Die Welt aus der Sicht Neu-Delhis

Die indische Regierung sucht bessere Beziehungen zu China und Südostasien. Auch der Kontakt zu Russland wird intensiver. Doch der wichtigste Partner Neu-Delhis sind die USA – sie sollen Indien den Weg zur Großmacht ebnen.

Indische Außenpolitik

Die indische Außenpolitik bemüht sich sowohl um ein Gleichgewicht der Beziehungen zu den wichtigsten Machtzentren der Welt als auch um einen Ausgleich mit seinen unmittelbaren Nachbarn.

Angesichts dessen ist die Annäherung an Washington geradezu spektakulär. Nach den Atomtests von 1998 hatte es noch eine kurze Spannungsphase gegeben, weil die USA Sanktionen verhängt hatten.

Strategische Partnerschaft zwischen Indien und USA

Doch schon 2001 haben Indien und die USA eine strategische Partnerschaft geschlossen. Die verbleibenden Unstimmigkeiten, besonders in Hinblick auf das indische Nuklear- und Weltraumprogramm, wurden Anfang 2006 durch die Vereinbarung überwunden, die seit 1974 bestehenden Lieferbeschränkungen für zivile Atomtechnologie zu beenden.

Und dies, obwohl Indien den Atomwaffensperrvertrag immer noch nicht unterschrieben hat. Im Gegenzug verpflichtete sich Neu-Delhi, seine zivilen Anlagen den Inspektionen der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zu unterstellen, nachdem es diese aus dem militärischen Nuklearkomplex herausgelöst hatte.

Dieser Kurswechsel sorgt für Unruhe im Land. So wird es als Verlust einer unabhängigen Außenpolitik moniert, dass Indien im Rahmen der IAEA auf Druck der USA gegen den Iran und sein Atomprogramm stimmte, obwohl Neu-Delhi mit Teheran über ein Gasleitungsprojekt verhandelt, das für Indien von vitalem Interesse ist.

Auf der Suche nach neuen Partnern

Auf der Suche nach neuen Partnern

Foto: © Le Monde diplomatique

EU erster Handelspartner

Die Europäische Union ist zwar zum ersten Handelspartner Indiens aufgestiegen und zeichnet auch für die meisten neuen Direktinvestitionen verantwortlich, aber für die Inder tritt die EU politisch zu wenig in Erscheinung, trotz der indisch-europäischen Gipfel, die seit 2000 einmal im Jahr stattfinden und den Dialog so weit vorangebracht haben, dass 2004 eine strategische Partnerschaft beschlossen wurde.

Verstärkung der Handelbeziehungen zu Russland

Die Beziehungen zu Russland haben sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelockert, genießen aber auch dreieinhalb Jahrzehnte nach dem indisch-sowjetischen Freundschaftsvertrag von 1971 weiterhin große Bedeutung. Außer einer engen militärischen, nuklearen und raumfahrttechnologischen Zusammenarbeit wollen beide Länder ihre Handelsbeziehungen verstärken und Projekte für die gemeinsame Nutzung von Öl- und Gasquellen vorantreiben.

Der Besuch Wladimir Putins im Dezember 2004, schon der dritte seit 2000, und weitere hochrangige Treffen lassen gleichartige Interessen erkennen, aber auch dieselbe Einschätzung separatistischer Bestrebungen in multikonfessionellen Vielvölkerstaaten, des radikalen Islamismus und der Veränderungen in den zentralasiatischen Diktaturen. Indien will insbesondere eine islamische Zone unter Einschluss Pakistans verhindern und zugleich von den reichen Energiequellen der Region profitieren.

Politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Ostasien

Im Rahmen einer Politik, die vor allem »nach Osten« blickt, durchbricht Neu-Delhi auch seine traditionelle Isolierung gegenüber Ostasien, das ein rasantes Wirtschaftswachstum erlebt und wegen des chinesischen Einflusses eine latente Gefahr für die Sicherheit Indiens darstellt.

Als Dialogpartner der Association of South-East Asian Nations (Asean) und deren regionalem Sicherheitsforum hat Indien 2003 ein Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit und den Aufbau einer Freihandelszone mit den Asean-Staaten geschlossen, die freilich eher von politischer als von wirtschaftlicher Bedeutung ist. Zugleich hat Neu-Delhi die Handelsbeziehungen zu Japan, Singapur und Südkorea verstärkt, wie auch die militärische Zusammenarbeit mit Vietnam, Malaysia, Indonesien und Thailand.

Annäherung an China

Obwohl die Stärke Chinas ein beunruhigender Faktor bleibt, schlagen die indischen Machthaber auch gegenüber Peking eine neue Linie ein. Seit dem Chinabesuch das damaligen Premierministers Vajpayee im Jahr 2003 besteht der wechselseitige Wille, die alten territorialen Streitigkeiten in einer »politischen Perspektive« zu regeln.

Vertrauensbildende Maßnahmen im militärischen Bereich und die erhebliche Intensivierung der wirtschaftlichen Kooperation können das eingefleischte Misstrauen zwischen den beiden Ländern abbauen.

Wie arm Indien und China tatsächlich noch sind

Wie arm Indien und China tatsächlich noch sind

Foto: © Le Monde diplomatique

Grenzkonflikte und umstrittene Gebiete

Grenzkonflikte und umstrittene Gebiete

Foto: © Le Monde diplomatique

Indischamerikanische Beziehungen haben Vorrang

Selbst die Idee einer multilateralen Zusammenarbeit zwischen Russland, China und Indien dürfte schon bald auf der Tagesordnung stehen. Aber Neu-Delhi sieht hier keinen Gegensatz zu den indischamerikanischen Beziehungen, die angesichts des indischen Strebens nach einer Großmachtrolle absoluten Vorrang haben. Diese Sichtweise macht den Weg für substanzielle Kompromisse gegenüber Washington frei.

Gesetzesänderung zugunsten der USA

Davon zeugt die Gesetzesänderung bezüglich der Herstellung von Nachahmer-Medikamenten (Generika), die im Dezember 2004 von der indischen Regierung beschlossen wurde und weit über die Forderungen der Welthandelsorganisation (WTO) hinausging.

Auf Druck der Linksparteien und der Bürgerbewegungen hat das indische Parlament allerdings im März 2005 wesentliche Veränderungen an der Novelle vorgenommen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass Neu-Delhi in der letzten Verhandlungsphase bei der Doha-Runde der WTO die verheerenden Folgen für das eigene Land und die armen Bevölkerungen der Dritten Welt akzeptiert – nur um den USA entgegenzukommen.

Autor: Jyotsna Saksena

Jyotsna Saksena ist Dozentin am Institut National des Langues et Civilisations Orientales (Inalco), Paris.

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