Kaschmir: Entspannung, aber keine Lösung

Im ehemaligen Himalaja-Fürstentum stehen sich Indien und Pakistan hochgerüstet gegenüber. Nach mehreren Kriegen gibt es erste Entspannungszeichen, und die Grenze wird allmählich durchlässiger – aber das Misstrauen bleibt.

Anschluss Kaschmirs an Indien

Das Fürstentum Kaschmir hat sich 1947 dem unabhängigen Indien durch einen Beitrittspakt angeschlossen, der juristisch unanfechtbar ist. Die Modalitäten des Anschlusses führten aber zu Konflikten und Kriegen mit den beiden Nachbarn Pakistan und China. Und auch im Verhältnis der Regionalhauptstadt Srinagar zur Zentrale in Neu-Delhi sorgte die Integration von Anfang an für böses Blut.

Von drei Nachbarmächten zerteilt

Von drei Nachbarmächten zerteilt

Foto: © Le Monde diplomatique

Unterwanderung der Autonomie

Denn Neu-Delhi hat die in diesem Pakt vorgesehene größtmögliche Autonomie des neuen Unionsstaates Jammu und Kaschmir, die 1951 im Artikel 370 der indischen Verfassung garantiert und 1952 durch das mit Premierminister Sheikh Abdullah unterzeichnete »Delhi Agreement« bestätigt wurde, systematisch unterwandert.

1953 ließ die indische Zentralregierung Sheikh Abdullah verhaften. Man verdächtigte ihn erneuter Unabhängigkeitsbestrebungen, nachdem seine Partei, die National Conference, bei den Wahlen von 1951 alle 75 Sitze der verfassunggebenden Versammlung von Jammu und Kaschmir gewonnen hatte. Diese stimmte dennoch 1957 der endgültigen Integration in die Indische Union zu. Ihre Beschlüsse liefen auf einen neuen, weniger autonomen Sonderstatus hinaus, der 1975 von Sheikh Abdullah selbst verbürgt wurde. Neu-Delhi hatte ihn nach fast zwanzigjähriger Freiheitsberaubung wieder an die Macht gebracht.

Unzufriedenheit mit eigener Führung

Zugleich entwickelte sich unter den Kaschmiris eine tiefe Unzufriedenheit mit der eigenen Führung. Autoritarismus, Vetternwirtschaft und Korruption machten zunichte, was die Bevölkerung sich von den Investitionen der indischen Zentralregierung erhoffen konnte. Die Wohltaten kamen nur einer Elite zugute.

Auch die Rückkehr Sheikh Abdullahs an die Macht änderte nichts daran. Nach seinem Tod im Jahr 1982 verschlimmerte sich die Situation. Neu-Delhi spielte offen den »Königsmacher« in Srinagar. Vor allem der gebildeten Jugend blieb damit jeder politische Einfluss verwehrt.

Demokratierungsprozess geht weiter

Der Diskreditierung der National Conference und der Wahlbetrug von 1987 gaben das Signal zum bewaffneten Kampf. An diesem beteiligten sich zunächst verschiedene Gruppen, von denen sich als wichtigste die unabhängige laizistische Jammu and Kaschmir Liberation Front (JKLF) hervortat. Doch im Lauf der Kämpfe übernahmen die von Pakistan unterstützten islamistischen Dschihadisten eine immer größere Rolle.

Nach mehr als zehn Jahren grausamer Repression und eskalierendem Terror sind heute die ersten Anzeichen von Entspannung zu bemerken. Seit 1996 knüpft Neu-Delhi wieder an den 1990 ausgesetzten Demokratisierungsprozess an. Zwar boykottierte die All Party Hurriyat Conference, einer Gruppierung separatistischer Parteien mit unterschiedlichen Zielen, die Wahl von 2002.

Aber trotz der Versuche, die Wähler einzuschüchtern, brachten diese als relativ frei eingestuften Wahlen die Autonomisten der demokratischen Volkspartei Peoples Democratic Party (PDP) an die Macht.

Politik der Normalisierung

Von Neu-Delhi unterstützt, verfolgt die PDP gegenüber den separatistischen Gruppierungen eine Politik der Normalisierung.

Es ist ihr gelungen, die gemäßigten Elemente der Hurriyat in den Dialog einzubinden, die mittlerweile überzeugt sind, dass die Dschihadisten-Gruppen der Sache Kaschmirs schaden, und die den bewaffneten Kampf für aussichtslos halten. Vor allem aber lassen Indien und Pakistan heute den gemeinsamen Willen erkennen, aus der Sackgasse herauszukommen.

Kein Referendum in Kaschmir

Bisher hatte die pakistanische Seite eine Volksabstimmung über die Zukunft ganz Kaschmirs verlangt, die nach Ansicht Indiens durch den Beitrittsbeschluss von 1957 gegenstandslos ist. Doch jetzt hat der pakistanische Präsident Pervez Musharraf seine Bereitschaft angedeutet, auf ein Referendum in Kaschmir zu verzichten.

Wünschenswert sei, beiden Teilen Kaschmirs weitestgehende Autonomie zu gewähren. Zudem schlug Musharraf vor, die Grenzlinie zwischen dem indischen Kaschmir (Jammu und Kaschmir) und dem pakistanischen Kaschmir (Asad Kaschmir) mit der Zeit »irrelevant« zu machen.

Eine Region, drei Religionen

Eine Region, drei Religionen

Foto: © Le Monde diplomatique

Lockerungen an der Grenze

Indien scheint indes bereit, die Kaschmiris in die Friedensgespräche mit Pakistan einzubeziehen. Konkrete Zeichen dieses Tauwetters sind Lockerungen an der Grenze. So wurde etwa eine tägliche Busverbindung zwischen Srinagar und Muzaffarabad, der Hauptstadt von Asad Kaschmir, eingerichtet.

Ihr soll möglicherweise eine zweite, zwischen Kargil und Skardu in den Nordgebieten, folgen. Auch erlaubte Neu-Delhi der Führungsspitze der Hurriyat, in die pakistanische Hauptstadt Islamabad zu reisen.

Hinduistischer Bevölkerung von Jammu und Kaschmir gerecht werden

Doch eine endgültige Lösung liegt noch in weiter Ferne. Außer dem eingefleischten Misstrauen zwischen Indien und Pakistan und den unberechenbaren Manövern von Präsident Musharraf bereitet eine andere Frage der Regierung in Neu-Delhi Kopfzerbrechen: wie sie den Forderungen der hinduistischen Bevölkerung von Jammu und Kaschmir gerecht werden soll, insbesondere denen der durch den Terror seit 1990 aus dem Kaschmirtal vertriebenen 350.000 Pandits.

Aber auch die hinduistische Bevölkerungsmehrheit in der Region Jammu und die Buddhisten der Region Ladakh wollen nicht dem Einfluss einer anderen Religion unterworfen sein. Dabei stellen die Muslime nicht nur im pakistanischen, sondern auch im indischen Teil Kaschmirs die Mehrheit der Bevölkerung.

Autor: Jyotsna Saksena

Jyotsna Saksena ist Dozentin am Institut National des Langues et Civilisations Orientales (Inalco), Paris.

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