wassermangel

Die tief greifenden ökologischen Veränderungen sind inzwischen nicht mehr zu übersehen. Der Gelbe Fluss (Huang Ho), einer der größten Ströme der Welt, an dessen Ufern die Kultur Nordchinas ihren Ursprung hat, war zum Beispiel im Jahr 1997 an seiner Mündung ausgetrocknet, weil schon an seinem Oberlauf zu viel Wasser für landwirtschaftliche Zwecke abgezapft worden war. Und 2003 sank sein Pegel auf den niedrigsten Stand seit einem halben Jahrhundert.

60 der 560 großen und kleineren Flüsse Chinas drohen zu versiegen oder sind bereits ausgetrocknet. Um den Wassermangel in den Nordprovinzen und in Peking (Beijing) zu beheben, wurde ein pharaonisches Projekt in Angriff genommen. Ein mehr als 1.600 Kilometer langer Süd-Nord-Kanal wird einmal Wasser aus dem Jangtse in den Gelben Fluss einspeisen.

Ausbreitung der Wüste

Im Norden Chinas fällt die Wüste aus dem Himmel: Die Trockenheit führt immer häufiger zu Sandstürmen, die immer schwerere Schäden verursachen. Fast die Hälfte des Territoriums leidet bereits unter der Bodenerosion.

Damit rückt auch die Wüste immer weiter nach Osten vor und frisst jedes Jahr 2.500 Quadratkilometer Nutzfläche auf. Heute sind die ersten Sanddünen schon 70 Kilometer vor Peking angelangt.

Auswirkungen der Umweltveränderungen

Der Temperaturanstieg – um 1,5 Grad seit 1950 – lässt die Himalajagletscher abschmelzen, die den Gelben Fluss speisen. So hat der Halonggletscher innerhalb von dreißig Jahren 17 Prozent seiner Masse verloren.

Am Unterlauf des Gelben Flusses beeinträchtigt die Bodenerosion die landwirtschaftlichen Erträge, und überall in China sind die Bauern vom Absinken des Grundwasserspiegels betroffen.

Überflutungen im Süden durch Abholzung

Dem Norden droht also die Dürre, dem Süden dagegen die Sintflut. Die Überschwemmungen von 1998, die entlang dem Jangtse 4.000 Menschenleben forderten und 18 Millionen Menschen obdachlos machten, hatten ihre Ursache darin, dass an den Flussufern 85 Prozent des Baumbestands abgeholzt wurden. Die Regierung verbot nach dieser Katastrophe jeden weiteren Holzeinschlag.

Seitdem geht die Entwaldung der Bergregionen langsamer voran, aber die chinesische Industrie musste Holz importieren, um ihren wachsenden Bedarf zu decken. Die Überschwemmungen in China heizten also den Raubbau an den Wäldern in Russland und Südostasien an, aus denen ein Großteil der illegalen Holzimporte stammt.

Foto: © Le Monde diplomatique

Klimabelastung - im Weltmaßstab gering

Klimabelastung - im Weltmaßstab gering

Foto: © Le Monde diplomatique

Landwirtschaft – Nachfrage größer als Angebot

China ist nicht nur der größte Kunstdüngerkonsument der Welt, es ist auch der weltweit fünftgrößte Erzeuger von genmanipulierten Agrarprodukten. Auf 3,7 Millionen Hektar werden transgenes Soja und Baumwolle angebaut.

Trotz der Industrialisierung seiner Landwirtschaft kann China die steigende Nachfrage nicht decken. Und wenn die wohlhabenden Schichten in China die heutigen US-amerikanische Konsumgewohnheiten übernommen hätten, würde das Land bereits 67 Prozent der weltweiten Getreide- und 76 Prozent der Fleischproduktion beanspruchen.

Bau des »Drei-Schluchten-Staudamms«

Auch der Energiebedarf Chinas wächst ins Gigantische. Das Land hat heute bereits die zweitgrößte Wasserkraftwerkskapazität der Welt. Am Jangtse ist mit dem Bau des »Drei-Schluchten-Staudamms« der größte Stausee der Welt entstanden, der mit seiner Wasserfläche von 58.000 Quadratkilometer größer ist als die Schweiz.

Dieses Projekt hat nicht nur die Umsiedlung von 1,2 Millionen Menschen erzwungen, es gefährdet auch die einmalige ökologische Vielfalt dieser Region und bedroht Tierarten wie zum Beispiel den Jangtse-Delfin, der nur in diesem Fluss vorkommt.

Steigender Konsum von Erdöl und natürlichen Rohstoffen

In China wurden 2004 2,5 Millionen private Kraftfahrzeuge produziert. Wenn dieser Trend weitergeht, wird das Land rasch zum weltweit größten Erzeuger von Treibhausgasen aufsteigen und die Preise für Erdöl und natürliche Rohstoffe weiter in die Höhe treiben. Bereits heute verbraucht China mehr als 40 Prozent der Weltkohleproduktion, bei Stahl und Nickel sind es 25 Prozent und bei Aluminium 19 Prozent.

Auf der Weltrangliste der Erdölkonsumenten hat China bereits Platz zwei (hinter den USA) erreicht und Japan hinter sich gelassen. Kein Land der Welt baut mehr Autobahnen. Derzeit kommen jährlich 5.000 Kilometer hinzu, womit das Schnellstraßennetz bis 2010 auf 70.000 Kilometer ausgebaut sein wird.

Steigende Umweltkosten

Ein Bericht der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften von 2004 kam zu dem Ergebnis, dass bei einer ungebremsten Fortsetzung dieser Entwicklung die sozialen Folgen und Umweltbelastungen so gravierend ausfallen würden, dass die Wachstumsrate um 2 Prozent reduziert würde. Für 2005 kalkulierten Beamte der Zentralregierung, dass die Umweltkosten bei 10 Prozent des Bruttonationaleinkommens liegen – ebenso hoch wie das Wirtschaftswachstum.

Aber in Peking scheint die Beschäftigung mit den ökologischen Problemen zuzunehmen. Premierminister Wen Jiabao hat sich sogar zur »ressourcenfreundlichen Gesellschaft« bekannt. Greenpeace sieht China in zehn Jahren als größten Wind- und Solarenergieproduzenten der Welt. Und selbst Ökosteuern auf Benzin, Abwasser und Emissionen scheinen nicht mehr undenkbar.

Autorin: Agnès Sinaï

Agnès Sinaï ist Mitglied der Französischen Kommission für nachhaltige Entwicklung (CFDD) und Koautorin von »Sauver la Terre«, Paris (Fayard) 2003, sowie der Dokumentarfilmreihe »Terriens amers, paradis perdus«, (Arte, 2006).

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