27.12.2016, Denis A. De La Barra Saavedra

Pflanzenschutzmittel und die Umstellung auf Alternativen bei Kleinbauern in den Anden

Ortschaft Rodeo auf 3.000m
Foto: Dennis De La Barra

Die "Pflanzenmedikation" ist tief im Denken verankert. Doch mit dynamischem Agroforst eröffnen sich natürliche Alternativen.

Dyn. Agroforst als Forschungsobjekt

Denis A. De La Barra Saavedra hat einen Universitätsabschlus in Psychologie. Er ist aktuell in der Abschlussphase seines zweiten Studiums, Agrarwirtschaft an der Universität San Simôn in Cochabamba, Bolivien. Sein Schwerpunkt liegt auf dynamischen Agroforst. In seiner Masterarbeit erforscht er die praktische Erfahrung der Bauern mit dieser Anbaumethode. Seine Erlebnisse und Berichte möchten wir euch in diesem und folgenden Artikeln vorstellen.

Herkömliche Anbaumethode belastet

Das Dorf Rodeo liegt etwa 30 km von Cochabamba, der Großstadt in den Anden Boliviens, entfernt. Wenn man dorthin kommt ist die saubere Luft ein Genuß für die Lunge. Doch man ist zudem entsetzt angesichts der gravierenden Bodenerosion, der Vegetationsarmut und den eintönigen Feldern. Es steht meist nur eine Kultur auf den Feldern, die offensichtlich mit Pflanzenschutzmittel zusätzlich bespritzt wird. In dieser Region wird neuerdings auch die Methode der dynamischen Agroforstwirtschaft angewendet. Die Frage, die sich mir stellt lautet: Wie werden in diesen Parzellen die Schadinsekten kontrolliert?

Es ist bekannt, dass viele Landwirte in Bolivien Agrochemie, also Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger, einsetzen, ohne die Konsequenzen der immer größeren Anwendungsmengen zu bedenken. Es ist sogar üblich Spritzmittel auszubringen bevor überhaupt ein Schadinsekt zu entdecken ist.

Kleinbauern offen für Alternativen

Wie kommt es nun, dass neuerdings einige Bauern ihre traditionelle, chemielastige Landwirtschaft gegen eine nachhaltigere, agroforstwirtschaftliche Produktionsweise eintauschen?

Zuerst einmal ist festzustellen, dass die Kleinbauern in Rodeo nicht ihre gesamte Landwirtschaft umstellen, sondern nur eine Parzelle, die in der Regel 1.000 Quadratmeter groß ist. Statt mit nur einer Kultur wird eine beite Artenpalette gepflanzt, darunter auch einheimische Bäume und Büsche. Zweitens erhalten die Kleinbauern und Kleinbäuerinnen für die implementierung ihrer artenreichen Agroforstparzelle die Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen vor Ort. Diese wiederum werden über die deutsche Nichtregierungsorganisation NATUREFUND in Wiesbaden finanziert, die dabei Spendengelder und Mittel des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) einsetzt.

Agroforst bedeutet die Kombination von Landwirtschaft mit der Forstwirtschaft. Waldböden sind generell humusreich und haben eine fruchtbarkeitsbegünstigende Bodenstruktur sowie eine hohe Wasserspeicherkapazität. Die heimischen Bäume und Sträucher in Trockenzonen, wie die Ande, haben tiefreichende Wurzeln. Mit diesen holen sie Nährstoffe und Wasser aus Tiefen, an die Kulturpflanzen nicht heranreichen. Das daraus gebildete Laub düngt den Boden auf natürliche Weise und die aus der Tiefe bezogene Feuchtigkeit begünstigt über die flacheren Oberflächenwurzeln benachbarte Nutzpflanzen.

Eine dynamische Agroforstparzelle nutzt durch ihre reiche Artenvielfalt (Salate, Gemüse, Getreide, Beeren, Obst, gesundheitsfördernde Pflanzen, Bienenweide, Brenn- und Bauholz) die Anbaufläche in den verschiedenen Horizonten (unter der Erde, knapp über der Erde, Buschhorizont, Niederstamm-, Mittelstamm-, Hochstammhorizont). Aufgrund der Diversität hat sie eine hohe Resilienz gegenüber Schädlingen und extremen Wetterereignissen. Der Artenreichtum fördert Synergien im Boden und durch der periodisch anzuwendende Verjüngungsschnitt. Bei diesem wird alles Schnittgut auf dem Boden in der Parzelle belassen und so erhält der Boden viel organisches Material und eine schützende Mulchdecke. Die sich dadurch stetig verbessernde Bodenfruchtbarkeit ergibt kräftige, krankheitsresistente Pflanzen, die auch eine gesunde Abwehr gegenüber Schadinsekten haben.

Der Umstellungsprozess erfolgt Stück für Stück

Pflanzenschutzmittel sind tief in der Denkweise verankert. Die Kleinbäuerinnen in der Andenregion fühlen sich in der Regel gezwungen ihre Ernteerträge auf den Monokulturflächen durch die Anwendung von chemischen Spritzmitteln abzusichern. Sie haben zudem die Erfahrung gemacht, dass biologisch abbaubare Pestizide gegen die Blutlaus (Eriosoma lanigerum) auf den Obstgehölzen und der schwarzen Blattlaus auf dem Gemüse nicht allzu wirksam sind. Obwohl sie um die Gesundheitsgefährdung der chemischen Pestizide wissen, können sie deren Anwendung auf den Äckern nicht einstellen, ohne um ihre Ernte fürchten zu müssen.

Zwar wissen die Anwender der chemischen Pflanzenschutzmittel über deren Umweltproblematik Bescheid, dennoch halten sie daran fest. Die traditionellen Mittel werden als “Pflanzenmedikamente” verkauft und haben sich tief in den Methoden verankert. In den artenreichen Agroforstparzellen sollten diese allerdings nicht notwendig sein. Jedoch ist das Verständnis für eine umweltfreundliche Produktionsweise noch nicht sehr ausgeprägt. Nichtdestotrotz beweisen die Kleinbauern einen großen Fleiß bei der Bestellung ihrer Agroforstparzellen, was auch am guten Wuchs der Obstbäume erkennbar ist.

Die Bauern nehmen neues Wissen bereitwillig auf

Einige Kleinbauern lassen sich beim Befall durch Schädlinge in den Agroforstflächen beraten. Sie wissen bereits ausführlich Bescheid über die Gesundheitsbeeinträchtigung, Bodenschädigung und Umweltkontaminierung von chemischen Pflanzenschutzmitteln. Sie hoffen auf Alternativen aus dem Bereich der biologischen Schädlingsbekämpfung. Zudem erkennen sie, dass ihnen momentan noch vertiefendes Wissen über die geeignete Pflege ihrer Agroforstparzelle fehlt, um in Zukunft chemische Schädlingsbekämpfungsmittel weglassen zu können.

In diesem Zusammenhang läßt sich gut das Interesse der jüngeren Generation für landwirtschaftliche Prozesse erkennen. Die Eltern ermuntern ihre Kinder bei der Parzellenpflege mitzuhelfen und unterstützen somit die Aneignung von alternativen Kenntnissen zur konventionellen Landwirtschaft. Darunter auch die Tatsache, dass landwirtschaftliche Produktion und Umweltschutz sich nicht ausschließen.

Insofern bleibt zu hoffen, dass sich, unter sinnvoller Unterstützung durch beratende  Organisationen vor Ort die konventionelle Landwirtschaft mit ihrer umweltbelastenden Anwendung von Agrochemie hin zu einem nachhaltigen, umweltfreundlichen artenreichen und resilienten Landbau verändert. Nur so ist auf ein “Besseres Leben", wie es in der Bolivianischen Verfassung steht, zu hoffen.

Autor des Artikels: Denis A. De La Barra Saavedra
Übersetzung ins Deutsche: Noemi Stadler-Kaulich

Viele weitere Infos zum Dynamischen Agroforst finden Sie in unserem Projektbereich: Dynamsicher Agroforst