Muslime, Christen und Buddhisten - das Südostasien der Religionen

Es gibt kaum einen Konflikt in der Region zwischen Burma, Bali und den Philippinen, der nicht unter religiösen Gesichtspunkten analysiert wird. Aber nur selten spielt der Islamismus hinein – in Wirklichkeit gehen die Gewalttätigkeiten meist auf soziale und politische Konflikte zurück.

Nachbarschaftliches Miteinander

Das Interesse an den Muslimen Südostasiens resultiert häufig aus ihrer angeblichen Feindseligkeit gegen Angehörige anderer Konfessionen, und zwar nicht nur im religiösen und kulturellen, sondern auch im sozialen und politischen Bereich.

Ein reines Vorurteil? Wer sich genauer damit befasst, wie der Islam vor fast tausend Jahren über den friedlichen Weg des Fernhandels seinen Einzug in Südostasien gehalten hat, wird allerdings kaum daran zweifeln, dass die dort lebenden Muslime zu einem nachbarschaftlichen Miteinander in der Lage sind.

Der Islam hat in der soziokulturellen Landschaft dieser Region seinen Platz unter den anderen Religionen gefunden, häufig sogar in enger Symbiose.

Die Anfänge des Islam in Südostasien

Die Anfänge des Islam in Südostasien

Foto: © Le Monde diplomatique

Unterschiedliche Religionen in Südostasien

In Indonesien sind von den 220 Millionen Einwohnern 87 Prozent Muslime. Auch die malaiische Bevölkerung Malaysias beruft sich auf den Islam, genau wie die Bewohner einiger Randgebiete Thailands oder der Philippinen. Der früh nach Südostasien importierte Hinduismus lebt bis heute in Glaubensgemeinschaften auf der Insel Bali weiter, wie auch in den indischen Vierteln von Großstädten wie Bangkok in Thailand oder Kuala Lumpur in Malaysia.

Die christlichen Religionen sind auch jenseits ihrer philippinische Hochburg fast überall vertreten. Ein Teil der chinesischen Diaspora ist unter europäischem Einfluss zum Christentum konvertiert, und in jüngster Zeit haben die Baptisten eifrig Missionsarbeit bei den Minderheiten der Hochländer geleistet, von Birma über Zentralvietnam bis hin nach Neuguinea. Der Buddhismus schließlich kann in Birma, Kambodscha und Thailand als Staatsreligion betrachtet werden.

Eher lokale Interessen als Konfliktursache

Die Unterwerfung des muslimischen Königreichs Patani durch das Thai-Königreich Siam gegen Ende des 18. Jahrhunderts war der Auslöser für lange andauernde Konflikte, die religiös eingefärbt waren.

Ähnliche Wirkung hatte auch der von den Kolonialmächten erzwungene Zusammenschluss christlicher und muslimischer Glaubensgemeinschaften auf den spanischen Philippinen und in Niederländisch-Indien, dem späteren Indonesien. Aber auch in jüngster Zeit waren es eher lokale Interessen als die Religionszugehörigkeit, die solche Konflikte auf die Spitze getrieben haben.

Religion als Konfrontationsgrund

Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 beginnt sich eine neue Lesart der Konflikte in Südostasien durchzusetzen. Ohne Rücksicht auf lokale Eigentümlichkeiten wird seitdem die Religion zum ausschließlichen Kriterium des Unterschieds, ja zum notwendigen und ausreichenden Grund für die Konfrontation erklärt.

Verstärkt wurde diese von den Theoretikern des »clash of civilizations« beförderte Sichtweise durch das Auftreten der islamischen Organisation Jemaah Islamiyah, einer regionalen extremistischen Bewegung in Indonesien, die mit dem weltweiten Al-Qaida-Netzwerk in Verbindung gebracht wird.

Keine Sympathie für die Jemaah Islamiyah

Was lässt sich im Jahr 2006 über diese Organisation sagen – vier Jahre nach dem mörderischen Anschlag auf eine Diskothek auf Bali, der Jemaah Islamiyah bekannt gemacht hat? Es handelt sich um eine Hand voll Leute, die seit langem von sich reden machten. Die ältesten waren sich in den 1970er-Jahren bei islamischextremistischen Abenteuern irgendwo zwischen Zentraljava, Malaysia und Afghanistan begegnet und wurden weitgehend außer Gefecht gesetzt.

Für diese Weltuntergangspropheten war es die größte Überraschung, dass die Jemaah Islamiyah trotz der oft ungeschickten westlichen Reaktionen auf ihre Attentate bei der allergrößten Mehrheit der Muslime in der Region keine Sympathie gefunden hat.

Viele Gläubige, viele Konflikte - aber nur wenige Glaubenskonflikte

Viele Gläubige, viele Konflikte - aber nur wenige Glaubenskonflikte

Foto: © Le Monde diplomatique

Attentate waren Schock für Muslime Südostasiens

Zwar gewinnt der Islam aus regionalen und globalen Gründen seine Identität stiftende Kraft zurück, doch blinde Gewalt stand nie auf dem Programm der politischen Bewegungen, die sich im Süden Thailands oder auf den südlichen Philippinen im Krieg mit der Zentralregierung befinden.

Ihre Kampfhandlungen sind heute wie gestern auf Ziele gerichtet, die durch ihre Aktionen nicht unglaubwürdig werden sollen. Zwar werden Fanatiker immer die Möglichkeit zu spektakulären Aktionen haben. Aber die Attentate waren für die allermeisten Muslime Südostasiens ein derartiger Schock, dass die meisten, manchmal sogar die radikalsten sie gegen jede Vernunft den »Feinden des Islam« zur Last legen, allen voran Israel und den USA.

Spannungen und Gewalt

Dabei ist es durchaus gerechtfertigt, über das Aufleben eines islamischen Neofundamentalismus beunruhigt zu sein, der in Südostasien wie anderswo nur Intoleranz und systematische Verdummung fördert.

Doch die Spannungen und die Gewalt, die diesen Teil Asiens erschüttern, sind ohne Zweifel anderen Gründen zuzuschreiben. Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Schwierigkeiten und soziale Ungleichheit wecken manchmal den verzweifelten Wunsch, die eigene Identität in Opposition zu einer als feindlich empfundenen herrschenden Ordnung auf spektakuläre Weise zur Geltung zu bringen.

Autor: Gabriel Defert

Gabriel Defert ist Journalist.

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