China - die Risiken des Booms

China bemüht sich aktiv um ausländisches Kapital, und die internationalen Konzerne lassen sich von der billigen chinesischen Arbeit anlocken. Die Bedeutung des Landes für die Weltwirtschaft steigt ununterbrochen.

China: beliebtester Produktionsstandort der Welt

Seit Ende der 1980er-Jahre kann China als der beliebteste Produktionsstandort der Welt gelten. Das Land verzeichnet seit 2004 mit jährlich rund 60 Milliarden Dollar den höchsten stetigen Zufluss von Ausländischen Direktinvestitionen (ADI), wenn grenzüberschreitende Fusionen und Unternehmensverlagerungen innerhalb der EU unberücksichtigt bleiben. Die chinesischen ADI-Zahlen gelten zwar wegen der komplizierten Extraabrechnung mit Hongkong als übertrieben, aber dafür werden wiederum nicht alle ausländischen Investitionen erfasst.

Absolute Investorenliebe (2004)

Absolute Investorenliebe (2004)

Foto: © Le Monde diplomatique

China – ein lukrativer Standort für westliche Konzerne

Die Wettbewerbsvorteile des alten »Reichs der Mitte« liegen allerdings auf der Hand. Den internationalen Unternehmen bietet China ein gewaltiges Reservoir disziplinierter Arbeitskräfte zu geringen Stundenlöhnen um etwa 0,20 Dollar – und nicht zu vergessen: Es gibt keine unabhängigen Gewerkschaften. In den vergangenen zwanzig Jahren haben zahlreiche westliche Konzerne dieses Angebot genutzt und bedeutende Teile ihrer Produktion nach China verlegt.

Auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst seit längerer Zeit stetig um etwa 10 Prozent pro Jahr. Die Regierung kalkuliert allerdings nun einen leichten Rückgang vor allem wegen zunehmender Überkapazitäten ein. Das Wachstum soll 2006 bei immer noch 9,3 und 2007 bei 8,8 Prozent liegen.

Absolute Wirtschaftsleistung (2004)

Absolute Wirtschaftsleistung (2004)

Foto: © Le Monde diplomatique

Rasante Wirtschaftsentwicklung

Chinas Bruttoinlandsprodukt liegt inzwischen, gemessen am Gesamtvolumen, weltweit auf dem vierten Rang und wird nur noch von den USA, Japan und Deutschland übertroffen. Wird nicht nach dem Wechselkurs, sondern nach Kaufkraft verglichen, liegt China bereits auf dem zweiten Platz. Außerdem ist China inzwischen die drittgrößte Handelsnation der Welt. Natürlich sieht die chinesische Führung darin einen Erfolg ihres Wirtschaftsmodells. Dieser hängt allerdings stark vom Außenhandel ab.

Ein weiterer Garant des Erfolgs war der starke Zustrom von Anlagekapital: Die Käufe von Aktien und anderen Wertpapieren stiegen im Jahr 2005 auf mehr als 700 Milliarden Dollar. Problematische Folgen der rasanten Wirtschaftsentwicklung sind unter anderem der wachsende Energiebedarf, die zunehmende soziale Ungleichheit und verschärfte internationale Spannungen.

Ein- und Ausfuhren: Der größte Markt ist Asien

Ein- und Ausfuhren: Der größte Markt ist Asien

Foto: © Le Monde diplomatique

Problematik des sozialen Gleichgewichts

Die chinesische Regierung weiß, wie wichtig das soziale Gleichgewicht zwischen den Städten und den ländlichen Gebieten ist. Dieses Problem stand im Mittelpunkt der Debatten beim Kongress der Kommunistischen Partei, an dem 2005 rund 500 Delegierte und Regierungsmitglieder teilnahmen.

Nach offiziellen Angaben belief sich 2004 das durchschnittliche Jahreseinkommen in den Städten auf 9.422 Yuan (1.140 Dollar) und wuchs um 7,7 Prozent, in den ländlichen Gebieten dagegen nur auf 2.936 Yuan (355 Dollar), bei einem Zuwachs von 6,8 Prozent. Noch nicht erfasst sind dabei die Wanderarbeiter, die von einer Provinz zur andern ziehen, um als Tagelöhner ein paar Yuan zu verdienen.

Soziale und politische Krise

Die zunehmende soziale Ungleichheit führt zu inneren Konflikten – von der »harmonischen Gesellschaft«, die Präsident Hu Jintao immer wieder beschwört, ist man weit entfernt. Nach Ansicht einiger ausländischer Beobachter befindet sich China in einer weit schlimmeren sozialen und politischen Krise als 1989. Damals bestand die Antwort des Regimes auf die Demokratieforderungen vieler junger Chinesen in brutalen Unterdrückungsmaßnahmen wie dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Problematik des Exportüberschusses

Chinas Exportüberschuss hat bereits etliche Konflikte ausgelöst. Peking muss fürchten, dass seine westlichen Partner auf offene und verdeckte protektionistische Maßnahmen zurückgreifen werden. Außerdem fordert der Westen immer dringender die Aufwertung des Yuan. 2005 betrug Chinas Handelsüberschuss 100 Milliarden Dollar gegenüber den unproblematischen 20 bis 30 Milliarden Dollar in den Jahren 1998 bis 2004. Der Grund für den Exportschub: Die Ausfuhren wuchsen um 30 Prozent, die Einfuhren dagegen nur um 18 Prozent.

Außenhandel mit regionalem Defizit

Außenhandel mit regionalem Defizit

Foto: © Le Monde diplomatique

Forderung nach einer Aufwertung des Yuan

Gegen Chinas Exportoffensive scheint kein Kraut gewachsen. Weder die Einfuhrbeschränkungen der EU und der USA für chinesische Textilien, noch die geringfügige Abwertung des Yuan im Juli 2005 haben diesen Trend gestoppt. Ohne Auswirkungen blieb auch, dass der Wert des Yuan nicht mehr nur gegen den Dollar errechnet wird, sondern gegen einen Währungskorb, der auch den Euro enthält. Inzwischen fordern EU und USA eine realistische Aufwertung der chinesischen Währung oder sogar die Freigabe des Wechselkurses.

Zunahme der R & D-Zentren ausländischer Unternehmen

Die internationale Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die Rivalität zwischen Peking und Washington im Energiebereich und die Rolle, die Japan dabei spielt. Doch die UN-Welthandels- und Entwicklungskonferenz (Unctad) macht in ihrem World Investment Report 2005 auf eine noch gravierendere Entwicklung aufmerksam: Internationale Unternehmen verlagern nicht nur immer mehr Produktionsbereiche nach China, sondern auch immer mehr Abteilungen für Forschung und Entwicklung (Research and Development, R & D).

Innerhalb von zehn Jahren waren es rund 700 R & D-Zentren ausländischer Unternehmen. Aus einer Unctad-Umfrage bei multinationalen Unternehmen geht hervor, dass 69 Prozent dieser Firmen bereit sind, in Zukunft noch mehr Geld in ausgelagerte R & D-Einrichtungen zu investieren. Die EU wie die USA betrachten diese Entwicklung mit Sorge – und bereiten neue Gesetze vor, die ihre »strategisch wichtigen« Wirtschaftsbereiche schützen und den Technologietransfer nach China eindämmen sollen.

Autor: Akram Belkaïd

Akram Belkaïd ist Journalist bei »La Tribune« und Autor von »Un regard calme sur l’Algérie«, Paris (Seuil) 2005.

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