Metropole Bombay, Zukunft der Welt

Am 27. Juli 2004 ging in Bombay die größte Regenmenge nieder, die je registriert wurde: 94 Zentimeter an einem Tag. Der Wolkenbruch brachte die besten und die schlimmsten Seiten der Stadt zum Vorschein. Hunderte Menschen ertranken in den Fluten. Aber im Unterschied zu den Zuständen in New Orleans nach dem Hurrikan »Katrina« brach die öffentliche Ordnung nicht zusammen. Und obwohl die Polizei keine Präsenz zeigte, gab es keinen Anstieg der Kriminalitätsrate.

Slumbewohner helfen Autofahrern

Das lag daran, dass die Menschen alles taten, um sich gegenseitig zu helfen. Slumbewohner liefen zur Stadtautobahn, um den dort liegen gebliebenen Autofahrern zu helfen. Vielen von ihnen wurde Zuflucht in Elendsquartieren angeboten, wo bis zu sieben Erwachsene in einem Raum leben.

Freiwillige Helfer wateten durch das hüfthoch stehende Wasser, um die 150.000 Menschen, die in den Bahnhöfen eingeschlossen waren, mit Essen zu versorgen. Die Menschen fassten sich an den Händen und bildeten Ketten, um Ertrinkende aus den Fluten zu retten.

Keine Hilfe von der Regierung

Von der Regierung und ihren Organen war kaum etwas zu sehen, doch das hatte auch niemand anders erwartet.

Die Einwohner von Bombay halfen sich gegenseitig, weil sie jede Hoffnung auf Hilfe seitens der Regierung verloren haben. Und genau so wird es im 21. Jahrhundert den meisten Menschen auf der Welt ergehen.

Wirtschaft boomt neben sozialem Notstand

Bombay ist mit den 15 Millionen Menschen, die innerhalb seiner Stadtgrenzen leben, die bevölkerungsreichste Metropole einer Erde, deren Bewohner mehrheitlich in Großstädten leben. Es ist die größte, reichste und am schnellsten wachsende Großstadt Indiens. Hier boomt die Wirtschaft, und zugleich herrscht sozialer Notstand.

Bombay ist eine Insel der Hoffnung in einem sehr alten Land. Und weil die in Bollywood produzierten Filme so viele Menschen erreichen, ist Bombay zugleich die Stadt, von der die Massen in ganz Indien träumen.

Wenn man die Stadt durchwandert, wird man entdecken, dass alles – ob Sex oder Tod, Handel oder Religion – auf offener Straße oder am Straßenrand stattfindet. Dies ist eine Stadt der Superlative: Hier sind Not und Elend am größten – wie auch die Herzen.

Unkontrollierte Zuwanderung vom Lande

Bombay ist der Inbegriff für eine Gruppe von Megastädten in den Entwicklungs- und Schwellenländern, zu der Städte wie São Paolo, Lagos und Jakarta gehören.

In all diesen Ballungsräumen gibt es eine unkontrollierte Zuwanderung vom flachen Lande und gewaltige Infrastrukturprobleme, riesige Slumsiedlungen und einen permanenten sozialen Überlebenskampf – und doch bleiben diese Megastädte für die jungen Menschen ein Fanal der Hoffnung.

Erste und Dritte Welt in einer Stadt

Dabei entwickeln sie sich in eine ganz andere Richtung als die Metropolen, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, also wie New York, London oder Paris, deren Wachstum inzwischen an seine Grenze gestoßen ist.

Die Erste und die Dritte Welt sind nicht mehr auf die beiden entgegengesetzten Großregionen, auf »den Norden« und »den Süden« unseres Planeten verteilt, sie liegen dicht beieinander, ja sie prallen innerhalb derselben Stadt aufeinander.

In Bombay gibt es Menschen, die so reich sind, dass sie ihre Hemden zum Waschen nach Paris schicken. Und umgekehrt liegt die Lebenserwartung eines Bewohners von Harlem niedriger als die ein Bürgers von Bangladesch.

Indien - alles ist wahr und falsch zugleich

Indien entzieht sich jeder Beschreibung, denn alles, was man über dieses Land sagen kann, ist wahr und falsch zugleich. Gewiss, Indien dürfte schon bald das Land mit der größten Mittelschicht der Welt sein.

Aber heute hat das Land noch die größte Unterschicht der Welt. Und dasselbe gilt für Bombay. In dieser Stadt wächst alles im exponentiellen Maßstab: die Call-Centers, die internationale Verbreitung der hier produzierten Filme, die Bedeutung der Börse als Eingangstor zum indischen Finanzmarkt, aber ebenso die Slums, die Anzahl der in absoluter Armut lebenden Menschen, der Verfall der städtischen Infrastruktur.

Shanghai als Vorbild

Als Modell für die Entwicklung von Bombay haben die Stadtplaner ganz offensichtlich Shanghai vor Augen. Und die lokale Regierung hat sich einen von McKinsey vorgelegten Report zu Eigen gemacht, der den Titel »Vision Mumbai« trägt und als Ziel formuliert, Bombay »bis 2013 zu einer Stadt von Weltniveau« zu machen.

Der indische Architekt und Städtebauer Charles Correa konstatiert, dass der Report »wenig Visionäres enthält. Die Vorschläge haben eher etwas von Halluzinationen.«

Verbesserung der kommunalen Leistungen notwendig

Bombay braucht dringend eine drastische Verbesserung der elementaren kommunalen Leistungen, also des Straßen und Abwassernetzes, des städtischen Transportwesens, der medizinischen Versorgung, der Sicherheit für die Bürger.

Doch die Stadt steht vor einem Widerspruch, den einer der Stadtplaner so beschrieben hat: »Je angenehmer wir die Stadt machen, desto mehr Menschen werden herziehen, um hier zu leben.«

Heute stammt die große Mehrheit der Binnenmigranten aus den verarmten nordindischen Bundesstaaten Uttar Pradesh und Bihar. Die Probleme von Bombay sind also nicht zu lösen, bevor nicht die Probleme von Bihar gelöst sind. Entscheidend ist, das der Bauer in Bihar auf seinem Acker bleibt. Und das bedeutet: Die kleinen Bauern müssen wieder von der Landwirtschaft leben können.

Wettbewerb verzerrende Subventionen abschaffen

Wenn die Vereinigten Staaten und die Europäische Union ihre verzerrenden Subventionen abschaffen würden, wäre das schon ein großer Schritt, um zum Beispiel die indische Baumwolle gegenüber der US-amerikanischen konkurrenzfähig zu machen. Bombay ist somit auf Gedeih und Verderb von nationalen und internationalen Faktoren abhängig, auf die es keinerlei Einfluss ausüben kann.

Für uns alle, wo immer wir leben, ist es also wichtig, dass den Menschen in Megastädten wie Bombay geholfen wird. Vor drei Jahren hat die UN anlässlich ihrer Habitat-Konferenz einen Bericht publiziert (»The Challenge of Slums: Global Report on Human Settlements 2003«), der die Prognose enthält, dass bis zum Jahre 2030 60 Prozent der Weltbevölkerung in Großstädten leben und dass 2 Milliarden Menschen in Slums wohnen werden.

Der Bericht verweist auf die Gefahr, dass die Unternehmen der Ersten Welt im Zuge eines »Wettlaufs nach unten« ihre Investitionen und Arbeitsplätze ins Ausland, genauer: in die Städte mit den niedrigsten Arbeitskosten verlagern werden.

Bombay ist unsere Zukunft

Das bedeutet, dass die Verzweiflung der Slumbewohner in Städten wie Bombay unmittelbare Folgen für das ökonomische Schicksal der Menschen in New York oder Los Angeles oder London oder Berlin haben wird.

Derselbe UN-Bericht enthält auch die Warnung, dass diese Slums zum Nährboden für Extremisten werden können, falls wir keine politischen Rezepte entwickeln, die den kulturellen Unterschieden zwischen älteren und neueren Immigranten gerecht werden.

Für London ist es genauso wichtig, Bombay zu verstehen, wie es für Bombay wichtig ist, London zu verstehen. Und sei es nur, weil die nächste Generation der Londoner in Bombay geboren wird. In der Stadt also, die unsere Zukunft ist, ob es uns gefällt oder nicht.

Autor: Suketu Mehta

Suketu Mehta ist preisgekrönter indischer Autor. Zuletzt erschien »Maximum City: Bombay Lost and Found«, New York (Knopf) 2004 (dt. »Bombay. Maximum City«, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 2006).