Ostasien meldet sich zurück

Die Länder Ost- und Mittelasiens gewinnen die Bedeutung zurück, die sie vor der Industriellen Revolution in Europa hatten. Der Aufstieg Asiens könnte die internationale geopolitische Balance ins Wanken bringen. Deshalb besteht die wichtigste Zukunftsaufgabe darin, diese Entwicklung in friedliche Bahnen zu lenken.

Großer Entwicklungsschub

In den letzten Jahrzehnten haben die meisten Länder Asiens einen großen Entwicklungsschub erfahren, der vor allem auf technologischer Modernisierung beruht. Innerhalb weniger Generationen sind Agrarländer zu Industrienationen geworden und vormals unbedeutende Staaten zu entscheidenden Akteuren auf dem Weltmarkt.

Entstehung neuer Industrieländer

Den Anfang hatte Japan gemacht. Auf dessen Spuren sind in Ostasien in weniger als vierzig Jahren weitere »neue Industrieländer« entstanden, die den Übergang von vorkapitalistischen Produktionsweisen zu einer kapitalistischen Ökonomie mit mittlerem bis hohem Nationaleinkommen geschafft haben.

China und Indien vollzogen die wirtschaftliche Neuorientierung in den 1980er- und 1990er-Jahren. Dabei hat China eine durchschnittliche Wachstumsrate von über 8 Prozent erreicht, sein Bruttoinlandsprodukt (BIP) mehr als versechsfacht und auf der Weltrangliste der Handelsnationen Platz drei erreicht.

In die Volksrepublik fließen mehr Ausländische Direktinvestitionen als in jedes andere der so genannten Schwellenländer: 2004 waren es 62 Milliarden Dollar. Im selben Zeitraum verzeichnete Indien eine durchschnittliche Wachstumsrate von 5 Prozent, die 2005 auf 7 Prozent anstieg.

Die 1990er-Jahre: ein Schlüsseljahrzehnt verändert das Gesicht der Welt

Die 1990er-Jahre: ein Schlüsseljahrzehnt verändert das Gesicht der Welt

Foto: © Le Monde diplomatique

Spezifische merkantilistische Politik

Die dynamische Entwicklung der Region ist nicht einfach die Folge einer Politik der wirtschaftlichen Öffnung und Liberalisierung. Vielmehr haben die einzelnen Staaten jeweils eine spezifische merkantilistische Politik betrieben, die zum Ziel hatte, die Industrialisierung durch Export zu fördern und die allmähliche Integration in die kapitalistische Weltwirtschaft selbst zu steuern.

Dass die meisten Staaten nach der großen Finanzkrise von 1997/1998 weiter auf Wachstum setzten,belegt die strukturelle Qualität ihrer Transformation, wobei allerdings die eingeschlagenen Entwicklungsstrategien von Land zu Land erhebliche Unterschiede aufweisen und in allen Ländern beträchtliche soziale und geografische Disparitäten fortbestehen.

Asien gewinnt seine zentrale Stellung zurück

Mit diesem grundlegenden Wandel gewinnt Asien innerhalb des globalen Wirtschafts- und Finanzsystems die zentrale Stellung zurück, die der Region vor dem Zeitalter der Kolonisierung und der europäischen Industriellen Revolution zukam.

Damals stammte ein Großteil der Manufakturprodukte der Welt aus Asien, schreibt der Wirtschaftshistoriker André Gunder Frank: »China und Indien waren die beiden ›zentralen‹ Regionen der Weltwirtschaft.« Dabei sei Indien durch seine »relativ und absolut hohe Produktivität« im Bereich der Textilerzeugung wettbewerbsfähig gewesen, insbesondere dank der Dominanz auf dem Weltmarkt für Baumwollstoffe.

Der Konkurrenzvorteil Chinas lag laut Frank in seiner noch höheren Produktivität im Bereich der Industrie, der Landwirtschaft, der (Binnen-)Schifffahrt und des Handels. Ähnliches galt auch für kleinere, aber wirtschaftlich erfolgreiche Länder, etwa für Siam (das heutige Thailand) und die Region Java und Insulinde (Indonesien).

Asien beherrscht bei Textilerzeugnissen den Weltmarkt

Der Historiker Paul Bairoch hat berechnet, dass um 1750 auf China 32,8 Prozent der weltweiten Güterproduktion entfielen, auf Europa dagegen nur 23,2 Prozent. Damals lebten in China 207 Millionen Menschen gegenüber 130 Millionen in Europa. 57,3 Prozent der Manufakturerzeugnisse der Welt kamen aus Indien oder China.

Und wenn man die Länder Südostasiens, Persien und das Osmanische Reich dazunimmt, lieferte Asien im weiteren Sinne (allerdings ohne Japan) nahezu 70 Prozent. Vor allem bei Textilerzeugnissen beherrschte Asien den Weltmarkt – genau in dem Bereich also, der in der Folge eine Schlüsselrolle für die Industrielle Revolution in Europa spielen sollte.

Kurze Geschichte der Weltmarktanteile

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Foto: © Le Monde diplomatique

Entstehung mehrerer Schwerpunkte bezüglich der Weltwirtschaft

Um das Jahr 1750 betrug das Bruttonationaleinkommen (BNE) pro Kopf (ausgedrückt in Dollar von 1960) in China 228 Dollar, in Europa hingegen nur 150 bis 200 Dollar. Damals leben zwei Drittel der Weltbevölkerung in Asien, das auch 80 Prozent des globalen BNE erzeugte. Fünfzig Jahre später lagen das chinesische und das europäische Bruttonationaleinkommen etwa gleichauf, aber Frankreich und England zusammen erzeugten bereits etwas mehr Manufakturgüter pro Kopf als China.

Während seit Beginn des 19. Jahrhunderts das Zentrum der Weltwirtschaft im Westen liegt, werden im 21. Jahrhundert mehrere Schwerpunkte entstehen. Die Herausbildung einer neuen Balance wird allerdings nicht ohne neue Spannungen abgehen. So heizt zum Beispiel der ständig wachsende Energiebedarf der chinesischen Wirtschaft eine Konkurrenz zwischen China und den USA hinsichtlich der Kontrolle der Rohstoffmärkte an, die potenziell gefährlich ist.

Vom 16. zum 18. Jahrhundert: die Anfänge der Weltwirtschaft

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Foto: © Le Monde diplomatique

Chinas Erdölimporte steigen

Das gilt vor allem für den Zugang zu fossilen Brennstoffen. Die Internationale Energiebehörde (IEA) schätzt, dass Chinas Erdölimporte bis 2010 auf 8 Millionen Barrel pro Tag steigen werden, bis 2030 sogar auf 10 Millionen. Damit wäre die Importmenge der USA aus dem Jahr 2000 erreicht. Die große globale Zukunftsaufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass die skizzierten Entwicklungen friedlich verlaufen.

Autor: Philip S. Golub

Philip S. Golub ist Journalist und Dozent für das Fach Internationale Beziehungen an der Universität Paris-VIII; er ist Koautor von »Global Regulation. Managing Crises After the Imperial Turn«, New York (Palgrave Macmillan) 2004.

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