Japan: kalte Freundschaft zu den USA

Die beiden pazifischen Mächte haben sowohl wirtschaftlich als auch vor allem militärpolitisch viele gemeinsame Interessen. Doch inzwischen werden die Rufe nach einem »Bündnis ohne Militärbasen« lauter.

Nachdem sich Japan 1868 der Welt wieder geöffnet hatte, orientierte es sich an europäischen Staats- und Entwicklungsmodellen. Die Niederlage von 1945 führte dann aber zu einer immer stärkeren Orientierung an den USA, die das Land bis 1952 besetzt hielten.

Vertiefung der bilateralen Beziehungen

Die daraus entstandenen bilateralen Beziehungen waren entscheidend für das ökonomische und geostrategische Gleichgewicht des Kalten Kriegs in Ostasien und im westlichen Pazifik. Seit 1989 versucht Tokio, sie zu vertiefen. Zugleich will es sich von dem Partner emanzipieren, dessen neue Rolle als globale Hegemonialmacht ihn noch unersetzlicher, zugleich aber auch weniger berechenbar macht.

Nippons Investoren in den USA

Nippons Investoren in den USA

Foto: © Le Monde diplomatique

Unterwanderung der wechselseitigen Abhängigkeit durch China

Auch wirtschaftlich waren die USA ein halbes Jahrhundert lang der wichtigste Partner Japans. Mit den Dollarerlösen seiner enormen Exportüberschüsse kaufte Japan US-Staatsanleihen und finanzierte damit zum Teil die Handels- und Haushaltsdefizite Washingtons.

Die ausgewogene wechselseitige Abhängigkeit, die sich trotz vieler Reibungen daraus ergab, wird heute durch den rasanten Aufstieg Chinas unterlaufen: Seit einigen Jahren hat Peking als Großkäufer von US-Schatzanweisungen Tokio abgelöst und ist zugleich der wichtigste Handelspartner Japans geworden, was dessen schwierige wirtschaftliche Erholung unterstützt.

Die antiamerikanischen Nationalisten Japans sehen in dieser Entwicklung eine Schwächung des Verhältnisses zu den USA. Für die proamerikanischen Nationalisten dagegen ist eine Vertiefung der Beziehungen mit Washington unerlässlich, damit das Land seine Position behaupten kann.

Wo Japan investiert

Wo Japan investiert

Foto: © Le Monde diplomatique

Eingeschränkter Handlungsspielraum

Auf der strategischen Ebene bleibt der 1952 geschlossene Vertrag mit den USA für die Sicherheit Japans lebenswichtig. Obwohl Tokio heute eine mächtige Armee besitzt und mit fast 50 Milliarden Dollar das – nach Angaben des Friedensforschungsinstituts Sipri für das Jahr 2005 – vierthöchste Militärbudget der Welt aufzuweisen hat, wird sein Handlungsspielraum durch die Verfassung stark eingeschränkt. Dies gilt insbesondere in Hinblick auf ballistische Waffen, über die nicht nur Nordkorea verfügt, sondern vor allem China, das seine regionale Vormacht wiederherstellen möchte.

Die Eindämmung der »chinesischen Bedrohung« – dieser Ausdruck wurde 2004 erstmals gebraucht – ist die größte strategisch-diplomatische Sorge Tokios. Weitere Prioritäten sind die Stabilisierung der koreanischen Halbinsel, der Einfluss im Mittleren Osten, auf dessen Öl Japan angewiesen ist, und das Streben nach einem Ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat.

Wachsende militärische Zusammenarbeit mit den USA

Keines dieser Ziele kann ohne Unterstützung Washingtons erreicht werden. Diese Abhängigkeit äußert sich seit gut zehn Jahren in der Teilnahme an bilateralen Raketenabwehrplänen und der wachsenden militärischen Zusammenarbeit, neuerdings auch in den Diensten der japanischen Marine beim Transport von US-Truppen nach Afghanistan (2001) und in der Entsendung von 600 Soldaten in »humanitärer Mission« in den Irak (2004).

Mit neuen Richtlinien für die Anwendung des Sicherheitsvertrags (1996) verpflichtete sich Tokio gegenüber den US-Streitkräften zu logistischer Hilfe, sollte es im asiatischen Raum – entsprechend der Erklärung vom Februar 2005 einschließlich Taiwans – zu einer Krise kommen. So hat Japan seinen Status als Protegé überwunden und ist zum aktiven Partner der Supermacht USA geworden.

Partnerschaft begrenzt

Diese Partnerschaft bleibt jedoch begrenzt. Die japanischen Streitkräfte dürfen sich nicht an Kampfhandlungen beteiligen, und ihre Missionen außerhalb Asiens werden nur durch befristete Übergangsgesetze gebilligt. Zum großen Ärger der Falken im Pentagon bekräftigt Tokio bei jeder Gelegenheit den Vorrang der UNO vor einseitigen Aktionen und die Verweise auf Friedensprinzipien der japanischen Verfassung, die auf einem breiten nationalen Konsens beruhen.

Distanzierung von Washington

Mehrfach hat Japan sich zum Schutz seiner nationalen Interessen entschieden, anderweitige Partnerschaften zu verstärken, insbesondere in Korea und im Mittleren Osten, wo es mit dem Iran, von dem es 16 Prozent seines Rohöls bezieht, und den diversen arabischen Regimen kooperiert. Damit geht man auf Distanz zu den Neokonservativen in den USA, die ihre »demokratische Mission« notfalls auch militärisch durchsetzen wollen.

Von Washington abgesetzt hat sich Tokio auch durch die Ratifizierung des Kiotoabkommens, die Unterzeichnung der Ottawa-Konvention zur Ächtung von Antipersonenminen und sein Engagement bei der Etablierung des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH).

Ruf nach einem »Bündnis ohne US-Militärbasen«

Unklar ist, ob die Doppelstrategie gegenüber Washington auf Dauer trägt. Der Ruf nach einem »Bündnis ohne US-Militärbasen« ist in der Öffentlichkeit neuerdings lauter zu hören. Eine Rolle spielen dabei auch die von US-Soldaten insbesondere auf Okinawa begangenen Verbrechen – und der neonationale Wind, der im ganzen japanischen Archipel zu spüren ist.

Autor: Jean-Marie Bouissou

Jean-Marie Bouissou ist Historiker am Centre d’études et de recherches internationales und Autor von »Quand les sumos apprennent à danser. La fin du modèle japonais«, Paris (Fayard) 2003.

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